Logbuch

GEBRAUCHTWAGENHÄNDLER.

Er hatte schon immer einen schlechten Ruf, der Handel mit Autos aus zweiter oder dritter Hand. Es roch nach Betrug. Hinterhöfe mit Kampfhundekäfigen. Schmuddel-Image. Dabei ist er eine Schule des Lebens. Ich sehe bei einem Händler um die Ecke alle Autos, die er präsentiert, mit einem besondere Nummernschild. Das steht: Automatik oder Winterpaket oder Ohne km. Auch: TÜV frei oder AHK. 

Respekt! Das ist eine Kunst, so auf den Punkt zu kommen. Im Marketing USP genannt, „unique selling proposition“, einmaliger Verkaufsvorteil. Sprichwörtlich: „In der Kürze liegt die Würze.“ Das Nummernschild will ein weiteres, aber schlagendes Argument liefern, um die müde Schüssel doch noch interessant zu machen. In der Politik wäre das ein Motto, ein Slogan. AMERICA FIRST war so etwas.

Wer das kommunikativ kann, hat große Chancen auf Erfolg. VERDICHTEN. Reduktion von Komplexität. Etwa bis in die Grußformel, die eine ganze Weltanschauung zum Ausdruck bringen soll: GRÜSS GOTT oder ROTFRONT oder, böses Beispiel, HEIL HITLER. Verdichten, also. Könnte man das für die Kandidaten der anstehenden Bundestagswahl? Auf ein Nummernschild schreiben, wofür sie stehen?

Der Gebrauchtwagenhandel verlagert sich gerade vom Hinterhof ins Internet. Auch das ist hochinteressant. Wie hier BEQUEMLICHKEIT zum Schlüsselargument gemacht wird, sogenannte CONVENIENCE. Oder die Serosität einer Versicherung auf den Schmuddelmarkt übertragen werden soll. Sogar GARANTIE oder ein Rückgaberecht werden versprochen. Dabei liegt die Logik der Internethändler immer im System, also geschickt genutzte Datenfülle gegen Nutzerignoranz. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.

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HEGEL FIRST.

Ich lese das HEGEL-Buch von FAZ-Herausgeber Jürgen Kaube, das heißt, ich höre es als Hörbuch. Eine fleißige, nicht immer begnadete Arbeit, die brav vorgelesen wird. Ein chronologisches Konvolut. Monoton in Stoff wie Ton. Wenn man sich da so durch den deutschen Idealismus quälen muss, das braucht Geduld und Nerven. Nur ab und an findet der Autor aus dem Nacherzählen ins Erzählen. Wenn er auf HÖLDERLIN kommt, zum Beispiel. Aber das Buch war schon geschrieben, also muss er beim dem schwerfälligen HEGEL bleiben. 

Ja, wann erzählt er, statt nur nachzuerzählen, das war die Frage. Zum Beispiel in dem Moment, wo er sich fragt, wenn er HEGEL mit einem Tier vergleichen müsste, welches er dann wählen würde. Wir sind beim jungen HEGEL, der sich noch schwer damit tut, dass sein Bildungsgang ihn zu einer Ausbildung als Pfarrer zwingt. Er will aber weder den Beruf, noch das Amt, noch den Glauben. Also quält er sich mit dem VERNUNFT-PRINZIP durch das Unvernünftige, auf der Suche nach einer „vernünftigen Volksreligion“. Ein Himmelfahrtskommando (pun intended).

Was nennt Kaube? Ein Murmeltier oder einen Wiederkäuer. Das ist gemein. Ja, HEGEL ist den harten Weg gegangen, aber er ist, Marx sei mein Zeuge, der ELEFANT oder der WAL oder der SEEADLER, aber eine metanverblasende Kuh? 

Die Philosophen unserer Tage sind ohnehin Zwerge auf den Schultern von Riesen; davor steht MARX als Linkshegelianer auf denen von HEGEL; jedenfalls dem Heidelberger und Berliner Hegel. Aber vielleicht kommt das in meinem langweiligen Hörbuch ja noch. Ich hab noch einige Stunden zuzuhören.

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STILLE FREUDE.

