Logbuch

DER ENGLISCHE PARK.

Das Botschaftsviertel in London ist zurückhaltend bebaut, vor allem aber besteht es aus feinen Vierteln jeweils um einen Park, den sie hier mit einem vornehmen Plural „gardens“ nennen. Wunderbare Rasenflächen zwischen sehr alten Bäumen mit soliden Bänken, die zur Ruhe in der hektischen Metropole einladen.

Wer aus dem barbarischen Berlin hier verweilt, erkennt erst aus welchem Moloch er leider kommt. Keine Dealer aus aller Herren Länder, keine obdachlosen Alkoholiker, kein wilder Müll, Bänke ohne Fäkalien. Wie machen die das? Nun, der Park ist durch schwere Eisengitter eingegrenzt, die nachts verschlossen werden. Stachelige Hecken monströsen Ausmaßes begrenzen ihn. Das ist das eine: starke Zäune machen gute Nachbarn.

Wer in das Bankenviertel im ehemaligen Hafen rausfährt, findet eine Armierung gegen Terror, die paramilitärisch erscheint. Man fühlt sich, als beträte man einen Knast oder eine Kaserne. Auch andernorts schwere Pöller und Gesichtserkennung. Vor der U-Bahn im Untergeschoss der Canary Wharf stehen die Reisenden in langen Schlangen vor jeder einzelnen Tür der im Minutentakt eintreffenden Züge. Kein Gedränge, keine Pöbelei. Es riecht, wie geht das, nicht nach Urin.

Die Menschen verhalten sich anders. In den Massenverkehrsmitteln wie den Gärten. Ja, man kommt aus aller Herrenländer, was die Politik zu ändern gedenkt, aber ich habe das Gefühl, dass man froh ist, hier zu sein. Britannien ist nur noch ein Drittland nach EU-Recht und in Wolverhampton geht es anders zu als in Kensington. Aber noch immer ein Sehnsuchtsort. Diese Parks, unglaublich.

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PARALLAXENBRUCH.

Die vier Königreiche, die das ausmachen, was man mal Groß Britannien nennen konnte, gehen an die Wahlurne. Die Fluktuation in der amtierenden konservativen Regierung entsprach mittlerweile italienischen Gepflogenheiten. Jetzt also werden Engländer, Waliser, Schotten und Nordiren mal was zu dem Sauhaufen von Tories sagen müssen.

Die Demoskopen prognostizieren einen bruchartigen Machtwechsel. Das hier übliche Mehrheitswahlrecht wird so viele Labour-Kandidaten aus den Wahlbezirken der vier Königreiche nach Westminster schicken, dass ein sozialdemokratischer Premierminister ansteht. Sagt die Prognose. Das Ganze findet unter der Tabuisierung eines Themas statt: Der gescheiterte Brexit steht als Elefant im Raum, wird aber nicht angesprochen, von niemanden. Durch Verdrängung entsteht ein Trauma. Dahinter steht ein weiteres, dass der Zuwanderung und die Angst vor Kontrollverlust. Dahinter Nostalgie.

Ich habe eine kleine Privattheorie, wer Wahlen gewinnen kann. Charisma erkennt man nämlich am Blick. So hat einst Tony Blair gewonnen, mittels Silberblick. Frauen können allem widerstehen, nur nicht schielenden Männern. Das beweist die Wissenschaft der Physiognomik. Der sozialdemokratische Herausforderer sieht aber aus wie ein dröger Oberstaatsanwalt und guckt wie ein Auto. Nur der Amtsinhaber Ritschie Sunak schielt zum Steine erweichen. Er hat damit die reichste Inderin gekriegt, eine Milliardärin. Könnte ein geschickter Augenarzt da bei dem Labourmann noch die Parallaxe brechen?

Dann hätte Keir Starmer gewonnen und ich Recht behalten. Wer ändert schon gern seine Meinung.

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SINTFLUT.

Ein ganztägiger Dauerregen hat in North Devon, England einen ganzen Ort ins Meer gerissen. In dem ansonsten idyllischen Hafenstädtchen Lynmouth am Bristol Channel treffen East und West Lynn aufeinander, Bäche würde man sie nennen, die den Wäldern entrinnen und der Irischen See zustreben. Der Lachs steigt die Bäche zum Laichen hoch. Ein Paradies. Durch die Sintflut wurde Middleham, das Örtchen zwischen Lynmouth und Watersmeet, ein Opfer der Flut, vom Erdboden getilgt.

