Logbuch

APOTHEOSE.

Man wird künftig mit einer Kritik im Sinne der Aufklärung an GOTTESSTAATEN etwas vorsichtiger umgehen müssen. Das ist nicht länger dem Islam vorbehalten oder anderen Fundamentalisten. Die NEUE RECHTE in den USA, auch MAGA im Sinne von „make America great again“ genannt, lässt nicht davon ab, dass der Religionsstifter aus Nazareth oder gar Gott selbst auf ihrer Seite stehen. Präsident Trump unternimmt wie der leibhaftige Christus Wunderheilungen. Der Vizepräsident will, für alle Fälle, in denen die Amis Kriege vom Zaun gebrochen haben, die Gewissheit bemühen, dass Gott auf ihrer Seite stand; der Mann ist konvertierter Katholik. Der Papst widerspricht.

Im Evangelikalen gibt es in den Bibelgürtel genannten Provinzen der US of A die naiv klingende Frage „What would Jesus do?“ als handlungsleitendes Prinzip für Alltagsentscheidungen. Nun, meine Seele hängt nicht am Katechismus, aber ich bin bibelfest; daher meine tiefe Verwunderung, wenn bei der anschließenden Exegese munter Sentenzen aus dem Alten Testament zitiert werden. Die Apotheose der Amis ist ein dümmlicher Götzendienst vulgärreligiöser Eiferer. Der Tanz um das Goldene Kalb. Siehe Wandschmuck im Weißen Haus.

Der gelbe Prophet hat sich mit seinen Gelüsten, tatsächlich als Messias verehrt zu werden, in einen Fundamentalkonflikt mit den Gläubigen unter seinen Anhängern bewegt, der ihn tiefer beschädigen wird, als seine Eitelkeit ihn ahnen lässt. Das ist Gotteslästerung im Amt. Der Papst möge ihm den Gospel vorhalten, seine Mitbrüder rücken von ihm ab, da sie aus der Bibel wissen, wie der Himmel auf derartige Blasphemie reagiert. Babylon.

Gerade noch genug Zeit, die radebrechende Gattin in Maria umzubenennen und zur Jungfrau zu erklären. Jetzt, wo wir doch wissen, dass sie keine Magdalena auf der Insel der Seligen war. Wäre ein weiteres Ass im Ärmel auf seinem Weg in den Himmel. Wenn schon nicht Gottvater, aber mindestens doch Heiliger Geist.

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DER DUMME AUGUST.  

Ich bin kein gelehrter Kenner der Antike, stehle mir aber aus dem Alten Rom diese und jene Weisheit; was den Cognomen Cato begründet. Jüngst gilt es zu ergründen, was den Begriff des CÄSARENWAHNS geprägt hat.

Offensichtlich kam es am Tiber zu einem Fieber, dass die Vorsteher der Republik nicht mehr nur glauben ließ, sie seien „primus inter pares“, sprich der Erste unter Gleichen, also Inhaber eines republikanischen Amtes, sondern halbe Götter, wenn nicht ganze. Das erzeugte unter den dergestalt einem König („rex“) unterstellten Bürgern Zorn. Es erklang in den Gassen Roms: „Man werfe den Tiberius in den Tiber!“ Tiberius in tiberim!

Nicht jeder schaffte es daher zum „Erhabenen“, im Lateinischen „augustus“, so wie der kluge Octavian, dem das Schicksal des ermordeten Cäsars eine Warnung war. Augustus, so dann der Cognomen des Octavian, beseelte das Kalkül, dass man zwar für sein Ansehen sorgen kann, aber nicht nach der Königskrone greift oder sich selbst zu Lebzeiten vergöttert. Denn die APOTHEOSE, die Erhebung des Erhabenen zu einem Gott, die steht stets am Ende des Staatstheaters. Das ist der letzte Akt. Und tschüss.

Das sollte man dem dummen August erläutern, der sich gerade in den Sozialen wie Jesus kleidet und dessen Stellvertreter auf dem Stuhl Petri. Gottesgnadentum. Freilich verdanken wir den Possen der Neuen Rechten ein wirkliches Bonmot. Der Papst sei, sagt der peinliche Potentat zusammenfassend, eine „liberale Person“. Das ist als Diskreditierung gemeint. Ach, wenn Luther das noch hätte miterleben dürfen.

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ALSO WAS?

Ein eifriger Fremdenführer zerrt mich mit einer Gruppe bildungsbeflissener Professoren der efeubewachsenen Universitäten Nordamerikas, lauter kleine Gumbrechts, durch Prag; auch zum alten jüdischen Friedhof. Danach suche ich dem Geschwätz zu entrinnen und bleibe in einer Buchhandlung bewusst zurück. Aus Verlegenheit erwerbe ich eine etwas abgegriffene Ausgabe des Eco-Romans zum Geist des Ortes. Blätternd erinnere ich mich: Ein schrecklich gescheitertes Werk.

