Logbuch
LUXUS.
Wer sich ein Schiff nur zum Vergnügen leisten kann (niederdeutsch: zur Jacht), der ist stolzer Yacht-Besitzer. Die Hobbyboote können den Wind nutzen oder veritable Motoren und sollten länger als 10 Meter sein; die längste Luxusyacht misst gerade 163 Meter; das kann morgen schon zu kurz sein.
Size matters. Ich habe mal mit einem prahlsüchtigen Stahlbaron aus dem Osnabrücker Land gesprochen, der sich damit zu adeln wusste, dass sein Pott länger als die Germania der Krupps sei. Ich bemerkte, dass mir das imponieren sollte. Nun, ich fahre nicht zur See und habe kein Geld. Unterscheidet mich auch von einem korpulenten Prothesenhersteller, den ich mal in Hannover im Hotel von einer Pink Lady faseln hörte, die soundso lang sei, sein Boot. Man will den längsten haben.
Da ich weder in französischen Yachthäfen herumlungere noch an der sardischen Küste von Frau Esmeralda, kenne ich all das nur dem Hörensagen nach. In der Kanzlei eines Hamburger Medienanwalts sehe ich ein Foto des Inhabers aus besseren Tagen auf der Yacht des Aga Khan, bloßer Oberkörper in mediterraner Abendsonne. Meine Urlaubsbilder zeigen mich in Ölzeug auf einem stinkigen Fischerboot eines elenden Hummerkutters in irischer See. Aber ich bin zu Sozialneid nicht wirklich in der Lage.
Die Luxusyachten sind Fluchtorte der wirklich Reichen aus der Welt derer, denen sie das Geld haben nehmen können, in eine utopische Idylle. Und ab und zu ein Paparazzi; das darf. Man will ja nicht nur der Welt der Profanen entfliehen, sondern dessen auch beneidet werden. Es ist kein anonymes Glück, das sie erstreben, vielleicht ist es gar kein Glück. Ich lese, dass der Bürgermeister von Rotterdam eine Brücke abreißen lassen wollte, damit der Besitzer von Amazon, ein gewisser Jeff Bezos, da mit seiner Yacht durchkommt. Gigantomanie. Auf mich wirkt der Kerl wie sein eigener Avatar.
Dann doch etwas, was mir imponiert. Da die riesigen Segelyachten keinen Platz für Hubschrauberlandeplätze an Bord haben, gibt es eigene Versorgungsschiffe mit dicken Dieselmotoren, die grau und groß hinter dem Segler hertuckern. Mein Gewährsmann sagt mir, immer so, dass sie hinter‘m Horizont verschwinden. Bei Bedarf holen sie dann auf und versorgen. Das ist Luxus.
Dort gibt es zwei Heli-Landeplätze, superschnelle Beiboote, Surfbretter, die Golfausrüstung einschließlich Batterieauto, Strandpavillons, hunderte Flaschen Champagner auf Eis und ebenso viele Tausenddollar-Nutten in Wartestellung.
Sowie immer frische Erdbeeren. Bei Seenot reicht ein Funkspruch und die Support-Vessel kreuzt auf. Also das mit den Erdbeeren, das hat dann doch einen gewissen Eindruck auf mich gemacht, wenn ich ehrlich bin.
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HAUTE CUISINE.
Die Preise in der Spitzengastronomie sind völlig albern. Niemand, der bei Verstand ist, zahlt das. Aber mein Freund Kurt, der schwärmt so von seiner Frankreichreise, da habe ich jetzt mal was nachgekocht aus der HOHEN KÜCHE. Eine Art „chicken nuggets“, Hühnerklein.
Wir bereiten ein junges Hühnchen aus der Bresse, Frankreich, in einer Schweinsblase nach der Art des großen Paul Bocuse. Das Poulet sollte seine blauen Beinchen noch haben und den weißen Hals wie die rote Brust, der Tricolore entsprechend, den Nationalfarben des Franzosen. Gegart wird es im Sud unterhalb der Kochgrenze für vier bis sechs Stunden.
