Logbuch

CHRISTBAUM.

Der Advent steht für Behaglichkeit. Das ist ein idyllischer Binnenzustand in einer an und für sich feindlichen Welt. Ein trotziges Bedürfnis nach Kitsch wird jahreszeitlich wieder raumgreifend.

Beobachtung des schlendernden Passanten vor „BLUME 2000“: An dem unsäglichen Blumenladen Scharen gebeugter Witwen, die sich am Boden um Tannenzweige bemühen. Das Gesäß in die Luft gereckt, wühlen sie im Grün. Dann sehe ich sie mit ein, zwei der amputierten Fichtenäste beglückt an die Kasse streben. Seltsamer Anblick auch für den Kenner des Milieus der Wilmersdorfer Witwen. Ein klares jahreszeitliches Signal: der weihnachtliche DEKO-ZWANG ist aufgerufen. Wir scheinen Advent zu haben.

Der Höhepunkt dieser DEKO-MANIE war in meiner Jugend die weihnachtliche Offenbarung des geschmückten Christbaums an Heiligabend, den meine Frau Mutter mit aufgesetztem Pathos und einem Glöckchen zelebrierte. Unter dem Baum lagen die Geschenke. Einige Glühwein später war dann von anderen Christbäumen die Rede, die ihr Erleben als junge Frau bestimmt hatten. So nannte die vom englischen Bombenhagel betroffene Zivilbevölkerung die Lichtsignale der Air Force am Himmel über den Zielgebieten. Wer da im Schatten der Kruppschen Waffenschmiede wohnte, kriegte unter diesen Christbäumen einiges ab. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.

Als ich dann bei meiner vietnamesischen Freundin die Lilien hole, sehe ich den Pavillon in der U-Bahn noch frei vom Tannen-Kitsch. Noch geht der kleine Strauß mit welken Schnittblumen in Zellophan für 9.80€. Die Wilmersdorfer Witwen sind wohl immer die ersten, die die Lebkuchen-Hysterie erfasst. Der immergrüne Nadelbaum mit Schnick und Schnack hat inzwischen die Welt erobert, einst Symbol des Paradieses ist er global zur kitschigen Ikone der Idylle geworden: „driving home for christmas“!

IKONE DER IDYLLE? Ein schönes Wort. Tannenzweige und dann der Christbaum als Ausdruck einer kontrafaktischen Sehnsucht nach Frieden. Auch die Krippe in Bethlehem war ja eine eher karge Zuflucht in einer sehr feindlichen Welt. Daran hat sich nichts geändert. Weihnachtsmärkte allerorts mit Panzersperren umzäunt. Mich zieht nichts an die Glühweinstände in den Wagenburgen dieser aufgesetzten Behaglichkeit.

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MAGNUS, DER GROSSE.

Hans Magnus Enzensberger war ein Intellektueller. Punkt. Für mich prototypisch. Kein Vorbild, mehr, ein Archetyp, der EIGENSINNIGE. Welch ein Privileg, ihn gekannt zu haben.

Aber es gibt Hindernisse der indiskreten Totenrede. Ich habe versprochen über sein Versteck auf einer Schäreninsel im Norwegischen nicht zu schreiben. Er war in der Frage so hysterisch wie er ansonsten ausgeglichen war. Und aus allgemeiner Diskretion kein Wort über die Nächte im Jimmy‘s (man entschuldige das Apostroph), in jenem Frankfurter Hotel, das wir als HÄSSLICHEN HOF verehrten. Oder die Essen mit seinem Verleger in der Pizzeria in der „Zum Jungen Straße“, wo Siegfried Unseld, ich erinnere das gut, weinselig in den Keller stürzte, um unten gelandet mit seinem Autor angeheitert weiter zu trinken. HME hatte die Fröhlichkeit der ganz Ernsten.

Ein sehr kluger Kopf. In vielen Gattungen und unter zahlreichen Pseudonymen. Wohl hundert Werke. Leider hielt er sich für ein lyrisches Talent. Ich betrat gerade erst den Kindergarten, da war er schon als Dichter ein Erfolgsautor. Aber sie sind schon recht blutleer, seine Gedichte. Gebrochene Gedankengebäude. Loben wir also, wie alle, den Herausgeber des KURSBUCH, einem intellektuellen Zentrum der Republik (obwohl er das nur ein Jahrzehnt selbst machte). Und den Essayisten. Vor allem aber, seine Unberechenbarkeit. Der große Enzensberger ließ sich nicht vereinnahmen. Ein Archetyp des Intellektuellen. Er war ein genialer Germanist; das möchte ich festgehalten wissen. Ein Leuchtturm meiner Zunft. Zurecht MAGNUS genannt. Möge ihm die Erde nicht zu schwer werden.

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GEWALT NUR GEGEN SACHEN.

Die friedliche deutsche Revolution ist anders gelaufen als die französische („la terreur“) im 18. Jahrhundert. Der Bürgerprotest, der das DDR-Regime zu Fall brachte, war stolz darauf, nie zur Gewalt aufgerufen zu haben; damit war einer Gegenwehr des autoritären Staates die politische Berechtigung entzogen. Die sanfte Revolution war gleichwohl machtvoll, aber eben kein Terror. Das kapieren die „Kleba“ (Kleber) nicht, die Straßen und Flughäfen sperren. Dumme Fanatiker.

