Logbuch
WAHRHEIT. DIE HALBE.
Gestern traf ich meinen Leser. Sein Lob spornt mich an. So ist das mit den Aphoristikern. Sie füllen Sudelbücher, sind aber eigentlich eitel. Böse Federn, die es gut meinen. Mit sich selbst.
Auf einer Feier einer wirklichen Qualitätszeitung erwähnt die Edelfeder des Blattes, die ich seit Jahrzehnten schätze, beiläufig, dass er die Eintragungen im Logbuch lese, was mich mit Stolz erfüllt. Ein Paradox, weil der Aphoristiker eigentlich als bösartig gelten will. Der Urvater dieses Gewerbes, ein gewisser Lichtenberg, hat die Sammlung seiner kleinen Stücke SUDELBÜCHER genannt.
Von diesem Freischärler der Feder stammt der Hinweis, dass der Aphorismus nie mit der Wahrheit zusammenfalle. Es sei meist nur die halbe Wahrheit. „Oder anderthalb.“ So geht Journalismus, ein vorsätzlicher Verzicht auf die ganze Wahrheit. Was uns zur Leitfeder der Aufklärung führt, dem guten alten Kant. Von ihm stammt diese Hochachtung vor dem Leser. Er strafte Fürsten mit Verachtung, fühlte sich aber dem lesenden Publikum verantwortlich.
Kant unterscheidet den privaten Gebrauch der Vernunft von dem öffentlichen. Privat meint hier privatwirtschaftlich, ideologisch. Ein Pfarrer dürfe ruhig von der Kanzel predigen, was seine Kirche von ihm verlange, spottet er. Aber dem lesenden Publikum, dem schulde man einen öffentlichen Gebrauch der Vernunft. Damit liegt die Latte hoch.
Die journalistische Praxis hat es eine deutliche Nummer kleiner. Hier nennt man den aphoristischen Versuch GLOSSE. Der Ärger oder die Freude, den der Leser bei Glossen empfindet, entstammt meist dem willentlichen Unterschreiten dessen, was die Vernunft gebietet. Ganz selten mal dem Überschreiten. Ausgewogenheit aber, die ist kein publizistisches Prinzip. Weil sie langweilt, was nun gar nicht geht.
Logbuch
MÄRWEG.
Die Mehrwegflasche, genannt Dicke Berta, ist unhygienisch; schlecht gespült und bewusst mit chemischen Zusatz versehen wird sie wiederbefüllt. Egal, was zwischendurch in ihr weilte, geht sie dutzendmal wieder an die Lippen.
Und jetzt wird das Schmuddelkind auch noch knapp. Die Brauereien klagen, die Glaspreise seien um 80% gestiegen. Bierflaschen werden knapp. Die Dicke Berta ist nicht nur energie-intensiv, sondern vor allem übergewichtig. Das versaut auf weiteren Transportwegen jede Ökobilanz. Die grünen Seelen müssen jetzt ganz stark sein! Bier trinkt man vernünftigerweise aus der Dose. Es grüßt von der Tanke der legendäre Joe Six-Pack, jetzt als Öko-Held.
Wählt man Weißblechdosen, so können sie nach Gebrauch nur minderwertig eine Nutzung erfahren, sofern sie überhaupt der Müllverbrennung entgehen. Wählt man aber Alu-Dosen, was hier empfohlen wird, so ist wirkliches Recycling möglich. Aus Alu wird wieder Alu, ein geschlossener Kreislauf ist möglich. Alu kann das. Vor dreißig Jahren habe ich mir mit Journalisten in Schweden ein solches KREISLAUF-System angesehen. Klappte perfekt, weil die Dosen hoch bepfandet wurden. Es geht, wenn man politisch will.
Das ökologische Profil einer Verpackung entscheidet sich nicht am Werkstoff, sondern am Recycling. Und der politischen Konsequenz. Der Werkstoff muss so hochwertig sein, dass er ihn erlaubt, den KREISLAUF. Gegen die schlanke Jungfrau aus Alu hat die Dicke Berta aus Glas keine Chance. Das darf hier aber nicht stehen, weil „body shaming“ verpönt ist. So überlebt die Mär vom Mehrweg. Trotzdem gilt: Bier nur aus der Büx!
Logbuch
CASINO-KAPITALISMUS.
Wucher gehört zu den Todsünden. Ein knappes Angebot an eine hohe Nachfrage zu verteilen, das kann am besten die Börse. Man trennt damit den Preis von den Kosten. So wird Wucher normal, sprich gottgefällig.
