Logbuch
ANALOGIEN.
Die Antiken hielten den Menschen für ein Tier. Die Aufklärer für eine Uhr. Und die Postmoderne für einen Computer. Was werden unsere Enkel als Vergleich wählen?
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MULTI KULTI.
Was mein Butterbrot mich gestern lehrte. Während in Sachsen für Deutschtum demonstriert wurde, verspeiste ich im Westerwald ein Pastrami-Sandwich. Das ist ein Exzess an Vielvölkerei. Und sehr lecker.
Im Aldi erwarb ich Pastrami, ein Brotbelag, der sich als Kochschinken vom irischen Rind ausweist, den ein Metzger aus dem Westerwald fertigt und bei Aldi Süd als wohlfeile Feinkost untergebracht hat. Es ist geräuchert und gut gewürzt. Die Weitgereisten unter uns kennen es aus New York vom Deli des Herrn Katz. Pastrami American Style.
Rumänische Juden sollen den Belag im 19. Jahrhundert in die Neue Welt gebracht haben. Andere Quellen sprechen von einem litauischen Metzger, wiederum andere von Galizien, der heutigen Ukraine. Da es zweifelsfrei kein Schwein war, sondern Rinderbrust oder Tafelspitz, erschien es den Juden koscher und den Moslems halal; beiden eine Leibspeise. New York als Schmelztiegel der emigrierten Völker, die dem Hunger der Heimat entflohen sich im Deli eine Roggenstulle leisten.
Wie vieles in der Kochkunst kommt die Raffinesse aus der Not des Konservierens; Fleisch sollte sich halten. Die türkischen Reiter sollen es unter den Sattel gelegt haben. Das sagt man auch von den Tartaren. In Amerika freilich wollte das jüdische Wort von der Pastrami gegen die italienische Angeberei mit der Wurst namens Salami anstinken. Ein italienisches oder ungarisches Fleischprodukt, in dem der Schweineschinken zur Ehre kam. Nicht koscher.
Aldi nennt die MULTI-KULTI-Produktreihe übrigens „GOURMET finest cusine“. Es fallen also nicht nur die ethnischen, religiösen und nationalen Schranken, sondern auch die sozialen. Vielvölkerei mit Sinn für Abgrenzung. Solches lernte ich gern von meinem Butterbrot.
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KOMMUNIZIERENDE RÖHREN.
Ob der Diesel teurer als Benzin und die beiden teurer als Heizöl sind, ob es Batteriestrom bringt oder Holzpelletts im Wohnzimmerkamin oder eine Photovoltaikpanele auf dem Balkon. Alles Scheinalternativen. Jacke wie Hose.
Für die Lümmel und Lümmelinen, die im Physikunterricht nicht aufgepasst haben, eine kurze Nachhilfe. Es geht um das Glasgebilde mit dünnen und dicken Röhren unterschiedlicher Form, die am Boden miteinander verbunden sind. Darum kommunizierende Röhren genannt. Jetzt schüttet man rosa Wasser in das Gebilde. Und schau an, der Wasserstand ist in allen Röhren gleich hoch. In den Dicken wie den dünnen. Weil die miteinander kommunizieren.
So wird das mit den unterschiedlichen Energieträgern gehen. Die Preisexplosion werden wir bei allen sehen. Behalten Sie Ihre Ölheizung, weder Holzkohle noch Flüssiggas noch Wasserstoff wird am Ende billiger sein. Auch nicht das neue Kleinkernkraftmodul aus England für den Vorgarten. Die Weltenergiemärkte kommunizieren. Wir haben einen globalen Nachfrage-Markt mit struktureller Angebotsschwäche. Sie werden der Abzocke nirgendwo entgehen.
Die EU hat Russland das Gas abgedreht, damit Putin die Einnahmen ausgehen. Die vermeintlich überflüssigen Mengen kaufen gerade Indien und China. Und der Preis hat sich vervielfacht. Russland nimmt, letzte Zahl, aus Öl- und Gasexporten 800 Millionen US-Dollar ein, am Tag, jeden Tag. Der Kurs kann inzwischen höher sein. Ich höre Leute schwätzen, man habe den Russen den Geldhahn zugedreht, so dass sich Putin seinen Krieg nicht mehr leisten könne; nun, pleite ist anders.