Ich habe als Schüler und Student eine Protestbewegung in den Terror abgleiten sehen. Aus der Ferne schien uns der Studentenführer (welch ein Wort) Rudi Dutschke als Robin Hood unserer jungen Kultur. Da passten Bob Dylan und Karl Marx unter ein kulturelles Dach der Schwärmerei. Dann aber wandelte sich der Slogan „Gewalt nur gegen Sachen“ zu Mordkommandos eines Untergrundterrors. Das war nicht mehr mit der Dylan-Romantik zu verbrämen. Diese Erfahrung fehlt den Klebas, die jetzt nur Gewalt gegen Sachen auszuüben meinen. Es ist aber Gewalt gegen Menschen. Anarchie ist nur lustig, wenn man ihr nicht ausgesetzt ist.

Weil der Staat nicht ihren Vorstellungen zur Klimapolitik folgt, erpressen sie die Bürger durch symbolischen Entzug der Freizügigkeit. Straßen werden blockiert, der Flughafen jetzt auch. Und weil die Aktivisten sich ihre Handflächen mit Zyankleber versauen, dürfen sie als Märtyrer gelten. Auch der Terror der (selbsternannten) Märtyrer ist Terror. Ich komme als ehemals freier Bürger nicht mehr aus Berlin raus. Es bleibt im Moment verlässlich nur die Bahn, die nicht mehr verlässlich ist. Also bleibe ich auf dem Land.

Der Klimaprotest verliert gerade sein sympathisches Antlitz; es bleibt die Fratze des Fanatismus. Nötigung als Haltung, weil angeblich übergeordneter Notstand. Terror als vermeintliche Notwehr. Das ist politisch nicht klug. Und was sagen dazu die Grünen, die die Geister riefen, die sich nun verirren? Der Wind, der die Grünen in ihre Ämter getragen hat, verliert durch die Kleba das Frühlingshafte. Modergeruch kommt auf. So enden Jakobiner. Man schlage nach in den Geschichtsbüchern: Frankreich 1793 folgende „la terreur“.

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MUTTI-MUFF.

Selbstbeweihräucherung. Angela Merkel feiert sich durch eine Biographie ihrer Sekretärin und in mir entsteht ein Erkenntnisekel, wenn nicht ein Flächenbrand des Entsetzens.  Auf 736 Seiten verdeckt eine stupide Detailhuberei jeden Ansatz eines großen Gedankens. Kein Zeichen wirklicher Reue. Diese Frau zeigt das tiefe Elend des preußischen Protestantismus. Uninspiriert bis ins Banale. Dem Durchwurschteln ergeben. Mutti war eine Macher:in. Welch eine intellektuelle Tragödie. Die Physikerin an der Macht.

Sie hat von sich selbst gesagt, sie sei ein Bewegungsidiot, jedenfalls hat sie keine Grazie. Dieser Frau kann nicht tanzen. Sie ersetzt Inspiration durch Transpiration. Wieder substituiert der Fleiß das Genie. Sie ist bei der Buchpräsentation im Deutschen Theater (sic) notorisch schlecht gekleidet, weil sie zu keinem Stil findet, aber da ist der Hosenanzug schlechter Konfektion eben nur Symbol der gesamten Haltung, jener pietistischen Schmucklosigkeit, die sich selbst als bescheiden empfindet, aus der aber die Prunksucht der Schmucklosen herausbricht. Diese habituelle Arroganz der vorsätzlich Bescheidenen. Die tiefe Eitelkeit der Uneitlen.

Mutti ist, entgegen dieser materialistischen Schmähung, nichts weniger als hingebungsvoll. Sie lauert auf Momente und nutzt Gelegenheiten. Dabei hat sie stets die wache Intelligenz der Autodidakten: schnell von Vorbildern lernend, stets auf ihren Vorteil bedacht. Sie ist eine protestantische Opportunistin. Es mag hinter dem Rumbasteln Prinzipien geben, aber sicher keine Vision. Im Amt ganz dem Taktieren ergeben, da vermisst man auch in ihrem Rückblick jede Strategie, die diesen Namen verdient. Keine Vorstellung vom Sieg, so wird jede kleine Schlacht zu einer weiteren Perle in der Kette der ihr eigenen Skrupellosigkeit. Das Mädchen aus dem Osten hat die alten weißen Männer des Westens beobachtet, ausgerechnet und dann reingelegt. Das klappte nicht immer, nicht bei jedem. Putin kannte das Milieu und hat sie durchschaut.

Dieser frugale Exzess preußischer Bescheidenheit bei egomaner Ambition schlägt mir auf den Magen. Mich stört nicht, dass sie Ossi ist (sie hadert mit dem Diktum der Ballastbiographie) oder gar Frau, mich stört nicht, dass sie die CDU für ihre Karriere genutzt hat (die Grünen blieben nur knapp verschont), mich stört diese Tadellosigkeit, die sie 16 Jahren ihres Gewurschtels unterstellt. Dem Protestanten ist eine Selbstbeseeltheit gegeben, die mich abstößt.

Ich kann sie nicht mehr sehen. Niemand missgönnt der ehemaligen Kanzlerin den Ruhestand. Es wäre mir aber recht, sie ließe auch uns in Ruhe. Aber da ihr Kinder und Enkel zu verwahren verwehrt, müssen wir jetzt dranglauben. Ich habe, was ich selten tue, das Buch in den Müll gegeben. Ich will diesen Muff nicht mehr.