Logbuch

METROPOLE.

Den früh morgendlichen Himmel über der großen Stadt beseelten Schwalben, in grazilem Flug, wie ein leichtes Spiel, fast wie in einem freien Tanz segeln sie auf und ab. Wunderbar anzusehen. Aber trügerisch. Die Biester jagen so Fluginsekten. Ihr Frühstück.

Auf dem noch leeren Trottoir Raben. Krächzende Aasfresser, frech und dreist. Früher Boten des Teufels. Und anerkannte Schlaumeier. Die schwarzen Galgenvögel wühlen im Müll, verzehren auf dem Mittelstreifen den Roadkill. Im Gebüsch eine fliehende Ratte. Berlin halt. Berlin muss man mögen.

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MASTER OF DESASTER.

Ein alter Film-Mitschnitt eines Empfangs mit Lady Thatcher und Dr. Helmut Kohl. Mit Ton; man kann lauschen. Dieser in Pfälzerdeutsch mittels Übersetzerin selbst im Zwiegespräch deklamierend, diese wie immer eine halbe Oktave zu hoch flötend; die eiserne Lady auf Zuckersüß. Dann aber die Queen, Mitterand in bestem Französisch grüßend, in klarer Ansprache an den amerikanischen Außenminister stellt sie die epochale Frage (thematisch zu einem Dritten, der gerade vom englischen Außenminister Edward „Ted“ Heath verhackstückt wurde): „Is he master of his situation?“ Großartiger Gedanke. Nicht nur HERR DER LAGE, das ist etwas anderes, sondern „Herr seiner (!) Lage“. Ich bin begeistert. Was für eine kluge Frau!

Welch ein Lebensziel: Herr seiner eigenen Situation zu sein. Was ja auch eine andere Frage klärt: Was man tun kann, wenn man sich getrieben fühlt. Bedrängt. Verbittert. Antwort: die Situation ändern. Wenn ich nicht mehr Herr der Lage bin, dann muss die Lage halt dran glauben.

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SEHNSUCHT.

Mit Angela Merkel als Bundeskanzlerin geht etwas, das mir nicht fehlen wird. Sie definierte als Wesenskern des WEIBLICHEN auf ihrer letzten Bundespressekonferenz die „Sehnsucht nach Effizienz“. Meint: Nicht immer diese komplizierten Männer und ihre Prinzipien ertragen zu müssen, sondern einfach mal das ALTERNATIVLOSE ohne Räsonnieren der Machos regeln können. Mutti machen lassen. Meint: RIGOROSER PRAGMATISMUS. Und das meint: FLEXIBLER NORMALISMUS. Das bin ich leid; ich bin es sogar sehr leid.

Ich kenne diese Politikerin persönlich wohl seit 30 Jahren (sie war stellvertretende Sprecherin von Lothar de Maizière und ich in der Gaswirtschaft) und habe sie davon 16 Jahre im Kanzleramt beobachtet, sie meint das so. Sie hält sich für eine Naturwissenschaftlerin, ist aber im Kern preußische Pfarrerstochter mit weltpolitischer Ambition. Das ist geistesgeschichtlich das ewig nüchterne Protestantische, in dem „etwas mit seiner Zeit anzufangen wissen“ (Merkel) schon als Sehnsucht gilt. Mein Gott, Sehnsucht… Politik nicht als „Recht auf Glück“ (happiness). Weniger und anderes wird gewollt: Mutti einfach mal machen lassen. Ideologie ist eine variable Größe, auch Prinzipien sollen nicht überbetont werden. Ja, den Herrgott achten, aber im lutherischen Verständnis: nur die EXEGESE schafft die Wahrheit. Ha, das ist der Kern!

Wahr ist, was wir, die nüchternen Christeninnen, aus der Bibel herauslesen. Das meinte Luther mit „sola scriptura“! Nicht nur der Schriftgelehrte, jeder Laie mit der Familienbibel auf dem Küchentisch, darf da reinlesen, was er lesen möchte. Die Laien-Lektüre hat oberste Gültigkeit, und zwar die jeweilige. SITUATIV ANGEPASST. Und ansonsten: Mutti machen lassen. Ich werde diesen radikal pragmatischen Protestantismus nicht vermissen. Allerdings fürchte ich, dass MAMA BÄRBOCK da nicht besser ist. Eher radikaler. Und der Katholik LASCHET zeigt sich als ein Weichei. Oh je. Kann ich diesen SCHOLZ noch mal sehen?

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PÖBELN WIE DER PÖBEL.

Vieles, was die Neue Rechte verlautet, klingt wie eine verunglückte Polemik, hat aber gerade darin System. Man muss verstehen können, dass das ANTI-ELITÄRE Syndrom eine wesentliche ideologische Figur ist. Und der gezielte Kulturbruch ihr Mittel. Bei den Anhängern lösen die vermeintlichen Peinlichkeiten geradezu Stürme der Begeisterung aus. Deftig gilt als heftig.

Was dem Diplomaten alter Schule als Verstoß gegen die Etikette erscheint, erfreut des rechten Proleten Seele; er weiß darum, dass hier gegen höhere Sitte und besseren Anstand verstoßen wird, liest das aber als Volksnähe. So redet er auch, wenn er angetrunken in der Eckkneipe steht. Der rechtspopulistische Jargon will nicht nach höherer Tochter oder akademischem Dünkel klingen. Er nimmt die Lutherische Anregung, dem Volk auf‘s Maul zu schauen, wörtlich. Seine Kanzel ist die Gosse.

Hier wollen die an die Macht, die die Macht als „tiefen Staat“ geißeln und rhetorisch Volkes Stimme vortäuschen. Im Bayrischen kennt man das als Bierzeltansprache; Kraftausdrücke willkommen. Es läuft als nützlicher Idiot in die Falle dieser Populisten, wer den protokollarischen Regelverstoß rügt und ob dessen den Beleidigten spielt. Majestätsbeleidigung ist hier Programm, die Übertreibung Pflicht und es darf auch am Justiziablen vorbeischrappen. Aus einem verzagten Arsch kommt kein beherzter Furz. Das amüsiert das gemeine Volk, wenn mal jemand den hohen Herren recht ordinär den Marsch bläst. Ohrfeigen, das ist es.

Jede Andeutung von Esprit weckt den Verdacht des Elitären; aber eine Zote, da macht „einer von uns“ aus seinem Herzen keine Mördergrube. Teil dessen ist auch ein gewisser Lakonismus. Man extemporiert nicht, man schlägt kurz und knapp unter die Gürtellinie. Das Genie liegt in der bewussten Primitivität. Unser Staatsoberhaupt philibustert in verquerem Beamtenquark, denn Elon Musk spukte ihn an; das ist eine gewollte Konstellation; so führt die Neue Rechte vor.