Alles begann vor 120 Jahren, als im Russischen ein Oeuvre lanciert wurde, dass eine „jüdisch-freimaurerische Verschwörung“ aus Kreisen französischer „Initiierter“ aufzudecken vorgab, ein antisemitisches Pamphlet, das als die „Protokolle der Weisen von Zion“ in die Weltgeschichte der Judenverfolgung einging. Die englische Times wies schon vor hundert Jahren nach, dass es sich um eine zweifelhafte Kompilation handelt, ein Zusammenschmieren anderer Quellen, zum Teil unklarer Herkunft, aber immer mit klarer Absicht. Übles Machwerk.

Nächtens treffen sich danach die Repräsentanten der zwölf Stämme Israels auf dem Prager Friedhof, um sich über den Stand ihrer Weltverschwörung auszutauschen; das wird belauscht und berichtet. Darin verarbeitet vermeintliche Gespräche von Montesquieu mit Machiavelli. Alta! Womit der gebildete Unsinn so Blüten treibt. Ecos Roman ist nun ein fiktionales Exerzitium über fünfhundert Seiten, das seine Leser gegen solchen Unsinn immunisieren soll. Dabei ist er sich seines literarischen Scheiterns bewusst und wird im Nachwort auch noch frech. Er gibt dort Nachhilfe, und zwar dem Leser mit „nicht fulminanter Auffassungsgabe“.

Lehrreich finde ich die zeitgenössische Reaktion Hitlers in „Mein Kampf“; er berichtet von stöhnenden Artikeln der „Frankfurter Zeitung“, wonach die „Protokolle“ nicht echt seien und schlussfolgert: „der beste Beweis dafür, dass sie echt sind…“ So ist das mit der Propaganda, sie gewinnt ihr authentisches Moment durch den Kampf gegen sie. Der Gegenaufklärung ist mit Logik nicht beizukommen.

Mittlerweile sind die Gumbrechts beim Bier; ich geselle mich wieder dazu. Fragt mich mein netter Nachbar, auf den Eco-Band weisend, ob ich ein Exemplar der echten Protokolle hätte. „Eco qua?“

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HIGHWAYMAN.

Man sieht die im Hellen. Die im Dunklen sieht man nicht. Das ist ein Spruch des Dichters Brecht aus seinen Arbeiten am Dreigroschenkomplex. Das wiederum ist ein Sujet aus dem 18. Jahrhundert, das Brecht sich aneignete, ursprünglich von einem John Gay. Der hatte eine Posse auf die Herrschenden geschrieben, die zeigt, dass das Milieu der niederen Verbrecher so funktioniert wie das der hochherrschaftlichen. Und umgekehrt. Er spricht von den „Gentlemen of the Road“, was man im Amerikanischen „highwaymen“ nennt. Der Ammi-Mythos. Die Western werden wahr.

Wie komme ich heute morgen darauf? Nun, das amerikanische Volk hält, egal, wie die Auszählung der Stimmen endet, den Großmachtpolitiker Donald Trump zumindest zur Hälfte für wählbar. Das Entsetzen darüber ist in Europa nur schlecht verborgen. Die alte Welt weiß jetzt nicht so recht, ob sie ihn gar einen Faschisten nennen soll. Das ist mir egal, weil es nicht um Wörter geht. Und weil er nicht Rumpelstilzchen ist; schon gar nicht, wenn in der größten Demokratie demokratisch gewählt. Ein wahrer und wirklicher Westernheld.

Reden wir daher nicht über Trump, reden wir über die Neue Rechte und jene Mächte, die sich ihrer bedienen. Man kann diesen Übergang von öffentlicher Figur auf eine politische Agenda und dann auf eine Vorherrschaft, schließlich auf große Geschäfte, diese sprichwörtliche Kaskade des Kapitals, doch sehr gut an der vielfältigen Identität des Elon Musk und anderer kalifornischer Oligarchen sehen. Das ist einiges im Hellen und sehr vieles sieht man nicht; darf es aber doch wohl ahnen.

Was singen sie heimlich?
„I was a highwayman
Along the coach roads, I did ride
With sword and pistol by my side
Many a young maid lost her baubles to my trade
Many a soldier shed his lifeblood on my blade
The bastards hung me in the spring of twenty-five
But I am still alive.“
Das singen sie heimlich. Im Halbdunkeln.

Die Herren der Welt machen es wie die Herren der Straße. Wir nähern uns Verschwörungstheorien, was dann falsch ist, wenn man sich gegen jene wendet, die im Licht stehen. Die Kulissenschieber suchen nie das Scheinwerferlicht. Wer gehört wirklich zu jenem Establishment, das Trump agieren lässt, der gewählt wird, weil er behauptet, er befreie vom Establishment. Hier Licht ins Dunkle zu bringen, wäre eine Aufgabe. Der ist eine simple Glosse nicht gewachsen. But I am still alive.