Logbuch
WELTENBÜRGER.
Wahlen in Berlin. Die SED-Nachfolgerin, die LINKS-Partei, setzt Frontfrau Gesine Lötzsch auf eine Brecht-Statue und behauptet, der Alte würde sie, die LINKE, gewählt haben. Geschichtsklitterung.
Brecht nach 1945: In den USA hatte ihn niemand gewollt, den vor Hitler geflohenen Brecht. Westdeutschland roch 1950 für ihn noch zu braun. Und in der DDR stach der Stalinduft in die Nase. Ein überall Heimatloser.
Brecht traf nach der Niederlage und Befreiung Deutschlands aus dem amerikanischen Exil heimkehrend eine dreifache Entscheidung. Er zog nach Ostberlin und wirkte in seinem Theater am Schiffbauerdamm; er schuf das Berliner Ensemble. Seine Gedichte rügten den Stalinismus, zugegeben eher heimlich.
Zweite Maßnahme: er nimmt bewusst die österreichische Staatsbürgerschaft an. Das wird notorisch vergessen. Dritte Maßnahme: Brecht gibt alle seine Rechte, also seinen gesamten Besitz, nach Frankfurt am Main (Hinweis für Berliner: das ist Westdeutschland) zu Peter Suhrkamp. Ein Österreicher mit westlichem Verleger und östlichem Theater.
Da ist er nun, der aus dem US-Exil heimgekehrte DEUTSCHE DICHTER, der seine Arbeit in der DDR findet, sein Geld in die BRD gibt und Österreich um einen Pass bittet. Im Bewusstsein dessen möge man nun noch mal sein Gedicht vom Radwechsel lesen.
Es lautet: //„Ich sitze am Straßenhang. / Der Fahrer wechselt das Rad. / Ich bin nicht gern, wo ich herkomme. /
Ich bin nicht gern, wo ich hinfahre.
/ Warum sehe ich den Radwechsel
mit Ungeduld?“//
Ich könnte jetzt etwas dazu sagen, warum der Chauffierte einräumt, dass nicht er den Karren lenkt; aber das ginge ins Detail. Das Wesentliche ist das tiefe Befremden Brechts vor der politischen Führung in Pankow.
Leider verstirbt der dürre Brecht an Auszehrung und gebrochenem Herzen genau da, in dem brandenburgischen Straßenhang. Zwischen dem fremden Santa Monica (CA) und der Idylle in Buckow (Brandenburg). Ein zu kurzes Leben eines WELTENBÜRGERS WIDERWILLEN, viel zu kurz.
Logbuch
LUTHER SCHWUL.
Ich hasse es, wenn Erzähler nicht auf den Punkt kommen. Jede Gelegenheit wird zu einem Exkurs genutzt. Furchtbar.
Meist geschieht das aus reiner Angeberei. Unwesentliche Details werden beliebig ausgeschmückt, um erst nach „name dropping“ ohne Ende endlich auf die zentrale Frage zu kommen. Eine Geduldsprobe. Anders hier: Luther war angeblich schwul.
Martin Luther soll händchenhaltend in einem Doppelgrab mit einem gewissen Philipp Melanchthon liegen, der ein Verhältnis mit ihm gehabt haben soll. Man vergesse die Legende seiner Ehe mit Nicola von Bora. Die historische „Lutherin“ diente nur der Tarnung.
Das Gerücht ist so ungeheuerlich, dass man seinen Ursprung erläutern muss. Ich hatte eine Einladung zu einem Empfang eines Headhunters („Get ahead“) und seiner fabelhaften Gattin („Strasburger Kreise“) in eine Ecke der Sechsten Etage des KaDeWe („Fress-Etage“). Es versammeln sich Berliner PROMIS, die einschlägigen Figuren (Turnschuhe, Jeans, T-Shirt, Sacco) der politischen Klasse Westberlins und dessen, was hier Gesellschaft ist. Michael Müller und Heiko Maas. Aber echt edel gemacht. Austern als „finger food“.
