Logbuch
RADIKALE PURITANER
Was uns amerikanisch scheint, das kann die Freiheitserklärung von 1776 sein, also sehr fortschrittliches Denken. Oder ein reaktionärer
Paternalismus christlicher Prägung, der dort schon 1620 an Land ging. Oder Katholisches von Iren und viele andere kulturelle Einflüsse aus den Migrationsmilieus. Wer gewinnt die Oberhand?
Ein großes Land. Mein amerikanischer Freund sagt zur Besiedelung seines Vaterlandes im heutigen Massachusetts durch englische Extremisten: "Im Jahre 1620 landeten die Pilgrim Fathers auf dem Plymouth Rock. Es wäre besser gewesen, der Plymouth Rock wäre auf den Pilgrim Fathers gelandet." Das ist schwarzer Humor, der der Erläuterung bedarf.
Zu Beginn des 17. Jahrhunderts bildete sich in England eine Sektenbewegung, die sich selbst "Heilige" (saints) nannte (die Bezeichnung als Pilger erfolgte erst später und gehört zum historischen Kitsch der US-Geschichte) und einen radikalen Protestantismus verfolgten. Geistesgeschichtlich sprechen wir von CALVINISMUS oder PURITANISMUS. Dabei kommen zwei Komponenten zusammen, die bis heute nachwirken. Man war separatistisch und erkannte keine Autorität an, keinen Papst, keinen Bischof. Und man vertrat die Laien-Exegese der Bibel; das Buch galt als Gottes Wort, und zwar ohne weiteres verständlich für den naiven Leser. Man begründete die eigene Bigotterie mit Bibelzitaten, vornehmlich des Alten Testaments, jedwede Verdrehung war dabei recht. Bis heute.
Eigensinnig fanatische Frömmler mit einem Widerwille gegen externe Herrschaft, auch die des Staates oder auch nur der Vernunft. Schon ihre Glaubensbrüder waren ihnen "Fremde" (strangers). Sie wären 1620 in der neuen Welt ohne die Unterstützung durch die INDIANER (meint Ureinwohner Amerikas) glatt verhungert, was man am THANKSGIVING erinnert; das hat sie aber nicht gehindert, die Wilden anschließend auszurotten. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.
Die USA sind heute eine multikulturelle Gesellschaft, wie jedes Einwanderungsland seine zuwandernden Kulturen unter Leitkulturen integrierend, dabei kommt es zu interessanten Mischformen. Aber es gibt eben schon hegemoniale Strömungen, solche der Vorherrschaft. Die Macht lebt ja nie nach der Moral, sondern immer von ihr. Entsetzt registriert das westliche Europa wie Tonlagen der WEISSEN ÜBERLEGENHEIT, die man unter Trump täglich auf Twitter hörte, nicht marginal sind ("eine kleine radikale Minderheit"), sondern Milieus ansprechen, die größer zu sein scheinen.
Für RASSISMUS will niemand die Pilgrim Fathers ansprechen oder heutige Christen (obwohl das Thema des Anti-Judaismus einer sorgfältigen historischen Würdigung bedarf), aber die Stimmungslage zur Frage des Abtreibungsrechtes, die jetzt in den USA auch juristisch Oberhand gewinnt, die geht auf ein Denken zurück, das 1620 auf dem Plymouth Rock (MA) gelandet ist. Und da findet mein amerikanischer Freund, aber das hatten wir ja schon.
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DES FEUERS MACHT.
Vom Lagerfeuer bis zur Gaskrise gilt: Wir unterliegen der Not, künstlich Licht, Kraft und Wärme zu schaffen. Das Feuer ist aber eine Frage des Brennstoffs; der wiederum ist eine Frage der Macht, eine Diktatur des Mangels.