Wichtig ist die Vorbereitung. Man schiebe unter die Haut weißen Trüffel in nicht zu dünnen Scheiben. Das Innere füllt sich mit Gänsestoffleber und wildem Thymian. Man reibe die Haut mit Rum ab und nähe das Geflügel als Ganzes in eine Kalbsblase ein. Bei kleineren Vögeln tut es auch die vom Schwein.
Serviert wird der gesimmerte Ballon als Ganzes und am Tisch mit großem Schnitt in einem tiefen Teller geöffnet. Die Suppe ergießt sich und der Raum ist von Trüffelduft erfüllt. Das Poulet fällt matt freiwillig vom Knochen. Herrlich.
Bei Bocuse kostet das achtgängige Menü 370€, mit Weinbegleitung 670€, das Poulet en vessie als einzelner Gang 250€. Nachgekocht habe ich es für 38€. Dazu einen Macon blanc zu 18€, halb ausgetrunken.
Die Blase isst man nicht mit. Morgen wieder Pasta.
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DAS FREMDE.
Sie sah aus, als sei ihr der Leibhaftige erschienen. Ich fuhr mit der sehr geschätzten Barbara Baerns in einem Aufzug an der Freien Universität Berlin und plapperte irgendwas Theoretisches. Sie stutze: „Wir reden aber jetzt nicht über KYBERNETIK?“ Frau Professor ging in Abwehrstellung. Ich hatte wirklich nur geplaudert.
Jahre später an der Gutenbergischen Uni zu Mainz. Ein sehr geschätzter Professor aus der italienischen Schweiz, Stephan Russ-Mohl, hatte einen seiner Postdocs mitgebracht, den ich ganz gegen meinen Vorsatz empörte. Auf irgendeinen Gedanken aus dem französischen Strukturalismus, einen abgegriffenen Gedanken, der längst bessere Tage gesehen hatte, brach es aus ihm heraus: „Das ist französisch!“ Er sagte das so, wie man früher die Syphilis die französische Krankheit nannte. Ups.
In meinem Fach, der Publizistik, ging es für meine Begriffe eigentlich immer eher gemächlich zu, außer es drangen gelegentlich fremde Diskurse ein, kybernetische oder französische; dann kam es zu Immunreaktionen. Die allgemein verbindliche Alltagshermeneutik reagiert in solchen Fällen mit Versuchen der Verlächerlichung des Fremden. Das wird demnächst in einer „Festschrift“ Thema sein, die zu meinem Siebzigsten von zwei hochzulobenden Professoren herausgegeben wird. Sapienti sat.
Dort ist von einer Abstoßung des Fremden die Rede, die der Leipziger Professor Günter Bentele, also die Nachfolgegeneration an PR-Professoren zu den Vorbenannten, an seinem Kollegen Klaus Merten aus Münster vorgenommen hat. Er hat ihn öffentlich bezichtigt, „bullshit“ zu lehren. Eine Farce, die, wollte man übertreiben, mit der Schelte an Kopernikus oder Einstein vergleichen könnte, aber wir haben es auch eine Nummer kleiner: Das war ein Spiegelkonflikt zu dem Disput von Jürgen Habermas (Frankfurter Schule) mit dem Bielefelder Niklas Luhmann, der sogenannten Systemtheorie-Streit. Luhmann war der Exot. Bielefeld gibt es seither gar nicht.
In meiner Jugend erschien der Leibhaftige, wenn man Marx zitieren konnte oder Freud. Nur aus dem Grund habe ich die Jungs gelesen. Immer ein Ass im Ärmel.
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KUNDEN LOCKEN. BÜRGER BELEHREN.
Den Namen sagen. „Ihr heißt VOLKSWAGEN, nicht Luxuswagen!“ Das hat der scheidende Wirtschaftsminister der Autoindustrie patzig zugerufen. Das ist, wie bei allen Propagandaparolen richtig und falsch zugleich. Es ist scheinbar plausibel. Und hat eine eigene Geschichte, die mit Bedacht zu erzählen ist.
