Logbuch
DER HOHE TON.
Merkel hat fertig? So hieß es hier. Meinungsjournalismus bewirkt eine Radikalisierung jener, die ihn betreiben. Auf Seiten der Autoren. Aber auch auf Seiten der Leser. Das macht das Klima in den Internet-Medien oft so schwer erträglich. UNDULDSAMKEIT als vermeintliche Tugend. Jakobinische Hitzköpfigkeit. Man lässt sich allzu leicht davon anstecken. Beispiel: Nur weil die Union in der Wählergunst auf ein Viertel fällt und nicht mal mehr eine Koalition mit den Grünen sie an der Macht hielte, gleich von der Kanzlerdämmerung zu reden, das ist eine politische Rede in hohem Ton. Haben wir es nicht eine Nummer kleiner? Geht das nicht moderater? Eine Wechselstimmung bei der nächsten Wahl muss ja nicht gleich als ZEITENWENDE aufgewertet werden. Was kann kommen? Grün/Gelb/Rot, die Ampel, eine normale Variante in unserem Parlamentarismus. Die SPD bliebe in der Regierung, wenn auch mit Abstrichen. Olaf Scholz wird unter der Kanzlerin Annalena Baerbock wieder Finanzminister; Vizekanzler dieser AMPEL ist allerdings Außenminister Christian Lindner; das ist die Bedingung der Gelben fürs Mitmachen. Das Ressort Gesundheit geht in der Ampel an Karl Lauterbach. Wird nicht gehen? Gemach. Ganz ruhig, Brauner. Nur kein hoher Ton.
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ERLÖSUNG.
Wir sind es leid, dieses Gezerre. Heute hü, morgen hott. Der eine so, der andere so. Angela Merkel folgt wie immer der Stimme des Volkes, den Stimmen aus dem Volk. Die KANZLERIN beklagt sich in einer Talkshow über die MINISTERPRÄSIDENTEN. Sie ist, sagen wir es klar, demokratiemüde. Nicht mal der CDU-Vorsitzende folgt ihr. Sie droht mit Durchregieren. Eigentlich droht sie mit Notstandsrecht. Das ist KRIEGSRECHT in Friedenszeiten. Nennt sich neuerdings „knallharter Lockdown“, anders sei der übermächtige Feind nicht zu besiegen. Ich höre jetzt auch Stimmen. Der Führer muss jetzt wirklich mal durchgreifen. Und das einzig RICHTIGE tun. Dazu brauchen wir Wissenschaft und Wirtschaft in einer Hand, einer strengen. Solche Stimmen höre ich. Sie sagen: Und unbedingter Gehorsam auf den Straßen und in den Wohnungen! Hinter der epochalen Aufgabe muss der Föderalismus jetzt mal zurückstehen. Und die Demokratie! Notfalls müsse der Bund eingreifen, heißt es. Der Bund? Die Bundeswehr? So höre ich es aus der Tiefe des Raums grummeln. Deutet Frau Merkel an, sie könne auch anders; und glaubt, sie habe dazu ein Mandat? Glaubt sie, dass wir das von ihr erwarten? Wenn dem so wäre, begönne dieses Volk den Verstand zu verlieren. „Was bildet die sich eigentlich ein?“, fragt mich die Blonde. Nun, ich glaube, sie will die Erlösung sein, die es nicht gibt. Es schwindet ihre Macht. Ratlos und verzweifelnd. Mutti hat versagt. Merkel hat fertig.
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LICHT & SCHATTEN.
Nicht der larmoyante Thomas, sein Bruder, der tragische HEINRICH MANN ist mein Confident. Man muss wissen, wo man weiter sieht. Die bösen Zeiten („wahrlich ich lebe in finsteren Zeiten“) haben ihn allzu früh gerichtet, den Hellsichtigen. Man muss aber wohl für alle Zeiten seinen Roman vom UNTERTANen gelesen haben. Vielleicht auch den PROFESSOR UNRAT. Weiteres, obwohl lesenswert, war nicht so erfolgreich. Vertrieben von den Nazis, ausgebürgert, mit dem Tode bedroht, über Frankreich in die Staaten geflohen, aber nicht gerettet. Er gehörte dann zu den unseligen EXILANTEN, denen Hollywood kein Glück brachte. Wie auch Brecht. Immer war er der politischere Kopf. Ja, auch mit einem gewissen Neigung zum Berufsstand der Animierenden, einer derer hielt er die Treue, einer der Animierenden, wie es im Gender-Deutsch heutzutage heißen würde. Licht in finsteren Zeiten.