So entsteht Diktatur: Energie ist Hegemonie. Böser Lehrsatz. Ich habe mal ein Buch von Werner Müller, dem legendären VEBA-Mann verlegt, das den Titel DES FEUERS MACHT trug. Gutes Buch, geklauter Titel (von einem alten ARAL-Film, den ich im Archiv gefunden hatte). Müller hat mich protegiert; ich denke mit Dankbarkeit an ihn. Er war klug. Viel von ihm gelernt. Und er von mir. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.
Es galt schon für den Fortschritt des 17./18. Jahrhunderts; er war englischen Ursprungs, weil die Tommies STEINKOHLE hatten. Es gilt für den amerikanischen Fortschritt des 19./20. Jahrhunderts; er beruhte auf MINERALÖL. Erst die Amis, dann die Scheichs. Und unsere Stärke hierzulande und bis neulich war wohl ERDGAS, aus Holland, Norwegen und Russland. In großen Mengen zu günstigen Preisen. Ein Verdienst der Ruhrgas AG unter Klaus Liesen. Auch ein kluger Kopf, von dem ich viel gelernt habe.
Die KERNENERGIE war eine Chance auf eine andere Welt, weil sie einen so effizienten Brennstoff hat, dass dieser erhebliche Sicherheitsfragen aufwirft, aber keine der Mengenverfügbarkeit. Davor haben wir gekniffen. Bleiben die Nischen der ERNEUERBAREN und der EFFIZIENZ. Das sind wir halbherzig angegangen; deren Potentiale sind nicht ausgenutzt. Es kommt KALTER ENTZUG.
Ich glaube ja an BRENNHOLZ. Ich schwöre dabei auf heimische Buche. Eine wiedererstarkende Forstwirtschaft wird zudem den Wäldern nützen. Stadtverwaldung statt Stadtverwaltung (ein Motto der Documenta, als sie noch was taugte). Mein Nachbar hat gestern Holz gekriegt, eine riesige Hängerladung voll. Ich sollte mich auch bemühen, noch im Sommer gutes Holz zu kriegen. Und so erfüllt mich jene Sorge, die schon den Steinzeitmenschen bekümmerte. Erkenntnis: Wir sind im Kern nicht weiter.
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DER AUSBRUCH DES FRIEDENS.
Am Sonntag, als ich gen Westen fuhr, kamen mir auf der Autobahn bemannte Panzer entgegen; sie fuhren gen Osten. Dabei dachte ich an MUTTER COURAGE.
In dem Brecht-Stück über die Marketenderin Courage geht es darum, dass die gute Frau vom Krieg leben möchte, zumindest ein wenig, und dabei am Ende doch alles verliert. Auf geringstem Niveau also eine KRIEGSGEWINNLERIN. Sie will dem großen Krieg ihren kleinen Vorteil abringen, wenigstens das.
Nur wenn man diese Perspektive der Marketenderin akzeptiert, versteht man ihre Furcht, dass (Achtung, Zitat) „der Frieden ausgebrochen“ sein könnte. Darüber ist sie sehr erschreckt, dass der Frieden ihr das Geschäft kaputtmachen könnte. Eine geschickte Formulierung des klugen Brecht mittels seines Verfremdungseffektes, die uns zeigt, wie wir denken: Kriege brechen aus, aber der Frieden wird gestiftet. Gegen den Ausbruch der Bestie Krieg, da kann man nichts tun; aber für den Friedensschluss, da will dann jemand gelobt werden. Eine fundamentale politische Täuschung! Auch Kriege werden gestiftet.
So sehr die rollenden Panzer als Verteidigung gelobt sein sollen, so nachhaltig ist mir die Courage im Kopf, die ihre Kinder verliert, weil sie gern noch ein Geschäft machen möchte, solange der Frieden nicht ausgebrochen ist. Eine Figur großer Tragik vergangener Zeiten. Vergangener Zeiten?
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KUNDEN LOCKEN. BÜRGER BELEHREN.
