Logbuch

MERKEL AUF ELBA.

Man sollte es unbedingt vermeiden, zwei Bücher gleichzeitig zu lesen, jedenfalls zum Einschlafen. Man bringt die durcheinander. Noch schlimmer, wenn man sich HÖRBÜCHER antut, die auch bei schon geschlossenen Lidern noch erklingen und so in den Schlaf begleiten. Sie werden in der TRAUMWELT ihr Unwesen treiben. Und zu irren Mischformen führen.

Der arme Professor begegnet dem Weltenherrscher. Hegel trifft im gerade besetzten Jena 1806 auf Napoleon Bonaparte, der durch die geschliffene Stadt reitet, und ist von den Socken. Die WELTSEELE zu Pferde glaubt er gesehen zu haben, den alles Umspannenden. Die Französische Revolution ist das Ereignis seiner Generation; wie für Merkel der Mauerfall. Jena, die berühmte Universitätsstadt, ist zudem von Napoleons Truppen geplündert. Frauen, Töchter, ja auch Mütter und Großmütter, finden sich von den Franzosen par force fraternisiert. Und der arme Prof hat Angst um sein letztes Manuskript, das er gerade auf die Post gegeben hat. Ob das in den Kriegswirren auch ankommt? Er hat keine Kopie, der Verleger in Bamberg zürnt und jetzt das: der WELTGEIST triumphiert über Preußen.

Nicht hoch zu Pferde, sondern in gewohnt tapsigen Schritten verlässt die FRAU BUNDESKANZLERIN ihre Aura der Macht. Sie verdrückt sich, im Wortsinn. Mehr vom Amt als vom Alter gezeichnet, gelegentlich wegen unerklärter Schüttelanfällen bei Staatsakten sitzend, stets in jener protestantischen Kluft, dem Hosenanzug nunmehr erweiterter Konfektion. Die Hände zur Raute gefaltet. Das Ende einer Ära, spärlich, in Teilen auch kläglich. Das eine Hörbuch handelt vom aktuellen MACHTVERFALL Merkels, in vielen Details. Das andere von der Französischen Revolution und HEGELS WELT. Ich folge den jüngsten Werken von Robin Alexander und von Jürgen Kaube. Und werfe alles durcheinander.

Der eine sagt, nur das Ganze sei das Wahre. Die andere ist gefangen im Flickschustern, jede Strategie vermeidend. Gegensätzlicher kann Machtausübung nicht sein. Ein aufgehender Stern, ein verglimmender. Ein erhabener TITAN, eine tragisch AUSGEBRANNTE. Mir träumt, dass Merkel, nachdem sie auch noch im Russlandfeldzug und in der Völkerschlacht bei Leipzig gescheitert ist, nach Elba auswandern muss. In die Verbannung. Oder war das Napoleon? Und der andere Fall, sitzt auf Rügen im ewigen Exil? Das muss Merkel sein, oder? Ich werfe alles durcheinander. Na ja, Träume sind Schäume.

Logbuch

STAATSVERSAGEN.

Ich war in einer halben Stunde bestens bedient. Leider zu einem etwas blöden Anlass. Mein Führerschein macht vier Wochen Urlaub bei der Bußgeldstelle der Kreisverwaltung Montabaur. Ich durfte ihn da abgeben. Höflich, nett, effizient. Hätte in Berlin mindestens sechs Stunden gedauert. Auf den Bürgerämtern Berlins liegen, Stand heute, 250.000 Anträge unbearbeitet, sagt die Presse am Ort. Das sind so „unwichtige“ Dinge wie Pässe oder Geburtsurkunden.

Mir erläutert ein Insider der Berliner Bürokratie, warum die Qualifikation der Beamten sehr überschaubar sei. Jeder halbwegs qualifizierte wechsele zu den Bundesbehörden am Ort, wo besser gezahlt werde. Was auf Landesebene zurückbleibe, müsse es, weil es an Qualifikation mangelt. Das ist ein böser Vorwurf und ich bitte alle zu Unrecht getadelten um Nachsicht.

Aber immer diese Possen: Eine Berliner Bürgerin braucht für drei Fotokopien eine Beglaubigung. Sie zieht sich eine Nummer und wartet anderthalb Stunden. Dann endlich an der Reihe, wird sie von der Senatsbediensteten rüde ermahnt, so gehe das nicht. Sie könne eine (1) Beglaubigung haben. Für die anderen beiden Beglaubigungen müsse sie sich gefälligst jeweils eine neue, eigene Nummer ziehen, um erneut zu warten. Ob das heute noch bis Feierabend klappt …

Der Ruf der Berliner Behörden ist so schlecht, dass man skeptisch wird, ob das überhaupt stimmen kann. Jedes Mal, wenn es mir anders ergeht, bedanke ich mich überschwänglich. Noch Freitag bei den Parkhostessen bei der Anwohnerkontrolle, ansichtig des niedersächsischen Kennzeichens. Die Gesichter echt verdutzt. Die glaubten, sie sind einem Irren begegnet. Sie haben unter sich achselzuckend dann „Westdeutscher“ gesagt. Das ist das gleiche.

