Logbuch
DER WÄHLER.
Auf den Wähler als solchen ist einfach kein Verlass. Er ist ein Kindskopf, eine Beute der niederen Triebe, seinen Launen hoffnungslos unterworfen. Die Idee der Demokratie beruht darauf, dass man zwischen dem einzelnen Depp und der Gesamtheit aller Hanseln unterscheidet. Man nimmt an, dass die versammelten Kindsköpfe der Vernunft zum Siege verhelfen. Wieso eigentlich.
Es gibt gute Wahlergebnisse, wie an der Themse jüngst zum Beispiel; und es gibt bescheuerte, siehe Frankreich. Zu beiden, den Inglesen wie den Franzmännern kann man eine Meinung haben. Dass unsere Nachbarn von der Seine wie die von der Themse die Rechtspopulisten unterhalb der Sperrminorität gehalten haben, das passt uns am Rhein. Stichwort AfD. Hier gibt’s nur einen Unfall von unserem ehedem liberalen Nachbarn Kees zu berichten. Der Holländer wird ruppig, übrigens wie der Schwede.
Der Kern des Problems ist, dass sich die sogenannten Kleinen Leute nicht dem Weltgeist gegenüber in der Verantwortung sehen, sprich Vernunft walten lassen, sondern ihren banalen Klassenstandpunkt vertreten, wenn so eine marxistische Vokabel erlaubt ist. Oder den ihrer schlechten Laune. Insbesondere wenn miese Laune ihre eigentliche Klasse ist. Jetzt kann Monsieur Le President sehen, wie er mit dem Mist zurechtkommt, den die Gelben Westen sich da zusammengewählt haben. Auch nicht einfach.
Der wesentliche Beitrag zur Demokratie kommt aus der Geronto-Diktatur USA, von unserem Hegemon. Dort sagt ein Oberstes Gericht, dass jedweder Mister President gar kein Unrecht nicht walten lassen kann, wenn er im Amt handelt. Das Recht als Hure der Politik. Na, und wie man der Schweigegelder zuschiebt, das weiß er ja, der künftige Hegemon.
Ich bitte also um Unterstützung von Kir Starmer, Beileidsbekundungen bei Emmanuel Macron und eine Bettflasche für den älteren Herrn. Am 28. September 2025 ist übrigens Bundestagswahl, wieder gleichzeitig zum Berlin Marathon. Chaos in der Metropole gewiss. Es wird, darauf kann man wetten, nicht die Vernunft sein, die als Erste durch‘s Ziel gehen wird.
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DER RAUSWURF MIT SCHINKEN.
Es ist hinreichend bekannt, dass SPAGHETTI CARBONARA niemals der Sahne bedürfen. Ein Sakrileg. Immer nur Ei und Speck. Ich weiß, dass im unglückseligen Städtchen Montabaur ein Italiener beides wahlweise anbietet. Ein Frevel. Aber das ist ja auch der Ort, an dem ein anderer Italiener Ananasscheiben auf die Pizza legt. Der Frevel namens Hawaii. Kulturell ist Montabaur der Kongo. Obwohl es dort gute französische Küche gibt, im Kongo.
Wie Professore Alberto Grandi in seinem Buch „Mythos Nationalgericht - Die erfundenen Traditionen der italienischen Küche“ (HaperCollins) überzeugend nachweist, sind die SPAGHETTI CARBONARA eine Nachahmung des nordamerikanischen Frühstücks mit Eiern und Speck. Das wiederum ist die Erfindung von Edward Bernays, dem Urvater der PR. Dessen Standardwerk „Propaganda - Die Kunst der Public Relations“ ist übrigens mit einem Nachwort von mir für 18 € im Netz zu beziehen.
Der alte Bernays will mehrere Megatrends mittels PR geschaffen haben. Neben dem Speckei auch das Zigarettenrauchen von Frauen in der Öffentlichkeit. Nun, das ist die übliche Eigen-PR: Er hat auf einen kommenden Trend kommerziell gesetzt und dann nachträglich die Vaterschaft verlangt. Der übliche Taschenspielertrick der PR. Das amerikanische Frühstücken ist irischen Ursprungs, die in der neuen Welt die Engländer kopierten. Nennt sich „full fry“ und hat auch noch Heinz seine gebackenen Bohnen.
Ich frühstücke heute einen Toast mit Käse (kaas) und einen mit gekochtem Schinken (ham), nennt sich „uitsmijter“. Holländisch für Rausschmeißer. Das hörte ich gern von meinem Vers.
