Logbuch

PARADIES AUF ERDEN.

Wie erklärt man jemandem aus Stellenbosch, warum die Eingeborenen hier am Ort Äpfel keltern und das saure Gesöff preisen. Südafrika hat die herrlichsten Weine. Und der Hesse Fallobst von der Kitschenwiese.

Nur die Frauen können das Land noch retten, höre ich. Der alte weiße Mann spricht über seine Heimat und die bitterarme Bevölkerung schwarzer Abstammung in Gettos. Wenn sich hier kein Matriarchat durchsetze, drohe die Verwahrlosung ganzer Milieus. In mir springt die automatische Zensur an. Lausche ich einem Rassisten? Ich bin mir nicht sicher. Und höre dann doch zu.

In Johannisburg hält man nachts nicht an roten Ampeln, weil der Überfall auf das Auto geradezu erwartbar ist. Die persönliche Sicherheit sei in „gated communities“ einigermaßen gut, aber nicht alle Bewohner seien noch bereit, die sauteure private Sicherheitsfirma zu bezahlen. Am Rande seines Viertels hinter Stacheldraht habe sich eine illegale Wellblechsiedlung gebildet, deren Bewohner nun auf das Recht pochten, das abgesperrte Gebiet durchqueren zu dürfen. Dann sei es auch tagsüber nicht mehr sicher für Frauen und Kinder.

Ich sitze in einer Frankfurter Äppelwoi-Kneipe neben einem Buren, einem Touristen aus Südafrika. Und weiß gar nicht, ob ich dessen Geschichten glauben soll. Er arbeite, berichtet er, als Migrant auf Mauritius als Bau-Ingenieur, werde da aber nicht in Pension gehen können. Die ehemalige Strafinsel der britischen Kolonisatoren in Indien, das sagenumwobene Mauritius, gebe ihm, dem Südafrikaner, keinen Pass. Er wolle im Alter nach Europa.

Flüchtlingsgespräche auf höherem Niveau. Die Idylle meiner Heimat beschämt mich. Er fragt mich, ob ich etwa unbewaffnet durch das Nachtleben Sachsenhausens ziehe. Ja, sicher! Das könne er zuhause nicht wagen. Selbst die Polizei sei in einem Ausmaß korrupt, dass oft nur ein Krüger Rand helfe. Oder eben eine Glock. Starker Tobak.

Ich wende mich ab. Es bleibt aber das schlechte Gewissen des Beschenkten. Nicht durch die Räuberpistolen des Buren. Nein, beschämt durch die Selbstverständlichkeit, mit der wir unseren Frieden hier hinnehmen. Noch nie, sagte mir der weiße Mann, habe er Schulkinder auf Fahrrädern allein auf dem Schulweg gesehen. Noch nie. Das sei ungeheuerlich. Wie wir das geschafft hätten? Gute Frage.

Logbuch

GOTTESLÄSTERERUNG.

No pics! Viele Religionen verbieten die bildliche Darstellung des Göttlichen. Einige sind da echt rigoros, insbesondere Schulen des Protestantismus und des Islam. Bildverbote. Bildersturm.

Nun hängt es in einem meiner Büros da an der Wand, das Selbstbildnis des Malers, mit dem etwas unverschämten Anspruch, dass genau so wie er auch der Religionsstifter ausgesehen habe. Mir gefällt an Albrecht Dürer diese Kombination aus Handwerk, Genie und bürgerlichem Selbstbewusstsein. Der Mann konnte was und war frech wie Dreck!

Da zeigt sich, was in den Metropolen dieser Zeit, in Nürnberg, Venedig und Antwerpen an BÜRGERLICHKEIT entstand. Alle Achtung. Sie langten rigoros in die Antike zurück (und nannten es Wiedergeburt) und griffen nach den Schätzen der Welt (als Gemeinwohl verstanden). Kultur und Kolonialismus. Warum sollte ein solches Ego vor der Religion halt machen? Dürer war halt dem Gottessohn wie aus dem Gesicht geschnitten. Oder umgekehrt, der ihm. Und?

Der kunstgeschichtliche Witz von Dürer ist das „AD“ als Signatur und Marke. Seine Frau nahm den Markenschutz sehr ernst. Fälscher wurden regelrecht bedroht. Das Authentische als Rechte-Schutz, in einer Zeit, die die technische Reproduzierbarkeit zu erfinden beginnt. Und genau hier hat das Abbild Jesu aus dem Schweißtuch der Heiligen Veronika seinen Witz. Gottesähnlichkeit wird auf die Schüppe genommen.

Denn das „vera icon“ des Schweißtuches hat keinen Schöpfer im Sinne eines Malers, der seinem Gestaltungswillen freien Lauf ließe; es ist das Original aller Originale. Das hat schon die Antike fasziniert: ein nicht von Menschenhand geschaffenes Kunstwerk. Authentischer geht es nicht. Man spielt mit dem Schöpfungsbegriff. Man will Gott sein. Ein agnostisches Abenteuer.

Darum ist das echt frech. Drunter tun sie es nicht, die Herren Künstler. Faszinierend.

Logbuch

DIE HEILIGE FAMILIE.

Das Erhabene ist nicht von dieser Welt. Während wir niederen Wesen im Profanen feststecken, überkront uns das Göttliche. Na ja.

