Logbuch
WELTMÄNNISCHES.
In der friedlichen Sommerfrische eines frühen Sees lese ich eine Stadtgeschichte von einem nun wirklich fernen Ort; ich blättere in den Annalen Thessalonikis, das ist im Norden des Helenischen Reiches, in Mazedonien. Der Ort muss seinen Charme gehabt haben, sonst hätten sich nicht Generation über Generation die Kehlen durchgeschnitten, um hier eine vorübergehende Heimat zu finden. Ich lese von Herrschaften des Byzantinischen, des Osmanischen, der immer großkotzigen Römer, von kleinen jüdischen Siedlungen ursprünglich spanischer Juden. Slawen haben auch hier gesiedelt.
Ein Viel-Völker-Reich unterschiedlicher Regentschaften, immer neue Fremde rauften sich zusammen. Einen Tempel als Moschee genutzt, dann als Kirche geweiht, dann zur Markthalle erblüht. Bevor man hieran als Symbol Gefallen findet, welch ein Menschenbild? Wir sind doch wirklich ein unfriedliches Pack als Erdenbewohner. Immer wieder treffen wir als FREMDE aufeinander, wo Vertrautheit erst als Ausnahme entstehen muss, wenn der andere sich nicht vorher von seiner schlechtesten Seite hat zeigen dürfen. So bilderreich die Geschichte, so elend das sich dabei offenbarende Menschenbild, nicht in den Bibeln, aber in den Geschichtsbüchern.
Der Mensch, die Krone der Schöpfung, das Schwein. Neben meiner Idylle all überall Niedertracht, Verrat, Verbrechen. Aber Alexander der Große stammt doch von hier und der einmalige Kemal Atatürk. Große Männer großer Reiche. Viele Vertreibungen vieler Völker. Und was ich noch sagen wollte, das Blätterteiggebäck aus Thessaloniki schmeckt echt widerlich, schon wenn mit Honig gefüllt, erst recht, wenn darin Spinatartiges in Ziegenkäse vergammelt. Einzubilden braucht der Griech aus Griechenland sich rein gar nix. Damit das mal klar ist. Ich will jetzt einen Kaffee und ein Hörnchen. Nicht diesen fremden Fraß.
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BINGO BENKO.
Wer vom Fach, schätzt in der Presse bestimmte Blätter mehr als andere, vor allem aber bestimmte Federn. Immer ein Signal für Lesevergnügen und Erkenntnisgewinn ist der Franke Uwe Ritzer aus Nürnberg, Investigativer bei der Süddeutschen. Ohne Journalisten seiner Handwerkskunst wäre das Blatt noch dünner; es ist schon dünn genug.
Heute also präsentiert Ritzer Stilblüten aus den Ermittlungsakten gegen den Finanzjongleur Benko, die nicht ohne Komik sind. Es gab in dem weitverzweigten Imperium einen regelrechten „Staubsauger“, der das filigrane Gebilde ganz ordinär absaugte, damit in Benkos Taschen landete, was hier und dort gewonnen worden war, vieles heimlich unter den Teppich gekehrt, um dann doch eingesammelt zu sein. „Der Staubsauger ist da!“ So hieß es dann bei Benkos. Man lese Ritzer.
Mit den Staubsaugern ist das ja so eine Sache. Man kennt den Kalauer aus dem Direktvertrieb der Wuppertaler Firma Vorwerk, die an der Wohnungstür verkaufte, wo der Vertreter sein Vorwerk zu zeigen ankündigt und die Hausfrau sich das entschieden verbietet. Zudem unvergessen der Vertreterbesuch der fiktiven Firma Hainzelmann bei Hoppenstedts mit der Erkenntnis: „Es saugt und bläst der Hainzelmann, wo Mutti sonst nur blasen kann.“
Bei Benkos Buberln Partie schließlich die finanzwirtschaftlich fundamentale Erkenntnis „follow the money“; es sind nicht die Beträge als solche entscheidend, egal wie hoch. Man achte vor allem auf die Fließrichtung. Es waren nicht seine wundertätigen Millionen, die dann wohltätig Kaufhäuser retteten, damit Innenstädte wieder blühten, wo biedere Hausfrauen dann ihr Konsumglück nicht mehr fassen konnten. Obwohl das so in der Presse gefeiert wurde. Außer bei Uwe Ritzer. Aber das hatten wir ja schon eingangs.
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DER SIEBTE TAG.
Wie kann jemand, den man selbst so schätzt, gänzlich unbemerkt derart unbeliebt werden? Ich verstehe den Niedergang des britischen Premiers Sir Keir Starmer nicht. Seine Partei zeigt nicht nur Ambition im inneren Machtkampf; sie überschäumt im Furor gegen diesen braven Mann. Vatermord ist eine normale Form des Generationswechsels in der Politik, den Sozialdemokraten ist aber auch das Gift der stalinistischen Säuberung mitgegeben. Ich bin fassungslos: Wann und wie wächst so viel Hass gegen einen so feinen Kerl?
