Logbuch
LOYALITÄT.
Restlos begeisterte Gefolgsleute irritieren mich. Gestern mit einem eigentlich kreuznetten Grünen zusammengesessen, der noch immer nicht weniger vorhat, als die Welt zu retten. Er spricht von seiner Sache als Haltung und misst sich daraus Charakter zu. Er redet ehrfürchtig von dem Joschka und dem Robert. Seine Partei ist eine Menschheitsangelegenheit. Soviel moralisches Gefälle macht mich sprachlos.
In der Philosophie gilt nicht viel, wer zur Lobhudelei neigt; man wähnt sich lieber als kritischer Geist. Das ist bei den Soziologen nicht anders. Der Narzissmus in diesen Fächern besteht darin, dass man sich schlauer als das gemeine Leben weiß; jedenfalls an ihm zweifelt. Vielleicht ist das überhaupt die Grundeinstellung der Wissenschaft, an allem etwas zum Meckern zu haben. Akademiker sind deshalb meist miese Partner und lausige Liebhaber. Isso.
In der Kunst heißt der Betrachter höherer Ambition sogar so; man spricht von dem (!) Kritiker. Ein Beruf ist daraus geworden, der Kritiker, der zu Büchern rät oder Bilder bejubelt und beschimpft; sagt, was im Feuilleton was zu gelten habe. Man erinnert hier das Goethe-Wort, das mit einem regelrechten Fluch beginnt: „Der Tausendsakerment! Schlagt ihn tot, den Hund! Es ist ein Rezensent.“ Mir ist am liebsten noch immer das kurze Gedicht um die erektile Dysfunktion: „Eines Tages werden wir den Geschlechtsverkehr widerlegen, sagen die Impotenten.“ Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.
Darf man die Mächtigen loben? Fanatische Anhänger tun das ja, ihren Führer in den Himmel heben. Oder religiöse Fanatiker, die selbst Terror zum Gottesdienst erklären. Aber ausgeruhte Geister? Kann man sich die als Jünger vorstellen, als Gefolgsleute, Vasallen und Söldner? Die kritische Geschichtsschreibung schüttelt sich vor Ekel zum Wirken der Söldnerheere; ein Gesindel. Nie hätte der Karthager Hannibal in Italien einfallen können, hätte er nicht eine gewaltige Fremdenlegion befehligt. Gehörte zu Recht vernichtet, dieses elende Karthago. Aber worauf will ich hinaus?
Dies ist ein Lob der gespaltenen Loyalität. Lob des Zweifelns. In der Seefahrt sagt man: „Eine Hand für das Schiff, eine für den Matrosen.“
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RESTERAMPE.
Endlich wieder Weltgeschichte in Berlin geschrieben? Vorsicht. Die Oper ist erst aus, wenn die fette Frau gesungen hat. Man weiß nicht so recht, ob man Zeuge eines Haupt- und Staatsaktes ist oder einer etwas angestrengten Übung beiwohnt, die die wirklichen Helden beide schwänzen. Eine Posse ohne Putin? Die einen sagen so, die anderen so.
Gestern „Foto Opp“ in Berlin mit den Regierungschefs Europas rund um den ukrainischen Präsidenten und mit dem Schwiegersohn des amerikanischen. Immerhinque. Eine „Foto Opp“ ist seit Ronald Reagan die Gelegenheit zu einer Aufnahme. Es darf geknipst werden. Mehr ist nicht. Dazu kleben auf dem Boden Zettelchen, wer wo von der Promi-Meute zu stehen hat, damit das Ganze, wenn schon nicht inhaltsschwanger, so doch wohlgeordnet aussieht.
Preußen ist ja für seine langen Kerls berühmt, also darf der Lange aus dem Sauerland in die Mitte. Wahrscheinlich nicht weit von dem holländischen Pudel Trumps, der die NATO vertritt. Alle nehmen heutzutage die Abnehmspritze. Oder frühstücken durch die Nase. Wer kam aber auf die Idee die großartige Giorgia Meloni ganz links an den Rand zu stellen, so als habe sich eine kleine Kellnerin ins Bild verlaufen? Ja, sie ist zierlich, aber größer sind von der Leyen und der Selenskyj auch nicht. Und der Golf-Buddy von dem Schwiegervater des Immo-Tycoons ist auch ein Kurzer. Man hätte die Shorties in die Mitte stellen sollen und die Schlacksigen an die Ränder. Das kann doch so schwer nicht sein. Wer führt da die Regie?
So reden die einen. Die anderen sagen, das war ein bedeutendes Ereignis der Friedensdiplomatie, dessen Signal der Vernunft fernzubleiben, dem Moskauer Zaren nicht gut zu Gesicht steht. Da ist was dran. Aber der überragt die Meloni auch nur mit Mühe und hätte dann zu ihr in die Mitte gemusst, wo schon Ursula und Wolodymyr stehen. Also einfach ist das nicht mit der „Foto Opp“, wenn alles, was es zu sagen gibt, zu knipsen sein muss. Sieht sonst aus, wie Trumps Resterampe.