Den Namen sagen. „Ihr heißt VOLKSWAGEN, nicht Luxuswagen!“ Das hat der scheidende Wirtschaftsminister der Autoindustrie patzig zugerufen. Das ist, wie bei allen Propagandaparolen richtig und falsch zugleich. Es ist scheinbar plausibel. Und hat eine eigene Geschichte, die mit Bedacht zu erzählen ist.
Historisch ist nämlich unabweisbar, dass dies die Vorgabe der damaligen Regierung an die Konstrukteure in der „Stadt des KdF-Wagens“ bei Fallersleben war, ein Massenprodukt der Mobilität zu bauen, auf das mit den Sparbüchern der „Kraft durch Freude“-Bewegung angespart werden sollte. Das Käfer-Wunder war in die Wiege gelegt. Man bemerkt, wie vorsichtig ich formuliere. Auch dieser epochale Traum war irgendwann ausgeträumt und wurde durch das Golf-Wunder abgelöst; aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.
Nun geht es um BEV, Elektrofahrzeuge mittels Batterie. Der scheidende grüne Minister glaubt, dass es Verbrenner vom Markt fege, wenn die Strom-Karre weniger als 20k koste. Wenn billiger, dann Boom. Er kritisiert im Grunde, dass die in Europa gebauten Fahrzeuge zu gut ausgestattet seien. Eine bestimmte Preisunterschreitung ist hierzulande eben nur durch deutliche Minderausstattung darstellbar; und das muss dann etwas anderes sein als jene Kosmetik, die die Hersteller „Entfeinerung“ nennen. Der Grüne denkt an so was wie den 2CV oder R4. Da ist viel Romantik der Pubertät.
Die Debatte ist historisch nicht neu. Die Regierung, die den Käfer förderte, führte sie mit der Industrie übrigens auch um den Preis eines Massenkommunikationsmittels, den VOLKSEMPFÄNGER, sprich das Radio. Man wollte es billiger. Der Rundfunk hatte damals die Bedeutung, die heute den Sozialen Medien im Internet zukommt. Nicht ohne Hintersinn hat der Automobilproduzent TESLA (er baut BEV in Brandenburg), sich auch Twitter (heute X) zugelegt; man bewirbt sich dort über das Angebot „autonomen“ Fahrens (meint vollautomatisch). Es werden Kunden mit einem Mehrwert gelockt, nicht mit Minderausstattung.
Jetzt nenne ich auch mal Namen. Das Konzept der VOLKSPRODUKTE ist eng mit dem von Ludwig Ehrhard verbunden, dem Vor-vor-Vorgänger von Robert Habeck. Das Fränkische ist im deutschen Wiederaufbau der Nukleus einer VOLKSWIRTSCHAFT, die die „Soziale Marktwirtschaft“ propagierte. VOLKSFÜRSORGE. Man hat hier Industrialisierung weitergedacht und der Massenfertigung den Nimbus eines „christlichen Sozialismus“ gegeben. Dafür stand dann symbolisch auch die D-MARK. Heute würde ich das Fürther Unternehmen QUELLE als Paradigma nennen, MASSENKONSUM als Heilslehre. Aber auch der Quelle-Katalog fiel aus der Zeit. Ehrhard war übrigens als Politiker ohne Fortune.
Ich habe keine Ahnung, wo die Zukunft der deutschen Automobilindustrie liegt; viele, die da plappern, sind wohl Schwätzer. Das ist das eine; das andere ist: ich sehe China nicht als gelbe Gefahr. Wettbewerb belebt das Geschäft und Mobilität misst man in „Fahrzeuge im Verkehr pro Kopf der Gesamtbevölkerung“. Eine ganz andere Frage ist die nach der politischen Förderung, gesamthaft, nicht nur der Wettbewerbslenkung durch Subventionen. Die strukturelle Industriefeindlichkeit macht uns alle arm. Wer die Menschen überzeugen will, darf sie nicht nur als Bürger belehren, sondern muss sie auch als Kunden locken wollen.
Nun, ich will nicht politisieren. Aber Sie wussten schon, dass E-Autos in der Innenstadt von Oslo gratis parken?