Logbuch

DIENEN WOLLEN.

Der erfolgreichste Unternehmer der Welt, den die Presse als „talentierten Mr. Amazon“ führt, begann als kleiner Versandhandel für Bücher. Jeff Bezos oder so heißt der unglaublich reiche Glatzkopf, der nun in Pension geht. Mit 200 Milliarden Dollar Vermögen. Er hinterlässt ein Imperium, das RETAIL (Einzelhandel) neu definiert hat und ganze Innenstädte verödet. Ein GAME CHANGER. Wie konnte er es schaffen? Gründungsidee? Einen „Mail Order“-Buchhändler gab es schließlich schon früher; ich erinnere da so was in München. Ging aber wohl pleite. Nun, Amazon hatte als Motto SERVICE. Der Kunde sollte unbedingt (!) zufrieden sein. Eine Floskel?

Als ich gestern bei ARAL für 100€ getankt hatte, sollte ich im Bistro des CONVENIENCE-Stores für einen Becher zu einer miterworbenen Picolo-Flasche Sekt 15 Cent zahlen; es handelte sich um einen Pappbecher vom Kaffeeausschank. Bei Kaffee (4,80€ der Becher) gratis, bei Kühlware 15 Cent on top. Sekt aus Pappe schmeckt ekelhaft, aber die Blonde hatte Durst. Kein Pfand, Einwegkaufpreis des Trinkgefässes. Plastik ist ohnehin verboten. Glas haben sie nicht. Ist eh, sagt die pissige Dame, to-go, meint: Take-away. Nein, Payback habe ich nicht. Nein, ADAC bin ich nicht. Nein, Gutschrift auf künftiges Tanken will ich nicht. Ja, ich weiß, dass ich nicht im Bistro aus der Flasche trinken soll. Die Maske der Dame hängt an ihrem Handgelenk. Sie ist angenervt, pissig. Ich gehe, als Trottel ausgewiesen, murrend.

ARAL war mal meine Marke. Ich war markentreu. Ich habe schließlich da mal als Pressechef gearbeitet, als sie noch nicht zu BP gehörten. Wenn ich könnte, würde ich künftig bei Amazon tanken. Keine Pointe.

Logbuch

WIENER KEIN WÜRSTCHEN.

Man wähle Geschenke mit Bedacht. Weihnachtsgeschenke können das Leben des Beschenkten ändern. Es lastet also in diesen Tagen ein gewisse Verantwortung auf uns, die wir für Kinder oder Enkel das Christkind zu spielen haben.

Ich hatte nicht das, was man eine schwere Jugend nennt, im Gegenteil; aber in der gerade aufgeworfenen Frage doch gemischte Erfahrungen. Meine Eltern legten einen STABIL-BAUKASTEN unter den Baum, mit dem ich rein gar nichts anzufangen wusste. Das waren Metallplättchen, die man zu großartigen Gefährten zusammenschrauben sollte. Der Hersteller namens Walther aus Neukölln drohte damit, dass man so zum Ingenieur werde. Ich brachte es mit dem Zeug zu meinem ersten großen Versagen und meinen bildungsbeflissenen Eltern Kummer.

Das wurde anders mit dem Geschenk eines Folgejahres. Von der Firma Kosmos stand der RADIOMANN unter‘m Baum. Motto: „Vom Gebirg zum Ozean, alles hört der Radiomann.“ Ich baute mir ein Detektorradio und lernte, was ein Halbleiter ist. Das half im Studium bei der Rezeption von Kybernetik; das wiederum legte mir die Systemtheorie vor die Füße und lässt mich heute wissen, wovon die IT-Idioten faseln. Wer eine Diode versteht und den Transistor, den beeindruckt keine KI. So einfach ist das.

Übrigens gab es in der DDR eine intensivere Rezeption der amerikanischen Kybernetik als im Westen; und die Bücher waren billiger, ich tauschte sie gegen Kaffee und Nougat. So bin ich dann auch an meine Blauen Bände gekommen. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte. Für uns, die Kybernetiker, war Wiener jedenfalls kein Würstchen. Was lernt uns das? Man wähle Kindergeschenke mit Bedacht.