Logbuch

CHAOS KOORDINATOR.

Was wird wohl auf dem Grab stehen? So sinniert man, wenn ein Politiker fällt. Die meisten wollen ja Wiedergänger sein und wählen den vermeintlichen Nachruf mit Bedacht. Also ist das Epitaph nicht unbedeutend. Was ist der letzte Satz des plötzlich nicht mehr Wichtigen?

Willi der Wähler weiß eigentlich nicht, wie die Macht im politischen Berlin sich organisiert; Wilma die Wählerin auch nicht. Es gibt die Fensterjobs, sagen wir mal, Bundeskanzler, Außenminister und Regierungssprecher. Von denen glaubt man zu wissen, was sie so machen. Und es gibt die wirklichen Zentren der Macht, in den die Strippen gezogen werden, an denen die Marionetten zappeln.

Ein offenes Geheimnis ist die Bedeutung des „Leiter BK“, da der Chef des Bundeskanzleramtes nicht nur den Regierungschef in aller Öffentlichkeit zu organisieren hat, sondern auch Koordinator der Geheimdienste ist. Vom Aufwand her ein Mörderjob. Weshalb ehemalige BK-Chefs sich alle mit Respekt begegnen. Da kenne ich keine Ausnahme. Wer das Amt hatte, verlässt es sehr müde und immer grauhaarig. Graue Eminenzen.

Nicht weniger wichtig sind die Fraktionsvorsitzenden im Deutschen Bundestag, zumal der Regierungsfraktionen. Wärter in einem Zoo. Zirkusdirektoren. Denn der Abgeordnete als solcher wird in diese Abstimmungsmaschine gespült, weil der Wähler es wollte oder die Parteilisten es so vorsahen, sprich aus purem Zufall und ist vor allem eins, ahnungslos. Als einzelnes Exemplar schon schwierig, ist er als Gruppe ein kollektiver Trottel. Statt den Direktiven der Regierung zu folgen, bläht er sich „wg. Gewissensfreiheit“ und anderer Vorurteile banalster Art. Die Fraktion ist immer ein Sauhaufen, der Vorsitzende ihr Löwenbändiger. Ein Chaoskoordinator. Der letzte der hier bei den Sozen halbwegs Respekt genoss, war der Genosse Wehner, der dazu alles notwendige im stalinschen Exil zu Moskau gelernt hatte. Bei den Christlichen Jens Spahn, der „pater familias“.

Von Bert Brecht gibt es ein kleines Gedicht, das ein anderer, von mir gleichwohl geschätzter, weil allseits gefürchteter Fraktionsvorsitzender nach seinem Ausscheiden zu rezitieren wusste. Sein Epitaph lautete:
„Den Tigern entrann ich.
Die Wanzen nährte ich.
Aufgefressen wurde ich
von den Mittelmäßigkeiten.“

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FAN VON FREUDE.

Der Bundeskanzler hat sich gegen die Stimmung im Lande gewandt und eine zunehmende Nörgelei beklagt. Das Fernsehen gebe den Übellaunigen zudem noch freigiebig Raum. Dabei sei doch so vieles einfach toll.

Sind wir ein Volk von Grantlern, um das bayerische Wort zu bemühen? Fehlt es den Germanen an gutgelaunter Frohnatur? Vermiesen wir dem siegreichen Sauerländer Merz den Ruhm durch Misanthropie?

Der Kanzler hadert mit dem dunklen Nationalcharakter. Das verstünde man noch, wenn nicht als philosophische Attitüde, so doch als menschliche Regung, wenn er selbst, der Beschwerdeführer, von Scherz, Satire und Ironie getrieben.

Dabei ist er fad. Er macht das ja nicht schlecht. Aber eben auch nicht frei von Vordergründigem. Kubicki kann komisch sein, Gisy und Giffey haben Humor, Merz ist glatt, einfach zu glatt. Wenn unsicher, wirkt er arrogant. Effizienz ist nicht Esprit.

Wenn spontan, patzt er. Jetzt will er auch noch geliebt werden. Das aber ist die vornehmste Aufgabe der hageren Richterin aus dem Sauerland, nicht die des Souveräns. Wenn Fan von Freude, geh im Karneval, aber werde nicht Kanzler. Hier heißt das auferlegte Motto: Dienend verzehre Dich.

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VERTRAUEN.

Man muss seinen Freunden trauen können, seiner Familie, seinen Herzallerliebsten. Sonst wird man wahnsinnig. Die Menschwerdung des Affen vollzieht sich in dem Maße, wie aus dem Rudel eine Familie wird. Deren Treibstoff ist Vertrauen. Wer das verwirkt, endet einsam.

