Logbuch
CHARISMA.
Seine Majestät Charles III ist schätzenswert, vor allem wenn man bedenkt, was der Mann so privat um die Ohren hatte. Aber ein CHARISMA, das leuchtet hier nicht. Nicht mal im Vergleich zu dem profanen Frank-Walter.
Die Kunsthistoriker belegen ein Selbstbildnis des Albrecht Dürer von 1500 mit einem eigenen Begriff, den ich noch nie gehört hatte. Das Eigenporträt sei „christomorph“. Meint: in der Gestalt Christi. Ich halte das für fehlleitend. Denn der Witz liegt im Gegenteil dessen.
Der Nürnberger Künstler malt Jesus Christus und gibt dem Nazarener seinen Gesichtsausdruck, den Dürerschen. Jesus wird düromorph. Wir sehen ein Werk monströser Eitelkeit. Hier wird Gottesähnlichkeit ganz vordergründig auf den Punkt gebracht. Man kann mit großem Recht fragen, ob das nicht blasphemisch ist.
Nun mag es der fränkische Narzisst vielleicht als seine Ergebenheit an den Gottessohn gesehen haben. Es gibt da Zeugnisse seiner christlichen Bestimmung. Aber auch unter der Annahme der Frömmigkeit bleibt ein Rest echter Frechheit. Dürer klaut Charisma.
Mir fällt das Mysterium hinter CHARISMA auf, als ich die TV-Bilder vom Staatsbesuch Charles III sehe. Politisch wichtig und richtig. Schöner Mantel, den er da trägt; geht mir durch den Kopf, wie mein blauer (Wo ist der eigentlich? Habe ich den irgendwo hängen lassen?). Seine Mutter hatte 1965 mehr Charisma, fand ich jedenfalls damals.
Meine Familie hat eine englische Ader und ich hatte damals als 13jähriger Schüler zum Besuch von E II R eine Postkarte an die britische Botschaft in Bonn geschrieben und eine volle Pressemappe mit Hochglanzfotos erhalten. Meine Begeisterung war groß; größer als sie heute ist. Nun muss ich heute auch einer Rede des amtierenden Herrn Bundespräsidenten lauschen, der ein so miserabler Redner ist.
Steinmeier ist uninspiriert. Dürer wollte sich inspiriert zeigen. Charisma ist das Durchscheinen von etwas sehr Großem im Kleinen. Das Anklingen des Allgemeinen im Besonderen.
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HITLER TAGEBÜCHER.
Über den STERN und seinen Ankauf der gefälschten Tagebücher Adolf Hitlers ist so viel geplappert worden, dass man keine Lust hat, das mit weiteren Anmerkungen noch zu adeln.
Jüngst entblödet sich das RESCHKE-TV sogar noch, darauf hinzuweisen, dass der Fälscher Kujau aus sumpfig braunem Kontext stammte. Ist das wahr? Ich kenne die Herren alle persönlich, die das im Hamburger Flaggschiff des Journalismus seinerzeit vergeigt haben; einer saß kürzlich noch in Charlottenburg im „Tavola Calda“, der Felix, inzwischen ein älterer Herr. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.
Einer meiner langjährigen Freunde von Facebook macht mich gestern auf einen anderen Fall paradigmatischer Fälschung aufmerksam. Er ist dem Nordamerikanischen zugeneigt und erinnert an einen 50 Jahre alten Fall, der alles hatte. Möglich wurde er damals durch den Trivialmythos des HOWARD HUGHES, der als berühmter Milliardär den Rückzug aus der Öffentlichkeit probte und daran irre wurde. Wundert nicht.
Hier ist alles: ein großes industrielles Erbe, Fliegerei, Hollywood, Las Vegas, italienische und jüdische Mafia, Vitalismus, Watergate mit Nixon und ein Journalist namens CLIFFORD IRVING. Der verkaufte einem Verlag die AUTOBIOGRAFIE des Eremiten Howard Hughes samt gefälschter Briefe, und zwar auf der Basis von Interviews, die es nie gegeben hatte, aber spektakuläre Einzahlungen auf Schweizer Konten… Alles drin.
Das scheint mir hierzulande als AUSNAHME behandelt, so wie der Fall RELOTIUS beim SPIEGEL. Oder als amerikanischer Exotismus. Auch die Diss von Doll zu „Fälschung und Fake“ (gestern etwas harsch getadelt) kennt es nicht. Will das mal jemand nachholen?
Ernsthafte Anmerkung: Erst wenn man die intellektuelle Kraft hat, in der Ausnahme die REGEL zu sehen, kann das Systematische im Exemplarischen erkannt werden. Tjo, die Ausnahme und die Regel.
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FAKE NEWS.
Lese das 500seitige Werk von Martin Doll zu „Fälschung und Fake“, ein faktenreiches Werk zum Täuschen, leider eher geschwätzig, im theoretischen Ansatz schmalbrüstig. Er geht das Thema etymologisch an, von den Wortbedeutungen her. Das ist zu dünn.
