Logbuch

HONEY TRAP.

In Westminster brodelt es, weil mehrere Herren mittels indiskreter Dokumente erpresst werden. Es geht wohl wieder um homosexuelle Abenteuer ordnungsgemäß mit Ladies liierter Lords. Man spricht von Honigfallen, ein Wort, das dem Spionage-Schriftsteller John Le Care geschuldet ist.

Ich habe diese schwule Subkultur erstmals mit klaren Augen gesehen, als ich in einem Club, dem Garret, auf meinen Gastgeber wartete, der sich schlanke drei Stunden verspätete. Man kommt da nicht rein, außer in Begleitung eines Mitglieds. Also saß ich in der Halle und wurde von den flanierenden Gentlemen beäugt, wohl weil für einen Stricher eindeutig zu alt.

Das Garret hat gerade eine Kommission eingesetzt, um die öffentlichen Forderungen abzuwehren, dass auch Frauen der Zutritt gewährt wird oder gar die Mitgliedschaft. Die Jungs hier sind alle in Internaten aufgewachsen, weil ihre Mütter sich ihrer entledigten, als die Infanten nicht mehr süß waren. Das sind keine koedukativen Einrichtungen, daher ist ihre Erfahrung mit Frauen nach der Pubertät gespalten zwischen sentimentalen Erinnerungen an die Kinderfrau („Nanny“), dem Mutterersatz der Kindheit, und den Armutsprostituierten hinter dem örtlichen Pub, die sie auf dem Parkplatz für kleines Geld zu Männern machten.

Von einem Internatskind in Deutschland weiß ich, dass die Insassen der elitären Knabenkasernen sich ein Leben lang am Blick erkennen. Wohl gemerkt, wir reden hier von der wirklichen Oberklasse, nicht von Heimkindern, denen ein bedauernswertes Schicksal ein familiäres Aufwachsen genommen hat. Die Ausflüge des englischen Gentleman aus guter Familie finden jedenfalls nicht im Femininen statt.

Entsprechend realitätsfern die Wahrnehmung der Mata Haris oder der Christine Keelers oder jedweder russischen Tausenddollarnutte. Man wähnt sie unwiderstehlich; historisch übrigens, weil ihnen eine Ausbildung in chinesischen Opiumbordellen unterstellt wurde. Siehe Wallis Simpson. Honigfallen also. Das Feministische Außenministerium der Frau Baerbock warnt in diesen Tagen vor spontanen Abenteuern in Moskau. Echt jetzt?

Schließen möchte ich mit einem Wort des Spionagechefs der DDR, dem Erfinder des ROMEO-Agenten, Markus Wolf. Der hatte sich vor Kritik verwahrt durch den Hinweis, dass er einen Geheimdienst zu führen hatte und keinen Club der Einsamen Herzen.

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HELDENSAGE.

Der Tisch ist übersät mit Konvoluten. Ganze Stapel ungeordneter Unterlagen liegen zwischen uns, immer wieder fischt mein Gegenüber einen Zettel heraus, liest kurz und setzt dann zu einer langen Erklärung an. Ein Ghostwriter braucht vor allem Geduld.

In Momenten der Verzweiflung über die nicht enden wollenden Ausschweifungen erinnere ich mich an das arabische Sprichwort, nach dem man die Wüste mit zwei Kamelen durchquert; die heißen Humor und Geduld. Als ich mich auf das Projekt einer Autobiografie einließ, war mir klar, dass es eine Hagiographie werden sollte. Ich hatte aber doch gedacht, neben dem Leben des Berühmten auch die Zeiten schildern zu können. The Life and Times of…

Ich lerne etwas über unsere Erinnerung. Es ist gar nicht so, dass die spektakulären Siege unsere Seele prägen; es sind die Niederlagen und Kränkungen, die erlittenen wie die zugefügten. Wenn die Wunden verheilt sind, hat Brecht gesagt, dann schmerzen die Narben. Was unser Gedächtnis nicht los wird, sind die Peinlichkeiten. Dagegen stemmt sich der Biograf, gegen das Trauma, dass das Leben aus Zufällen bestand und Patzern.

Ein großer Charakter wird entworfen, der die Stürme des Lebens bezwang, frei von Banalem, zu Höherem geboren. So ein Heldenmythos bedarf schon einiger Anstrengungen des Erzählers. Wir sind dem Fiktionalen ergeben. Der Zeitzeuge ist dabei eher im Weg, weil ihn bestimmt, was Freud VERDRÄNGUNG genannt hat. Sein Über-Ich hadert noch immer im Unterwussten mit dem Unzulänglichen; aber so baut man ja keine Heiligen. Wenn das Buch erscheint, wird nur der große Name genannt, kein Zweitautor oder Ghostwriter, eine Autobiografie eben. So verborgen steigt mein Mut zur Heldensage.