Wenn allerdings Politiker Vertrauen fordern, ist Wachsamkeit angebracht. Wenn sie sagen, dass Vertrauen ein hohes Gut sei und nicht gefährdet werden dürfe, ist das ein Zeichen des Alarms. In allen modernen Menschen, auch denen reinen Herzens, schlummert irgendwo das Lenin-Wort, nach dem Vertrauen gut, aber Kontrolle besser sei. Dieser Leitsatz jedweder Diktatur ist ein Vorsatz, dessen Erfolg höchst ungewiss ist. Vielleicht kann ein autoritärer Staat seine Bürger vollständig kontrollieren; vielleicht. Aber wir, die Beherrschten, können nicht alles und jedes genau in Augenschein nehmen. Auf bestimmte Dinge muss man blind vertrauen können, sonst wird man irre.

Genau das ist der Ort der Kleingruppe namens FAMILIE. Es ist gänzlich unerheblich, ob eine väterliche Linie sie bildet oder eine mütterliche; man kann über Abstammung zueinander gefunden haben oder Zuneigung oder Zufall. Den Nukleus der Vertrauensgemeinschaft bildet die Mutter-Kind-Beziehung, die auf Schwangerschaft und Geburt beruht. Elternschaft ist eine elementare, aber generationsübergreifende Aufgabe. Freilich muss man auch loslassen können. In vielen anderen Lebensformen bilden sich Familien als Kleingruppen der Nähe, sprich der Vertrautheit. Das nämlich ist die Basis von Vertrauen.

Der Soziologe Luhmann nennt Vertrauen eine Reduktion von Komplexität, ohne die soziale Systeme nicht funktionieren könnten. Ich habe dem den Hinweis hinzugefügt, dass Vertrauen stets vorwegnehmend ist; man unterstellt wechselseitig eine erwartbare Reaktion. In alter Redeweise: Man ist präsumptuös. Dazu Goethe: „Ich habe niemals einen präsumptuöseren Menschen gekannt als mich selbst. Und daß ich das sage, zeigt schon, daß wahr ist, was ich sage. Niemals glaubte ich, daß etwas zu erreichen wäre; immer dachte ich, ich hätt’ es schon. Man hätte mir eine Krone aufsetzen können, und ich hätte gedacht: Das versteht sich von selbst.“

Ein Großmaul der Johann Wolfgang. Er fährt fort: „Und doch war ich gerade dadurch nur ein Mensch wie andre. Aber daß ich das über meine Kräfte Ergriffene durchzuarbeiten, das über mein Verdienst Erhaltene zu verdienen suchte, dadurch unterschied ich mich bloß von einem wahrhaft Wahnsinnigen.“ Welch ein Wort.

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DIE PETA-PETRA.

Neuerdings darf jeder Peter eine Petra sein, auch ein Petrum; ein wirkliches Verdienst der letzten Regierung. Ich habe natürlich nichts dagegen. Es wird einfach Karneval auf Dauer gestellt. Kappenzwang als Mindestgebot.

Ich sitze an der Liste guter Vorsätze für das neue Jahr. Die Reue über Vergehen der letzten zwölf Monate ist zwar eher prinzipieller Natur als akzidentieller (es war eigentlich nichts los, wo mir wirklich leid täte), aber man ist als Christenmensch ja gehalten, Demut zu zeigen. Als Autor eines Meinungsblogs wäre zudem zu Rücksicht auf den Zeitgeist zu raten; bei einem Fabeldichter ja wohl das Mindeste.

Ich habe was. Ich werde mich gegen TIERDISKRIMINIERUNG wenden. Es ist doch von tiefem Unrecht geprägt, dass ein vandalierender Aasfresser als schlau gilt (nur weil er einen buschigen Schwanz hat), dagegen aber meine Milch- und Filetlieferantin als dumm gilt. Die Paarhuferin soll adipös sein, der im tiefen Wald freilaufende Köter sei böse und der Bruder des Maultieres störrisch. Alles Attribuierungen durch den Menschen, der hier Rassismus fördert. Wieso soll der Adler eine Majestät sein und nicht der Storch, der doch die Bäbies bringt?

Dem Stier die Hoden genommen, schafft ein Sinnbild der Treue, was dem Reptil nie als Charakter gewährt würde. Der Rehabilitierungsbedarf der Ratten ist riesig. Man sieht es doch an Hund und Katze: Wer hätte je von einer Katze als des Menschen bester Freund gehört und von einem Hund als falschem Wesen? Tiefe Ungerechtigkeiten, wohin man schaut. Wir werden die Tiere 2025 fragen, welche Pronomen sie wünschen. So fängt es mal an.