Logbuch

LIEBESHEIRAT.

Die Regierungsbildung wird wie ein „Honeymoon“ inszeniert. Keine bloße Zweckehe; es singen die Engel im Himmel. Einträchtige Geschwister suchen sich einen Papa für eine heilige Familie. Eine politische Inszenierung ersten Grades.

Meine Frau Mutter mochte zeitlebens keinen Streit. Auch nicht in der Politik. Sie mochte keine Verleumdung und keinen Verrat. Durchstechereien hätten ihr nicht gefallen. Der brutale Söder hätte ihren Brechreiz angesprochen. Sie war der HARMONIE bedürftig. Ihr hätte die Berliner INSZENIERUNG der Regierungsbildung gefallen.

Während die CDU in sich zusammenfällt und verkämpfte alte Männer den Mief gestriger Ambition verbreiten, erscheinen die FDP und GRÜNE als nette JUGEND. Die braven Kinder suchen Papa, um mit ihm eine idyllische Familie zu gründen. YELLOW PRESS. Es wird mehr über Roberts Umhängetasche und die Sneaker von Christian gesprochen als über politische Inhalte.

Keine ZWECKEHE wird’s, nein, eine LIEBESHEIRAT, diese Ampel. Für mich ist diese neue DISZIPLIN zur HARMONIE dem Generalsekretär der SPD geschuldet. Lars Fallbeil hat die SPD ihren Markenkern als PARTEI DER GUTEN wiederentdecken lassen. Dazu gehört auch eine straffe innere PARTEI-RÄSON. Dazu haben sich die Meuchelmörder des Sigmar Gabriel erfolgreich verschworen. Gabriel unter die Guillotine, Olaf an die Macht; das war der Plan. Jetzt aber LÄCHELN.

Die GRÜNEN sind schlauer geworden durch das Scheitern in der politischen JUNGFRÄULICHKEIT ihrer Jeanne d‘Arc, die als Lichtgestalt aus dem Völkerrecht kam und als verdruckste Plagiatorin endete. Die FDP will es nicht schon wieder im Detail vermasseln und als notorischer Verräter dastehen. Also: allseitiges LIEBESGEBOT. Meine Mama wäre begeistert. Vielleicht sogar ein Tränchen verdrücken.

Dieser Lars Fallbeil wirkt auf mich sogar so, als sei er für diese Nummer in die Muckibude gegangen. Straffer. Begattungsbereiter. Toller Mann. Überhaupt viele hochgewachsene Männer. Nach dem kleinen dicken Armin. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.

Keine Zwangsheirat, nicht mal eine Konvenienzehe, nein, ein Bündnis der jungen Liebe; ein Hauch von John F. Kennedy… Berlin entdeckt Hollywood. Das Land seufzt.

Logbuch

POLITISCH KORREKT VON GEBURT AN.

Ich lese, eine junge Frau, jetzt wohl in der Politik, habe als Pubertantin Freches und Falsches getwittert. Echt? Hallo? Das Recht zu beleidigen steht allemal über dem Recht, nicht beleidigt zu werden. Gilt für Kids nahezu uneingeschränkt.

„Was das Feuer nicht heilt, heilt das Eisen.“ Weisheit des Hippokrates. Diesen Spruch hat der junge Friedrich Schiller über ein Machtkampfdrama verfeindeter Brüder geschrieben. Es war seine STURM UND DRANG Zeit. Er war jung und von revolutionärer Ungeduld. Wollte man dies dem reifen Dichter des Wallenstein vorhalten? Mir gefällt der junge Stürmische noch immer besser als der alte Abgewogene.

Biografien ohne Jugendsünden sind gefälscht oder behandeln Pinsel. Das fängt schon damit an, dass Kinder erst DURCH und MIT ihren Eltern groß werden, aber dann GEGEN sie. Vieles noch Wirres wird gegen die Autoritäten erprobt, um die Grenzen auszutesten. Ein Naturrecht der Heranwachsenden.

Soweit das Altväterliche. Nun das wirkliche Paradox: Erziehung gibt schon vor, was sie erst erreichen möchte. Sie behandelt mit voller Absicht die Kindsköpfe wie Erwachsene. Narren wie Weise. Der Erziehende gewährt bereits, was er erst noch erreichen möchte.

Vielleicht ist das der Kern des christlichen Menschenbildes, also von CARITAS (Luther: „Nächstenliebe“), dass man moralisch Vorschuss gewährt. Ich behandle den Befremdlichen wie einen zu Vertrauendem; den Fremden behandle ich als Nächsten.

Aber sehenden Auges: Ich tue es, weil ich will, nicht weil ich müsste. Ich tue es, obwohl es noch nicht stimmt. Das ist vorsätzlich kontrafaktisch. Nicht zu vergessen. Alles andere wäre dann doch zu naiv.