Irrtümlich setze ich mich am unmittelbaren Rande dessen an eine Bar, die Rogen vom Stör anbietet („Altonaer Kaviar Import“, seit 1925) und lasse mich von einer jungen Bedienung dort (Werkstudentin) zu 50 gr Imperial überreden. Kompetente Beratung (das kleine weiße Hornlöffelchen ist zu nehmen). Die Kommilitonin kommt aus Baden, in der Nähe des Örtchens Bretten, Geburtsort von Philipp Schwartzerdt, der sich Melanchthon nannte und der PRAECEPTOR GERMANIAE sein wollte. Kein bescheidener Mann.
Ebendieser sei von Martin Luther so angetan gewesen, dass er ihn für eine Beziehung habe begeistern können. Sie sage das, obwohl sie evangelisch sei. Nun teilten, höre ich, beide händchenhaltend ein Doppelgrab. Kann das?
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ERDBEBEN.
Die furchtbaren Erdbeben in der Türkei und Syrien zeigen, dass wir auf brüchigem Grund stehen. Mutter Erde ist eine Episode.
Als Spross von Bergleuten habe ich ihm nie getraut, dem Berg. Die Natur ist kein Spaß. Wer dann noch fahrlässig baut, kann alles verlieren. Der Berg ist eine Bestie.
Am meisten getroffen sind jene, die zuvor schon eine andere Bestie überfiel, der Krieg. Noch böser, weil vermeidbar.
Reichen wir über brüchigem Grund einander die Hand; viel mehr haben wir nicht.
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OVERBECK.
Gegen eine Göttin hat der Spießer keine Chance. Jeanne d’Arc und Overbeck. Ich meine den Hilfskommissar aus dem Wilsberg, früher Tatort Münster. OVERBECK ohne Vornamen. E-Mail: „l.overbeck“, in tiefer Ironie. So ist der Deutsche. Kein 007, aber doch ein Mann, der etwas von sich hält. Wenn die Volksparteien recht haben, dann wird Overbeck Kanzler. Armin Overbeck oder Olaf Overbeck. Das halten sie, die Volksparteien, für eine Vision, die den Wähler begeistern wird.
Tja, der Overbeck. Im Englischen ist das der Typ BASIL FAWLTY, der Besitzer von FAWLTY TOWERS, dem Grundmodell des Patrons, eines Hausherren. Der Kleinbürger als solcher, ein Olaf, ein Armin. John Cleese hat klar gesagt: Eine Doku. Es sei das Gleneagles in Tankerton-on-Sea gewesen, das ihn auf die Idee gebracht hätte. Das Leben selbst schreibt die Komödie. Unsere Kanzlerkandidaten sind ihr eigenes Kabarett.
Ich hatte so einen Westentaschen-Napoleon wie Basil Fawlty mal in Penzance in einer Pension namens GAY VIEW. Er war Colonel der British Legion und zackig, wenn er den Gästen Spiegeleier offerierte. Das Ding lobte also im Eigennamen mit GAY VIEW den FRÖHLICHEN AUSBLICK; ich fragte ihn übermütig, ob es nicht auch der Ausblick auf die Bucht, sprich BAY VIEW getan hätte. Warum unbedingt das „gay“ da stehen müsste. Frostige Reaktion, sehr frostig. Sie können über sich selbst nicht lachen, die Overbecks. Sie grinsen; das ist nicht das gleiche.
Kleine Männer, kleine Menschen. Wie Alfred Tetzlaff. EKEL ALFRED hieß eine Erfolgsserie, die zur Hälfte von einem ARCHIE BUNKER aus den USA gekupfert und zur anderen nur Doku des ganz normalen Kleinbürgeralltags war. Und in diese Welt der langweiligen Männer tritt nun eine Alternative: „la déesse“, die Göttin, jung, weiblich, schön, von hoher Geburt und edler Gesinnung, eine Weise. Eine Jungfrau von Orléans. So würde ich das machen, wenn ich Baerbocks „Spin Doctor“ wäre.