Aus einem Kunstkatalog mit Hilfe eines genialen Fotografen vom Ort ein Bild des großen Albrecht Dürer reproduziert und überlebensgroß ins Büro gehängt. Das ist frech, aber nicht so frech, wie er selbst war, der Albertus Durer Alemanus (so unterzeichnete er, der AD aus Nürnberg).

Wir sehen zwei schwebende Engel, stolz ein Tuch präsentierend, das das Antlitz Jesu zeigt. Kenner kennen das: das Schweißtuch der Heiligen Veronika, die den Nazarener auf seinem letzten Gang zu trösten suchte und seine Gesichtszüge im dargereichten Tuch verewigte. Seit dem das wahre Bild (vera icon) des Herrn. Erhaben. Heilig.

Spoiler: Dürer schmuggelt ein Selbstporträt ins Heilige. Herr Jesus trägt schlicht seine Züge. Das ist frech. Kenner kennen das. Das Genie aus Nürnberg hat sich schon als Knabe selbst porträtiert, und dann im Laufe seines Lebens immer wieder. Wir wissen, wie er aussah. Auch anderen Künstlern sind solche Eitelkeiten unterlaufen; gelegentlich sogar mit dem Ponem des Sponsoren. Dürer hat solche Selbst-Porträts sogar zu Mitteilungen an seinen Arzt genutzt. „Da tut es mir weh!“ Selfies.

Erste Irritation: die Engel zeigen derbe Männerfüße, die offensichtlich mittelalterliches Pflaster zu bestehen hatten. Hat er hier seine eigenen Mauken abgekupfert? Das kann sein. Zweite Irritation: die Gesichter der Engel kommen mir bekannt vor. Das eine ähnelt seiner Gattin. Mit der er, das ist aktenkundig, eine kinderlose Zweckehe führte; sie besorgte seine Geschäfte. Die Managerin. Tüchtige Frau.

Das andere Gesicht kenne ich aus dem Dürer-Haus in Brügge. Ich sehe meine Erinnerungsfotos an eingesehene Dokumente aus dem letzten Frühjahr durch. Ja, es ist die Dienstmagd, die ihn auf seiner Reise nach Antwerpen begleitet hatte. Unter uns: seine Geliebte und die Mutter seines außerehelichen Kindes.

Das ist frech. Zwei Engel mit dem Gottessohn auf der Ebene des Erhabenen. Aber eigentlich, im wirklichen Leben…

Logbuch

LOBBY.

Den Vorraum der Macht nennt man nach der Wandelhalle im Parlament die Lobby. Man muss einräumen, dass die Herrschaften selbst, die das Gewerbe ausüben, keinen guten Ruf bei Journalisten haben; man unterstellt ihnen Strippenzieherei; ein Ausdruck aus dem Marionettentheater. Dabei werden die Politiker als abhängige Puppen gedacht, die nicht nur dem Wählerwillen folgen oder ihrem Gewissen (das Zweite ist verfassungsgemäß), sondern auch Einflüsterungen durch Interessenvertreter. Darüber rümpfen jene die Nase, die darin ein Monopol ihrerselbst sahen, zum Beispiel die Presseheinis.

Gestern Abend sehr gutes Gespräch mit einer Taxifahrerin. Ich komme aus dem BORCHARDT und frage sie, was sie für eine Schüssel fährt und warum die Stadt so voll wirkt. Nun, die Karre ist kein Tesla, sondern ein Hyundai aus Südkorea, so was wie ein Tesla für Arme, batteriebetrieben, furchtbares Gerät. Die Stadt sei voll, weil alle Lobbyisten wieder da seien. Es herrsche große Unsicherheit im Land, wer denn nun die Scherben zusammenfege. Also bevölkern sie wieder den Gendarmenmarkt. Olaf Ohneland hat in einem geplanten Akt der Verzweiflung nicht nur seinen Finanzminister entlassen, sondern so ausführlich persönlich gedemütigt, dass er auf eine Unterstützung durch die Abgeordnete von dessen Partei nicht mehr hoffen könne. Sagt die Dame am Volant, deren Einsicht ich bewundere.

Meine Fahrerin fragt sich, ob „der laue Merz“ jetzt die Eier habe, dem Gekaspere ein Ende zu bereiten. Sie erzählt, wie sie sich in die Elektromobilität habe reinquatschen lasse und nun auf einem Bock säße, dessen Wiederverkaufswert unterirdisch sei. Und das, während ihr eine schwarzfahrende Konkurrenz unter der UBER-Flagge zu schaffen mache, meist mit Illegalen am Steuer, sagt sie. Ich erzähle ihr, dass die Kernkraftwerke zerstört seien, die Kohle verfemt und die neuen Gasturbinen noch nicht so recht beschlossen. Ich höre darauf ein politisches Urteil, das man von Alice Weidel kennt. Volkesstimme, ja, Stammtisch.

Womit wir, Chauffeurin und angetrunkener Fahrgast, bei den Kanzlerkandidatinnen sind. Weidel und Habeck haben sich erklärt, Scholz ist gesetzt, Merz wohl auch, nur Wissing zögert noch; er weiß noch nicht, für welche Partei er antritt. Wir lachen, obwohl der klugen Frau am Steuer eigentlich nicht nach Spaß zumute ist. Das Land ginge den Bach runter. Ich zahle 16 Euro 80 und bin am Ziel. Nein, nicht am Ziel, nur, wo ich hinwollte.