Seit es die SOZIALEN MEDIEN des Internets gibt, kann jedermann plappern; es ist „gesellschaftlich“ laut geworden. Die Menschheit ist mitteilsam. Streitsucht und Geltungsdrang. Vieles ist peinlich. Alles zu laut. Hier nun eine STILLE FREUDE. Ein großer Publizist, mit dem ich einen freundschaftlichen Umgang gepflegt habe und pflege, hat seine Autobiographie vorgelegt. Ein sechshundert Seiten mächtiges Buch. Ich habe es sofort gekauft. Darin komme ich nicht nur namentlich vor, sondern explizit ein Ereignis, dessen Zeuge ich war.

Eigentlich mehrere Ereignisse, vielleicht sogar ein historisches Kapitel. Und ich war nicht nur passiver Zeuge, sondern eher „Impressario“; das räumt das Buch ein, aber mehr zu sagen, ruinierte die Stille. Die entsprechenden Episoden stehen im Zusammenhang mit der sogenannten LOPEZ-AFFÄRE von VW und KLAUS LIESEN wie FERDINAND PIËCH, deren Pressechef ich damals war. Beiden möge die Erde nicht zu schwer werden.

Erstens weiß ich jetzt, dass der Autor damals heimlich Tagebuch geführt haben muss , sonst könnte er sich nach dreißig Jahren nicht so detailliert erinnern. Die Details stimmen, die Zitate wirklich wörtlich. Beachtlich. Abweichung im Detail: Alle haben in der legendären Nacht Rotwein getrunken, exzessiv, aber einer nur Wasser. Vier Liter, ohne die Toilette auszusuchen. Aus Furcht, etwas zu verpassen. Der Kellner machte mir gegenüber eine Bemerkung zu dessen Blase. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.

Zweitens aber sehe ich, wie der Autobiograph den Dingen seinen SPIN gibt. So nennt mein Berufsstand („Spin Doctor“) den Dreh, den man Ereignissen gibt, damit sie einen gewünschten Sinn hergeben, sprich so plausibel werden, wie man sie gern plausibel hätte. Der Autobiograph macht das selbstironisch und mit geschickter Hand.

Also, ich sehe die Interpretation, die der berühmte Publizist einem von mir begleiteten Ereignis geben möchte. Ja, es gibt eine DIFFERENZ-QUALITÄT in unseren Erinnerungen, aber keine, über die ich reden würde. Das ist, was ich meinte, eine stille Freude.

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SPREZZATURA.

Man muss schon umtriebig sein, um alle Plattformen zu kennen, auf denen im Internet kommuniziert wird. Da die Plattformen selbst Echokammern ihrer Nutzer sind, also Nutzerneigung vorwegnehmen in der Auswahl der Gesprächspartner oder der Beiträge, gestalten sie die Blase zur Welt. Hinzukommt, dass die Verleger dieses virtuellen Universums darüber entscheiden, was Priorität hat. Ob das verdeckt geschieht oder prinzipiell erkundbar, ändert nichts daran, dass ein Klima der Vertrautheit entsteht. Universalität als pure Suggestion.

Das ist das erste Problem der Plattform, ihr punktförmiger Horizont. Das zweite ist der Wandel vom Text zum Film. Es wird nicht mehr lutherisch gedichtet („Das Wort sie sollen lassen staan.“), sondern audiovisuell kommuniziert, Filmchen sind die vorherrschende Form. Aus der Predigt von der Kanzel wird eine Folge von Werbespots. Dabei gibt es einen notorischen Überhang an Nebensächlichem; man schaut den Vortragenden eben auch auf Bluse oder Hose, was viele Menschen zu einer gewissen Zeigefreudigkeit verleitet. Aber auch das nicht der Kern des Problems der Ticktockisierung.

Der Knackpunkt liegt in der neuen Erzählform der Filmchen; es ist die EPISODE. Was da in wenigen Sekunden inszeniert wird, muss komisch sein. Aus Esprit wird Witz. Das Paradigma der Pointe. Die wahre Weltherrschaft des Ticktock liegt in diesem Zwang zum Episodischen. Die Philosophen unter uns wissen, was das Problem mit der „episodischen Evidenz“ ist. Wir alle wissen, dass das Leben nicht nur aus Witzchen besteht. Und leiden darunter von aufgereizten Menschen mit einem Zwang zur Anekdote gelangweilt zu werden. Die eigentliche Verzerrung dieser Welt liegt in der Manie zur Episode.

Dem widerstehen wir hier mit KONVERSATION. Man sollte Gedanken nachgehen, Ideen verfolgen, Schlüsse ziehen und verwerfen. Sich selbst nicht wichtig nehmen, den Spiegel verhängen. Für den Italiener in uns oder die Freunde der Renaissance: sprezzatura!