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PLATZANWEISER.
Vergessene, gleichwohl wertvolle Berufe. Ich nominiere: Platzanweiserin im Non-Stop-Bahnhofskino. Man muss die Ironie erklären, da die Institution des BALI nicht mehr jedem geläufig. In den sogenannten Non-Stop-Kinos konnte man sich im Dunkel des großen Saals tastend selbst irgendeinen Platz suchen, während in den gehobenen Lichtspielhäusern erhebliche Preisunterschiede herrschten. Vorne war billig, weiter hinten im Saal stiegen die Preise. Die besten Plätze boten Balkon und Loge. Damit es hier im Dunkel des Saales nicht zu Schummeleien kam, wachten junge Damen mit Taschenlampe über die Einhaltung der Ordnung. Der richtige Platz wurde angewiesen. Platzanweiser war eine Autorität.
Im Bahnhofskino schlief schon mal dieser oder jener Obdachlose, während im gehobenen Lichtspielhaus sich jugendliche Paare in Schutze der Dunkelheit aneinander schmiegten. Nach dem Vorfilm kam noch mal die Eisverkäuferin an den Platz, dann konnte es intim werden. Insbesondere in der Loge, wo es mehr Raum gab. So auch gestern im Kanzleramt, wo zwei Immobilienhändler aus USA sich mit einem ukrainischen Schauspieler trafen, um einen Film aufzuführen, der mal als der Diktatfrieden von Berlin in die Geschichtsbücher eingehen wird. Dabei als Platzanweiser Fritze Merz. Als der Film los ging, zog er sich zurück.
Und dass es um eine Immobilienfrage geht, war ja immer klar. Es werden die Grundbücher umgeschrieben. Licht aus, Film ab. Großes Kino. Jeder an seinem Platz?
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POLITIK ALS MALEREI.
Mich hat immer beeindruckt, dass Heinrich der Achte von England seine vierte Ehefrau nur nach einem Portrait des Malers Holbein auswählte. Dass die Düsseldorferin dann als schäbige Mähre aus Kleve am englischen Hof verreckte, zeigt das künstlerische Vermögen Holbeins. Er hatte es halt drauf.
Man kann heute dem frisch gewählten Präsidenten der USA zusehen, wie er mit kräftigen Strichen das Bild seiner neuen Mannschaft malt. Es werden grelle Farben nicht gescheut. Mit dicker Quaste, nicht dem Pinselchen. Dabei sind zarte Sittengemälde aus demokratischer Feder kein Vorbild mehr, wie überhaupt die Pastelltöne der Washingtoner Malschule verpönt sind. Die Neue Rechte will einen Bruch und hat zum Bildersturm den Mut.
Heldenbilder sollen es werden. Wir sehen die unbedingte Vorherrschaft der Ideologie, die sich um Stilbrüche nicht kümmert. Man studiere die Besetzung des Department for Government Efficency mit Elon Musk und Vivek Ramaswamy. Angekündigt als Manhattanprojekt unserer Zeit. Das war der Beginn nuklearer Aufrüstung, globaler Hegemonie. Daran ist für europäische Augen alles zu grell, zu grobschlächtig, wenn nicht großkotzig, Größenwahn klingt an. Aber Vorsicht im Lager der Postkartenmaler! Man nehme nur dies Phänomen Doge. Womit die beiden Migranten da antreten, das ist ernster zu nehmen als es der Auftritt andeutet. Schon der Humor von Doge (sic) Musk mit seinem D.O.G.E ist aus einer gänzlich anderen Welt als die kleinmütigen Genrebildchen der Berliner Schule.
Gleichzeitig übt sich die deutsche Politik eher in der Kita-Kunst, nämlich im „Malen nach Zahlen“. Matt sei der Kanzler, sagt sein geschasster Finanzminister. Überhaupt hat die SPD kein Bild von Führung; in Duldungsstarre sieht sie ihrem van Gogh zu, wie der sich ein Ohr abschneidet. So weit musste es kommen, dass ein Fritz Merz aus Brilon einem Sozialdemokraten vorwerfen kann, sein Amt würdelos ausgeübt zu haben. Das Stigma der Infamie wird Scholz nicht mehr los; er wird den Biden machen müssen.
Jetzt also der Oberbürgermeister von Osnabrück, gegen den ich nichts zu sagen weiß. Boris Pistorius wird also der Picasso der Sozen; von ihm erwarten wir das neue Staatsgemälde. Wer da aber auf ein Fresco wie im Himmel der Sixtinischen Kapelle wartet, der könnte enttäuscht werden. Vielleicht ist es dann doch nur ein Portraitmaler vom Montmartre. Kein Rubens, kein Rembrandt, so weit das Auge reicht.