Klimawandel? Das Ereignis ist exakt so alt wie der hier Berichtende; es geschah 1952. Man hatte so gebaut, dass die Sintflut wüten konnte. In zahlreichen Urlauben an der wunderschönen Lynn habe ich Jahrzehnte später studieren können, wie man auf ein „flood desaster“ reagiert. Breite Brücken überspannten danach die Bäche und eine riesige Auslauffläche bot jene Weite, die die Fluten bezähmt. Mit dem örtlichen Pfarrer sprach ich über die Historie. Der Mann war von einer überzeugenden Klugheit.

Die ins Gebirge geschnittenen Täler der East und West Lynn gäbe es geologisch nicht, wären erdgeschichtlich nicht immer wieder solche Katastrophen vorgekommen, referiert er. Und immer wieder habe man den Fluss verbaut. Er vergleicht es mit dem Vesuv. Kein Ausbruch habe die Anwohner daran hindern können, unmittelbar zu seinem Fuße neue Siedlungen zu errichten. Ich erzähle davon dem Hotelbesitzer, einem wunderbaren Mann mit italienisch klingenden Namen. Spitzname Mister D. Er nennt den Geistlichen einen alten Idioten.

Jetzt die Version von Mister D.: Die Royal Air Force habe in der historischen Nacht, die auch das halbe Hotel weggerissen habe, ein Experiment mit einer neuen Entwässerungstechnik von Wolken durchgeführt; er nennt es Geo-Engineering. Deshalb habe es so geschüttet. Die RAF also. Eine veritable Verschwörungstheorie. Weil man das Offensichtliche nicht glauben will. Diesen Hang zum Unsinn gibt es also solange wie mich. Wahrscheinlich schon ewig. So wie es die Corona-Verschwörung schon zur Zeit der Pest gab, sprich tausend Jahre zuvor. Dialektik der Aufklärung: Wenn der Glaube verloren ist, zieht mit dem neuen Wissen der Irrglaube ein.

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BRO HAT BEULE.

Ich wollte es unkompliziert regeln. Mir ist ein Trottel auf dem Parkplatz in die Karre gefahren und ich erreiche bei seiner Versicherung niemanden am Telefon; Mail haben die noch nicht. Man schreibt Briefe. Nach Wochen ein Anruf von einem Prepaid-Handy und die Nonchalance von jemandem, der mich „Bro“ nennt, im Getto kurz für Bruder. Mail geht nicht, Post sind die leicht im Rückstand; ich soll ja nicht zum Anwalt gehen, sondern „Fotto von Handy“ schicken, dann macht er mir Termin bei Beulendoktor.

Früher hieß der ideale Versicherungsvertreter HERR KAISER und war ein kreutznetter Nachbar. Die Verbraucher hatten die Geschichte dank extensiver TV-Werbung gelernt. Ich kenne das auch von einem Professor für Versicherungswesen, der sagt: „Versichern lässt man sich vom Norbert von Nebenan.“ Das hängt mit einer Vertriebsstruktur zusammen, die sich des Maklerwesens bedient. Dort sind die wirklichen Sitten weniger romantisch. Der Makler nimmt erstmal Provision, gern und gut.

Ich kenne einen einschlägigen Schergen aus Hannover, der das Motto dieses Vertriebsunwesens mit „anhauen/umhauen/abhauen“ beschrieben hat. Aber es geht mir heute nicht um Drücker und die Struckis (so heißen die Halbseidenen in den Strukturvertrieben). Es geht mir um die normalen Tante-Emma-Läden, die Versicherungsvertrieb noch immer ausmachen; in einer Zeit da selbst ALDI nicht mehr „commodity“ ist und AMACON das Vorbild für „retail“, Vorbild des ambitionierten Einzelhandels.

Die Branche der Finanzdienstleistungen nennt zeitgemäße Vertriebe „Direktversicherung“, typisch für residuale Finanzverwaltungen im Modus des Franz Kafka: das Normalste wird als Defizitprodukt verhökert. Direkt, weil kein Herr Kaiser und keine Tante Emma. Nur (!) AMACON und Check24. Eine wirkliche Tür würde aufgeschlagen, wenn die Direktversicherung als der Premiumabschluss gelte. Sie könnte das, wenn sie wollte. Wir warten aber noch auf die SMARTE Welt; Versuche wie „wefox“ waren das ja irgendwie nicht.

Aber auch dazu will ich eigentlich nichts sagen; nachvertragliche Treuepflicht. Aber versuchen Sie mal bei einem Schadensfall mit ihrem Herrn Kaiser zu telefonieren; Sie werden nicht mal Tante Emma erreichen. Ein Insider sagt mir, es gehe telefonisch in Festnetz nur noch mit Geheimnummern. Die Chance, dass Sie stattdessen in Anatolien bei einem remigrierten Kreuzberger Drücker landen, stehen nicht schlecht. „Hast Du Beule, Bro? Hab isch Doktor für!“ Bei dem Gedanken, dass die auch mein Steuergerät einstellen, wird mir übel.