Historisch ist nämlich unabweisbar, dass dies die Vorgabe der damaligen Regierung an die Konstrukteure in der „Stadt des KdF-Wagens“ bei Fallersleben war, ein Massenprodukt der Mobilität zu bauen, auf das mit den Sparbüchern der „Kraft durch Freude“-Bewegung angespart werden sollte. Das Käfer-Wunder war in die Wiege gelegt. Man bemerkt, wie vorsichtig ich formuliere. Auch dieser epochale Traum war irgendwann ausgeträumt und wurde durch das Golf-Wunder abgelöst; aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.
Nun geht es um BEV, Elektrofahrzeuge mittels Batterie. Der scheidende grüne Minister glaubt, dass es Verbrenner vom Markt fege, wenn die Strom-Karre weniger als 20k koste. Wenn billiger, dann Boom. Er kritisiert im Grunde, dass die in Europa gebauten Fahrzeuge zu gut ausgestattet seien. Eine bestimmte Preisunterschreitung ist hierzulande eben nur durch deutliche Minderausstattung darstellbar; und das muss dann etwas anderes sein als jene Kosmetik, die die Hersteller „Entfeinerung“ nennen. Der Grüne denkt an so was wie den 2CV oder R4. Da ist viel Romantik der Pubertät.
Die Debatte ist historisch nicht neu. Die Regierung, die den Käfer förderte, führte sie mit der Industrie übrigens auch um den Preis eines Massenkommunikationsmittels, den VOLKSEMPFÄNGER, sprich das Radio. Man wollte es billiger. Der Rundfunk hatte damals die Bedeutung, die heute den Sozialen Medien im Internet zukommt. Nicht ohne Hintersinn hat der Automobilproduzent TESLA (er baut BEV in Brandenburg), sich auch Twitter (heute X) zugelegt; man bewirbt sich dort über das Angebot „autonomen“ Fahrens (meint vollautomatisch). Es werden Kunden mit einem Mehrwert gelockt, nicht mit Minderausstattung.
Jetzt nenne ich auch mal Namen. Das Konzept der VOLKSPRODUKTE ist eng mit dem von Ludwig Ehrhard verbunden, dem Vor-vor-Vorgänger von Robert Habeck. Das Fränkische ist im deutschen Wiederaufbau der Nukleus einer VOLKSWIRTSCHAFT, die die „Soziale Marktwirtschaft“ propagierte. VOLKSFÜRSORGE. Man hat hier Industrialisierung weitergedacht und der Massenfertigung den Nimbus eines „christlichen Sozialismus“ gegeben. Dafür stand dann symbolisch auch die D-MARK. Heute würde ich das Fürther Unternehmen QUELLE als Paradigma nennen, MASSENKONSUM als Heilslehre. Aber auch der Quelle-Katalog fiel aus der Zeit. Ehrhard war übrigens als Politiker ohne Fortune.
Ich habe keine Ahnung, wo die Zukunft der deutschen Automobilindustrie liegt; viele, die da plappern, sind wohl Schwätzer. Das ist das eine; das andere ist: ich sehe China nicht als gelbe Gefahr. Wettbewerb belebt das Geschäft und Mobilität misst man in „Fahrzeuge im Verkehr pro Kopf der Gesamtbevölkerung“. Eine ganz andere Frage ist die nach der politischen Förderung, gesamthaft, nicht nur der Wettbewerbslenkung durch Subventionen. Die strukturelle Industriefeindlichkeit macht uns alle arm. Wer die Menschen überzeugen will, darf sie nicht nur als Bürger belehren, sondern muss sie auch als Kunden locken wollen.
Nun, ich will nicht politisieren. Aber Sie wussten schon, dass E-Autos in der Innenstadt von Oslo gratis parken?