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DEKONSTRUKTION.
Man vergrößere das Volumen von vier Kugeln Vanille-Eis, in dem man es durch ein tiefgekühltes Spaghetti-Sieb presst, richte es über einer Portion Sahne mit passierten Erdbeeren an und überstreue es mit Raspeln weißer Schokolade. Ein italienisches Nationalgericht.
Richtet mir in einer zum Einkaufszentrum konvertierten Brauerei in Moabit ein Araber an und serviert ein türkisches Mädchen, beide mit großer Freundlichkeit, Nachbarn halt in diesem Teil Berlins. Ich kriege es auch in Niederelbert im Westerwald, von einer Familie, die aus den Abruzzen zugewandert ist. Für 6 Euro 50 in einer großen Waffel; stolzer Preis. Berlin ist billiger. Aber bitte mit Sahne.
Die universelle Süßspeise ahmt ein neapolitanisches Pastagericht nach, das dünne Nudeln mit Tomatensauce anrichtet und geriebenen Parmesankäse darüber gibt. Die Nudel ist aber, stark sein, liebe Freunde, asiatischen Ursprungs. Die wunderbaren Tomaten an den Rispen entstammen den Gewächshäusern Israels. Der Käse schließlich kommt aus den USA. All das verdichtet sich zum italienischen Nationalcharakter seit den Siebzigerjahren. Fünfzig Jahre alt, nicht älter.
Die Armut des italienischen Südens hat die Söhne des Landes über die Welt verteilt. Wie bei allen Migranten schafft das Heimweh einen Mythos des besseren Selbst. HEIMAT. Und die Sehnsucht nach Mamas Küche. Wenn der Nationalmythos erfolgreich ist, springen die Nachäffer auf. So entsteht Spaghetti Carbonara mit Sahne. Man lese Alberto Grandi, Professor zu Parma.
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SANFTMUT.
Man kann sich gar nicht vorstellen, dass es in der POLITIK Zeiten gegeben hat, in denen sich Herrscher das Attribut des Sanftmütigen verliehen haben. Ist aber so. Wir müssen ausholen.
Der deutsche Aufklärer Gotthold Ephraim Lessing hat sich im 18. Jahrhundert der brisanten Frage verschrieben, was die Christen von Juden unterscheide und diese von den Moslems. Aktueller geht es nicht. Es lag ihm an der Gleichwertigkeit der drei Weltreligionen, eine humanistische Geste; ob man vernünftigerweise annehmen darf, dass alle drei ein und denselben Gott verehren, ist eine Frage, die ich mir nicht stellen will. Interessant ist, dass Lessing in diesem Zusammenhang den drei Religionen ATTRIBUTE zuschreibt.
Der Kern des Islam, meint Lessing, sei Gottesfurcht. Dem Judentum ordnet er Wohltätigkeit zu. Zentraler Wert des Christentums sei die Sanftmut. Für alle drei Zuschreibungen gibt es endlose Gegenbeispiele. Alle Verdichtungen solchen Ausmaßes sind, selbst wenn plausibel, falsch zugleich. Aber daran will ich gar nicht beckmessern. Bleiben wir bei der christlichen Vorgabe der Sanftmut.
Für einen Satiriker ist das ja ein echtes Problem; er lebt davon, Böses sagen zu wollen. Seine Rechtfertigung liegt darin, dass es Böses über Böse sei, aber das ändert ja nichts daran, dass er einen Handel mit Zorn betreibt. Die Vorgabe, nett zueinander zu sein, ist ein abgeschmacktes Motto einer Illustrierten aus den sechziger Jahren. Nett sind nur die Doofen, lehrt der Alltag.
Wenn ein solcher Wert der Nächstenliebe wie die Sanftheit einen höheren Sinn hat, so doch nur, wo sie nicht leicht fällt. Und wo das Sanfte nicht schlicht die Folge von Schwäche ist. Wenn das Schaf sich sanft zum Wolf verhält, ist ethisch nichts bewiesen. Der umgekehrte Fall interessiert hier. Das ist, wenn Macht sich mit Demut und Güte verbindet.
Ist es ein Zufall, dass das englische Vorbild eines guten Menschen, genau dieses Attribut des „gentle“ (sanft) verwendet? Das Sanfte galt hier als „vornehm“, und das war eher eine soziale Kategorie als ein Verhaltensideal. Egal. „It‘s nice to be smart, but it‘s smarter to be nice.“