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SCHLANGE STEHEN.
Der gigantische Trauermarsch zu London, das Defilieren zum Sarg von EIIR zeigt den englischen Nationalcharakter. Er ist es eigentlich, der hier zu Grabe getragen wird. Ein Mythos ist plötzlich leer.
Um von ihrer Königin Abschied zu nehmen, stehen die Engländer Schlange, diszipliniert und bedächtig. Von der City bis weit hinein nach Southwark auf die andere Themseseite. Die Wartezeit beträgt inzwischen unglaubliche 24 Stunden, bis die Trauernden den Sarg erreichen. Man weiß gar nicht, wie sie das physisch schaffen. Welch eine Trauer, welch ein Respekt. Und Wehmut.
Eine Nation weiß, dass das Symbol ihres besseren Selbst gegangen ist. Eine Nation hat mit Elisabeth der Zweiten endgültig sich selbst verloren; und sie weiß es. Man fühlt sich in Leere entlassen. Schon der BREXIT war ein verzweifelter Aufstand gegen die Wirklichkeit. Flucht in eine atavistische Nostalgie. Aber bleiben wir bei #TheQueue.
Man hat es schon immer an Londoner Bushaltestelle bewundern können. Die Wartenden bilden eine Schlange. Alle Menschen, von sich aus. Sich vorzudrängeln, das gilt als unfein. JUMPING THE QUEUE, das ist, wie man heute im Deutschen sagt, ein “no go“. Wir reden über zwei Tugenden und ein ideales Gesellschaftsmodell. Die Tugenden sind die der Höflichkeit und der Freundlichkeit. Man will „polite“ und „kind“ sein. Das sind die Manieren des Gentlemans und der dazugehörigen Lady.
Natürlich ist es historisch richtig, dass beide ihr Vermögen im Sklavenhandel gemacht haben, wenn sie nicht Bergwerksbesitzer waren, die Kinderarbeit zuließen, oder Landadel mit hungernden Kleinbauern. Man lese „Die Lage der arbeitenden Klasse in England“ von Friedrich Engels. Oder Dickens. Oder Kipling (vor allem ihn). Das EMPIRE war ein imperialistischer Exzess, über Jahrhundert. Auf dem Rücken der unterworfenen Provinzen entwickelte sich als feiner Zug ein Selbstverständnis des FAIR PLAY; das ist jenes idealisierte Selbstverständnis, das spielerisch GERECHTIGKEIT im Umgang miteinander sehen wollte.
Der englische Fußball hat andere Wurzeln (er ist Fabriksport in der Rüstungsindustrie), aber zumindest ist er Mannschaftssport. Aber CRICKET, das Spiel, dessen Regeln nun wirklich niemand versteht, gilt als die Schule dieses Lebens. Dabei gibt es viel Ironie, auch das eine englische Tugend. Ironischerweise war die Queen, die den Engländern Mut gegen den Angriffskrieg Deutschlands gab, der Herkunft nach deutsch. Die deutschen Battenbergs anglisierten sich zu einem Fake-Adel namens Mountbatten. Egal.
Ein Volk steht als verwaistes Kind am Sarg der Mutter und fühlt sich für immer ins Profane entlassen. Aber so viel Nationalcharakter muss dann doch sein: Brav in der Schlange. Höflich und freundlich. Ich entdecke als Republikaner eine kleine Träne in meinen deutschen Augen. „Nach Ihnen!“ „Sehr freundlich, aber bitte nach Ihnen!“ „Vielen Dank!“