Von dem großen Bertolt Brecht stammt der Satz: Als ich sah, wie sie an den Weizenbörsen in Chicago den Hunger der Welt verteilen, und es verstand und zugleich nicht verstand, wusste ich, ich bin in eine böse Sache geraten.
Das wird auch bei der Verwaltung des Mangels an Energie kommen, dass Erdgas an Börsen zum Spekulationsgut wird. Damit erledigt sich die volkswirtschaftlich naive Frage nach den Gestehungskosten; es gilt das höchste Gebot, alle anderen gehen leer aus. Die moraltheologische Frage nach der Verwerflichkeit von Wucher ist damit erledigt.
Was für Diamanten und Derivate kommod sein mag, gilt dann auch für elementare Grundlagen des Lebens, jetzt Energie und morgen Wasser und übermorgen Luft. Ich stelle die Verteilungsgerechtigkeit der Börse nicht in Frage; aber verweise darauf, dass sie für die Verlierer gnadenlos ist. The winner takes it all.
Aus der Kernenergie auszusteigen, das war leichtfertig. Die Erneuerbaren Energien nicht konsequenter auszubauen, fahrlässig. Effizienz nicht klarer zu erzwingen, eine Torheit. Und das Erdgas nicht stärker zu diversifizieren; gar den ausländischen Produzenten direkt an den Kunden zu lassen, ein Kardinalfehler. Übrigens auch dem Steinkohle-Import sinne ich nach. Ich habe Anthrazit-Tagebau in Australien gesehen, vor vierzig Jahren, als die Ruhrkohle AG dorthin Journalisten karrte. Und Steinkohle zu Öl hydrierte, in Bottrop.
Die Apokalypse des Klimas, der grüne Mythos, scheint abgesetzt von der Weltbühne. Frühere Verderben drohen.
Logbuch
POLITIK ALS MALEREI.
Mich hat immer beeindruckt, dass Heinrich der Achte von England seine vierte Ehefrau nur nach einem Portrait des Malers Holbein auswählte. Dass die Düsseldorferin dann als schäbige Mähre aus Kleve am englischen Hof verreckte, zeigt das künstlerische Vermögen Holbeins. Er hatte es halt drauf.
Man kann heute dem frisch gewählten Präsidenten der USA zusehen, wie er mit kräftigen Strichen das Bild seiner neuen Mannschaft malt. Es werden grelle Farben nicht gescheut. Mit dicker Quaste, nicht dem Pinselchen. Dabei sind zarte Sittengemälde aus demokratischer Feder kein Vorbild mehr, wie überhaupt die Pastelltöne der Washingtoner Malschule verpönt sind. Die Neue Rechte will einen Bruch und hat zum Bildersturm den Mut.
Heldenbilder sollen es werden. Wir sehen die unbedingte Vorherrschaft der Ideologie, die sich um Stilbrüche nicht kümmert. Man studiere die Besetzung des Department for Government Efficency mit Elon Musk und Vivek Ramaswamy. Angekündigt als Manhattanprojekt unserer Zeit. Das war der Beginn nuklearer Aufrüstung, globaler Hegemonie. Daran ist für europäische Augen alles zu grell, zu grobschlächtig, wenn nicht großkotzig, Größenwahn klingt an. Aber Vorsicht im Lager der Postkartenmaler! Man nehme nur dies Phänomen Doge. Womit die beiden Migranten da antreten, das ist ernster zu nehmen als es der Auftritt andeutet. Schon der Humor von Doge (sic) Musk mit seinem D.O.G.E ist aus einer gänzlich anderen Welt als die kleinmütigen Genrebildchen der Berliner Schule.
Gleichzeitig übt sich die deutsche Politik eher in der Kita-Kunst, nämlich im „Malen nach Zahlen“. Matt sei der Kanzler, sagt sein geschasster Finanzminister. Überhaupt hat die SPD kein Bild von Führung; in Duldungsstarre sieht sie ihrem van Gogh zu, wie der sich ein Ohr abschneidet. So weit musste es kommen, dass ein Fritz Merz aus Brilon einem Sozialdemokraten vorwerfen kann, sein Amt würdelos ausgeübt zu haben. Das Stigma der Infamie wird Scholz nicht mehr los; er wird den Biden machen müssen.
Jetzt also der Oberbürgermeister von Osnabrück, gegen den ich nichts zu sagen weiß. Boris Pistorius wird also der Picasso der Sozen; von ihm erwarten wir das neue Staatsgemälde. Wer da aber auf ein Fresco wie im Himmel der Sixtinischen Kapelle wartet, der könnte enttäuscht werden. Vielleicht ist es dann doch nur ein Portraitmaler vom Montmartre. Kein Rubens, kein Rembrandt, so weit das Auge reicht.