Zunächst sind die Preise gestiegen und die Exporterlöse gigantisch. BIG OIL macht Kasse. Langfristig mag die DEKARBONISIERUNG helfen; geplant war sie EU-seitig ohnehin für 2050. Das ist in 28 Jahren. Ich werde das noch gerade so erleben, wenn der Herrgott mich so alt werden lässt wie meinen Herrn Vater. Bis dahin wird der Kunstdünger dort produziert, wo das Gas billig ist. Und damit der Weizen. Ja, der Preis von Erdgas und der vom Brot! Alles hängt mit allem zusammen. Kommunizierend eben.
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EINE GUTE NACHT.
„Come and lie down by my side
'Til the early morning light
All I'm takin' is your time
Help me make it through the night
I don't care what's right or wrong
And I won't try to understand
Let the devil take tomorrow
Lord, tonight I need a friend.“
Warum schlafen wir? Das gilt ja wohl für alle Lebewesen, jedenfalls die Säugetiere, dass sie eines Ruhezustandes bedürfen. Die Annahme, dass dies mit der Erdrotation, also der Abfolge von Tag und Nacht, zusammenhänge, ist so plausibel wie leichtfertig. Denn die biologische Evolution kennt keine klare Logik von Ursache und Wirkung. Jedenfalls ist Schlafentzug Folter. Wir brauchen das süße Gift des Einschlafens und, wenn es eben geht, eine ruhige Nacht.
Für manche ist die Länge der Nacht auch eine Bedrohung. Es gibt dieses amerikanische Liebeslied, in dem das Paar sich den Wunsch erfüllt, es zusammen durch die Nacht zu schaffen; am besten von dem Countrymusiker und der kahlköpfigen Irin. Natürlich verbindet sich mit dem nächtlichen Bett auch die Romantik der Fortpflanzung und ihrer Derivate. Idylle der Zweisamkeit.
Freud sprach in seiner Traumdeutung von Tagesresten, die den Inhalt der Träume bestimmen. Überhaupt nutzt unser Rechner wohl die Zeit zur Nachbearbeitung der Eindrücke des Tages und kämpft gegen tiefe Gelüste wie Ängste, die im mentalen Untergrund hausen. Nach einer guten Nacht fühlt man sich wieder im inneren Gleichgewicht. Der Tag kann kommen.
In den großen Städten der Moderne hat die Straßenlaterne die Finsternis vertrieben und eine neue Jahreszeit eröffnet, das Nachtleben. Dem konnten die Menschen auf dem Land nichts abgewinnen, für die vor dem ersten Sonnenstrahl schon Tag war. Und die Schichtarbeiter, deren Leben die Fabrikglocke beherrschte. Mein Großvater väterlicherseits hat sein gesamtes Erwerbsleben auf dem Pütt Nachtschicht verfahren.
Im Handelsblatt lese ich gerade die Klage einer jungen Frau, die als erbende Stahlbaronin darüber lamentiert, dass man für die Hütte keine Schichtarbeiter mehr finde, obwohl es doch so lukrative Zuschläge gebe. Und darüber wird Klage geführt, dass der Strompreis zu hoch sei, insbesondere in der Dunkelflaute. Späte Einsicht einer Unbelehrten, deren Vater schon unbelehrbar war.
Nachts scheint die Sonne nicht; da bin ich sicher, vielleicht bläst der Wind. Aber auch da habe ich Zweifel. Es fehlt uns zudem des Feuers Macht. Jedenfalls kommt der Kohlefrachter aus Rotterdam nicht an die Saar, wenn die Moselschleuse zu schanden gefahren ist. Oder sibirisches Gas in die heimische Therme, wenn die Leitung gesprengt. Nicht mal die Kerne spalten sich noch und sorgen für Dampf in den Turbinen. Nach dem Wort des Jahres gefragt, habe ich Dunkelflaute vorgeschlagen. Keine gute Nacht.