Nicht, dass mir das neu wäre. Ich bin ja Zeitzeuge der gezielten Entehrung des Gerhard Schröder, dem man, als schon entmachtet, Büro und Fahrer nahm. Das war eine bloße Demütigung und auch so gemeint. Nun bin ich da kein verlässlicher Kritiker; ich mochte den und er hat mir mal den Arsch gerettet, als es für ihn nicht ohne Risiko war. Ich schulde dem was.
Keir Starmer habe ich geschätzt, weit mehr als Tony Blair, den sein transatlantisches Vasallentum einsam machte. Starmer ist ein rechter Sozialdemokrat mit liberaler Seele, ein linker Gentlemen, wenn man eine solche Fülle an Attributen vermeintlich widersprüchlicher Art noch entschlüsseln kann. Er hat Recht gesucht und verteidigt für jene, denen das nicht an der Wiege gesungen war.
Und das in einer Partei, die über weite Flügel und ganze Regionen einen ideologisch zementierten Antisemitismus mit einer Islamophilie verbindet, die nicht nur der Neuen Rechten als Treiber einer migrantisch begründeten Gegengesellschaft gilt. Labour packt in Watte, was Labour zu wählen verspricht. Mich fremdelt vor dem pakistanisch stämmigen Herrn, der da Greater London regiert. Aber darum geht es mir nicht. Keir konnte auch mit dem.
Ich will auf etwas hinweisen, dass unter den Hunnen vielleicht niemand weiß, sprich den Deutschen. Sir Keir Starmer ist mit einer jüdischen Anwältin verheiratet und die Familie mit zwei Kinder lebt im jüdischen Ritus. In aller Stille und Privatheit, jedenfalls nicht zu politischer Münze gemacht. Könnte das einen Anteil am Missfallen im linken Labour-Milieu gehabt haben? Ich frage für einen Freund.
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LOBBY.
Den Vorraum der Macht nennt man nach der Wandelhalle im Parlament die Lobby. Man muss einräumen, dass die Herrschaften selbst, die das Gewerbe ausüben, keinen guten Ruf bei Journalisten haben; man unterstellt ihnen Strippenzieherei; ein Ausdruck aus dem Marionettentheater. Dabei werden die Politiker als abhängige Puppen gedacht, die nicht nur dem Wählerwillen folgen oder ihrem Gewissen (das Zweite ist verfassungsgemäß), sondern auch Einflüsterungen durch Interessenvertreter. Darüber rümpfen jene die Nase, die darin ein Monopol ihrerselbst sahen, zum Beispiel die Presseheinis.
Gestern Abend sehr gutes Gespräch mit einer Taxifahrerin. Ich komme aus dem BORCHARDT und frage sie, was sie für eine Schüssel fährt und warum die Stadt so voll wirkt. Nun, die Karre ist kein Tesla, sondern ein Hyundai aus Südkorea, so was wie ein Tesla für Arme, batteriebetrieben, furchtbares Gerät. Die Stadt sei voll, weil alle Lobbyisten wieder da seien. Es herrsche große Unsicherheit im Land, wer denn nun die Scherben zusammenfege. Also bevölkern sie wieder den Gendarmenmarkt. Olaf Ohneland hat in einem geplanten Akt der Verzweiflung nicht nur seinen Finanzminister entlassen, sondern so ausführlich persönlich gedemütigt, dass er auf eine Unterstützung durch die Abgeordnete von dessen Partei nicht mehr hoffen könne. Sagt die Dame am Volant, deren Einsicht ich bewundere.
Meine Fahrerin fragt sich, ob „der laue Merz“ jetzt die Eier habe, dem Gekaspere ein Ende zu bereiten. Sie erzählt, wie sie sich in die Elektromobilität habe reinquatschen lasse und nun auf einem Bock säße, dessen Wiederverkaufswert unterirdisch sei. Und das, während ihr eine schwarzfahrende Konkurrenz unter der UBER-Flagge zu schaffen mache, meist mit Illegalen am Steuer, sagt sie. Ich erzähle ihr, dass die Kernkraftwerke zerstört seien, die Kohle verfemt und die neuen Gasturbinen noch nicht so recht beschlossen. Ich höre darauf ein politisches Urteil, das man von Alice Weidel kennt. Volkesstimme, ja, Stammtisch.
Womit wir, Chauffeurin und angetrunkener Fahrgast, bei den Kanzlerkandidatinnen sind. Weidel und Habeck haben sich erklärt, Scholz ist gesetzt, Merz wohl auch, nur Wissing zögert noch; er weiß noch nicht, für welche Partei er antritt. Wir lachen, obwohl der klugen Frau am Steuer eigentlich nicht nach Spaß zumute ist. Das Land ginge den Bach runter. Ich zahle 16 Euro 80 und bin am Ziel. Nein, nicht am Ziel, nur, wo ich hinwollte.