Die neuere Debatte um „fake news“ beginnt nämlich historisch wie sozial an einem bestimmten Ort, bei der Empörung der alten „gate keeper“, den Journalisten, darüber, was Hans und Franz in den Social Media alles verbreiten können, ohne dass das noch ihrer Kontrolle unterliegt. Es geht im Hintergrund um den Machtverlust einer Profession. Es geht um journalistische Larmoyanz.
Denn „fake“ ist nicht „false“ (soviel Englisch sollte sein) und es geht nicht um unerwünschte Meinungen, sondern um NACHRICHTEN, genauer „gefälschte Nachrichten“ (nicht nur um „falsche“). Das setzt vorsätzliches Handeln voraus. Man unterscheide begrifflich (!) zwischen einem falschen Lächeln, dem vorgetäuschten Orgasmus und dem gefälschten Pass. Drei Welten.
Zunächst zum Extrem: Das Paradigma der Propaganda-Lüge ist der CASUS BELLI, der Kriegsgrund. Er muss so gewichtig sein, dass ich freudig einwillige, dass meine Kinder die Kinder anderer Leute töten und dabei selbst umkommen, um mir ihre Kinder als Waisen zu übergeben. Dazu muss einiges an Empörendem aufgeboten werden. Da ist nicht jeder so schnell dabei wie die Bellizisten unserer Tage. Oft ist er erlogen, der Kriegsgrund, immer Propaganda.
Etwas anderes ist die ENTE. So nannten Journalisten früher eine Falschmeldung. Wo das Wort herkommt? Von einer Randbemerkung des Redigierens; so was gab es, als es noch Redakteure in Redaktionen gab (haben die Verleger abgeschafft). Wenn etwas noch nicht überprüft war (aber geprüft werden sollte), so notierte man am Rand: „n t“ für „non testatum“, „nicht geprüft“. Aus diesem „n t“ wurde die Ente.
Die Profession solcher Sorgfalt war beleidigt über das aufkommende Querdenkertum, wo das Falsche kein Unfall mehr war, sondern das Fälschen eine Leidenschaft wurde. Nicht nur für die Hohen Priester, sprich Privileg der Verleger, sondern Hobby des breiten Volks. Das ging denen zu weit.
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SAMTKRAGEN.
Weil gefragt wurde: Man nehme im gefrorenen Glas einen doppelten Korn (das meint 4cl Korn zu 32 Umdrehungen, es meint nicht einen Doppelkorn) und setze über einen umgedrehten Löffel einen hochprozentigen Bonnekamp (48 Percent, zum Beispiel Underberg) vorsichtig auf. Stürzen, bevor der Samtkragen ins Klare diffundiert. Macht einen klaren Kopf und heilen Magen. In Maßen genießen, nicht in Massen. Heißt im Revier STAHL&EISEN. Glückauf!
Wir müssen jetzt mal unser Schulenglisch ein wenig auffrischen. Wenn man einen Kater hat, spricht der Inglese von „hang over“, eigentlich Überhang, aber eben der gängige Begriff für den Morgen danach. Prosecco vorne weg, Wein zum Essen, Likör zum Dessert, Bier zum Billard, Whisky zum Schluss. Am nächsten Morgen Sodbrennen und einen Mörder Schädel. Normal.
Wen aber nun noch schlechte Laune ereilt, Sorge und Angst, im Englischen „anxiety“, der hat, jetzt kommt es, HANGXIETY, als Begriff eine Kontraktionsform aus „hang over“ und „anxiety“. Bevor wir nun ins Neurologische absteigen: Es geht darum, für wenn man sich nach der „Über-Erfrischung“ (sagt der Schwede so) richtig scheiße fühlt und einen Moralischen kriegt. How to treat hangxiety.
Die von mir geschätzte TIMES geht dieser Frage gerade nach. Ein Neurologe wird bemüht, der die fehlende Balance von Botenstoffen ins Feld führt. Der Allohol führt zu einer Entspannung, die das Hirn bald als gefährlich empfindet und mittels Überproduktion seines Antipoden auszugleichen sucht. Wenn aber nun der Allohol schon abgebaut ist, die Euphorie also beendet, und die Glutamat genannten Botenstoffe noch immer produziert werden, dann geht die Stimmung ärschlings. Sagt der Doc in der TIMES. Man hat Kater oder eben HANGXIETY.
Die Ratschläge erspare ich uns. Nichts Hochprozentiges, kein Fizz, vorher fett essen und so weiter. Denn der Kern der Wissenschaft ist, man kriegt den Kater nicht vom Saufen, sondern davon, dass man plötzlich aufhört, das eigene Hirn das aber noch nicht einsieht. Der Entzug ist das Problem. Womit wir bei den Archetypen des Suffs sind.
Im finno-ugrischen Alkokolgürtel ist Trinkziel eine tiefe Ohnmacht („Filmriss“), während im mediterranen Typus das Genie in der Verzögerung liegt, mit der das Sprachzentrum getroffen wird; man säuft sich palavernd durch den Tag und dann die Nacht. Daher die Beliebtheit des Latin Lover in der Damenwelt; er kann länger. Und zwar labern. Die einschlägige Warnhinweise überlasse ich nun den Kommentatoren.