Nein, ich nenne keine Namen. Ohnehin ist die Sache vertraulich, muss hier also unter uns bleiben. Was den auszulobenden Helden angeht, so sind seinerseits Gewissensbisse eh nicht zu erwarten. Die Gewissheit des Heiligen, dass in ihm höhere Kräfte wirkten, wächst von Seite zu Seite. Wer bin ich, da zu widersprechen?

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ROCK&ROLLER.

Es wäre eigentlich unstattlich über einen älteren Herrn, der allgemein in Ungnade gefallen ist, ein Attribut zu verbreiten, wie jenes, dass er einer der letzten Rock&Roller gewesen sei. Das Wort stammt von Joschka Fischer, Grüne, und meinte Gerhard "Gerd" Schröder, der in diesen Wochen seinen 80. Geburtstag feiert.

Ich werde mich hier nicht über seine Verdienste als Kanzler äußern, auch nicht über die von ihm geförderte Energiepolitik, nicht über seine spätere Tätigkeit als Berater auch ausländischer Unternehmen oder sein Privatleben oder die strukturelle Schäbigkeit seiner Partei.

Was mir hingegen gefällt, ist ein Doppeltes, eine eigenartige Paradoxie im Protokollarischen. Zu einer Geburtstagsfeier ist eingeladen und ich lese von denen, die auf der Liste standen und zugesagt haben, in der Öffentlichkeit bereits Relativierungen ihres Verhältnisses zum zu Feiernden; feige Gratulanten. Und ich lese ebenso peinliche Anschmiegungen von Nicht-Geladenen, die gleichwohl ihre vermeintliche Nähe zur gefeierten Größe bewerben wollen.

Gerd, alter Sack, das ist nicht schlecht für einen Altersgenossen von Mick Jagger. Ach so, ich bin nicht geladen und falle unter das vernichtende Urteil über die zweite Kategorie, siehe oben.

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SAMTKRAGEN.

Weil gefragt wurde: Man nehme im gefrorenen Glas einen doppelten Korn (das meint 4cl Korn zu 32 Umdrehungen, es meint nicht einen Doppelkorn) und setze über einen umgedrehten Löffel einen hochprozentigen Bonnekamp (48 Percent, zum Beispiel Underberg) vorsichtig auf. Stürzen, bevor der Samtkragen ins Klare diffundiert. Macht einen klaren Kopf und heilen Magen. In Maßen genießen, nicht in Massen. Heißt im Revier STAHL&EISEN. Glückauf!

Wir müssen jetzt mal unser Schulenglisch ein wenig auffrischen. Wenn man einen Kater hat, spricht der Inglese von „hang over“, eigentlich Überhang, aber eben der gängige Begriff für den Morgen danach. Prosecco vorne weg, Wein zum Essen, Likör zum Dessert, Bier zum Billard, Whisky zum Schluss. Am nächsten Morgen Sodbrennen und einen Mörder Schädel. Normal.

Wen aber nun noch schlechte Laune ereilt, Sorge und Angst, im Englischen „anxiety“, der hat, jetzt kommt es, HANGXIETY, als Begriff eine Kontraktionsform aus „hang over“ und „anxiety“. Bevor wir nun ins Neurologische absteigen: Es geht darum, für wenn man sich nach der „Über-Erfrischung“ (sagt der Schwede so) richtig scheiße fühlt und einen Moralischen kriegt. How to treat hangxiety.

Die von mir geschätzte TIMES geht dieser Frage gerade nach. Ein Neurologe wird bemüht, der die fehlende Balance von Botenstoffen ins Feld führt. Der Allohol führt zu einer Entspannung, die das Hirn bald als gefährlich empfindet und mittels Überproduktion seines Antipoden auszugleichen sucht. Wenn aber nun der Allohol schon abgebaut ist, die Euphorie also beendet, und die Glutamat genannten Botenstoffe noch immer produziert werden, dann geht die Stimmung ärschlings. Sagt der Doc in der TIMES. Man hat Kater oder eben HANGXIETY.

Die Ratschläge erspare ich uns. Nichts Hochprozentiges, kein Fizz, vorher fett essen und so weiter. Denn der Kern der Wissenschaft ist, man kriegt den Kater nicht vom Saufen, sondern davon, dass man plötzlich aufhört, das eigene Hirn das aber noch nicht einsieht. Der Entzug ist das Problem. Womit wir bei den Archetypen des Suffs sind.

Im finno-ugrischen Alkokolgürtel ist Trinkziel eine tiefe Ohnmacht („Filmriss“), während im mediterranen Typus das Genie in der Verzögerung liegt, mit der das Sprachzentrum getroffen wird; man säuft sich palavernd durch den Tag und dann die Nacht. Daher die Beliebtheit des Latin Lover in der Damenwelt; er kann länger. Und zwar labern. Die einschlägige Warnhinweise überlasse ich nun den Kommentatoren.