Logbuch

NETT SIND DIE DOOFEN.

Bei Portraits wollen viele nett aussehen. Sie lächeln. Das ist ein Fehler. Man muss schlau wirken, nicht nett. Für Politiker gilt das besonders. WILLE ZUR MACHT, das soll rüberkommen. Nett sind immer die Doofen, weil sie ja keine andere Chance haben.

Ich lese von einem Experiment mit kluger Methode. Man hat unvoreingenommen Menschen Politikerportraits gezeigt und sie gefragt, wer von diesen Gesichtern wohl die Wahl gewonnen hat. Keinen klaren Befund gab es bei den als nett empfundenen Antlitzen. Die Betrachter lagen 50 zu 50 richtig, also in einer Zufallsverteilung.

Wenn man aber nach der vermuteten Kompetenz fragt und dann noch den Siegern, ist die Quote signifikant: 70 Prozent liegen richtig. Die kompetent wirkenden Kandidaten haben deutlich öfter gewonnen als die nett wirkenden.

Unser Bauchgefühl reagiert auf MACHTANSPRUCH. Das Lächeln, das ist uns zu trügerisch. Sich aber dem Klügeren unterzuordnen, das haben wir schon im Rudel gelernt.

Für die Zweifler: Science, Vol 308, No 5728, 10.06.2005.

Logbuch

GELD DRUCKEN.

Ich räsoniere. Das ist, wenn man sich die Welt mit Vernunftgründen erklären will. Man gerät ins Schwitzen und landet am Ende in völliger Verzweiflung.

Die Armut kommt von der „pauverte“; das wissen alle, die des Französischen mächtig sind. Und wenn der Staat keine Knete mehr hat, dann soll er sich halt was leihen. Wenn die Banken sich dabei sperrig zeigen, dann wirft er halt die Gelddruckmaschine an. Machen andere doch auch. Der Franzmann hat mehr Schulden als wie wir.

Talkshow-Geplapper zur Schuldenbremse. Im Niveau darunter liegt nur noch das Taxifahrer-Geplapper; jüngst aus Leipzig. Der Sachse findet, dass man mehr Geld für‘s eigene Volk ausgeben sollte und nicht so viel für die Ausländer. Als ich ihn frage, was er glaubt, wer die marode DDR auf den heutigen Stand gebracht hat, sagt er patzig, er habe auch Soli gezahlt. Na klar. Mit Alu-Chips und Konvertierrubel.

Ich hätte gern die Schwätzer bei Frau Illner und im Leipziger Taxi gefragt, warum der ausländische Investor einer Chip-Fabrik in Magdeburg die ihm angebotenen 10 Milliarden gar nicht mehr abgeholt hat; das sind 10.000 Millionen, und zwar Euro. Unter dem Regime der AfD, das sich der sächsische Chauffeur wünscht, wäre es ein Betrag in DM, weil die Rechten zur nationalen Währung zurückwollen. Dann wären halt 20.000 Millionen DM nicht investiert. Dieses Land simuliert einen vermeintlichen Geldmangel. Gelddrucken bringt, hofft man, Heil.

Wer neue Schulden ein Sondervermögen nennt, ist auf dem Weg eine steigende Inflation für Wertzuwachs zu halten. Der Kern dieser Idiotie ist die Verwechslung von BEDARF und NACHFRAGE. Klar haben wir einen Bedarf an Investitionen in Brücken, Kraftwerke und Raketen. Die Fantasie von Roten und Grünen sollte man da nicht unterschätzen. Deren Zukunftsprojekte bestehen samt und sonders in sinnvollen Dingen, für die sie die Steuern erhöhen wollen (oder Schulden machen oder es von den Reichen nehmen). Es ist immer: „tax & spend!“

Funktionierende Wirtschaft besteht aber darin, dass es eine NACHFRAGE gibt; also jemand stellt etwas her, für das ein anderer sein eigenes Geld ausgeben möchte. Das ist das eine. Das andere ist, dass sich das wirkliche Leben nicht an Wunschvorstellungen hält. Ich grübele, wie ich dafür ein Beispiel finden könnte. Vielleicht dieses: Wer grünen Wasserstoff wünscht, der völlig klimaneutral ist, der sollte seine Elektrolyse mit emissionsfreier Kernkraft betreiben; das erbrütet zugleich den Stoff, den er für die Raketen braucht, um die Brücken zu sprengen, über die sonst der Russe kommt. Wenn er kommt.

Ups, jetzt ist es irgendwie ganz aus den Fugen geraten. Ich sollte über erfreulichere Dinge reden. PIE IN THE SKY. Das was Herr Karlsson vom Dach meint, wenn er über einen Teller voll Grütze redet. Wo ist der überhaupt? Ich vermisse ihn.