Logbuch

FRIEDEN AUSGEBROCHEN.

Mutter Courage glaubt vom Krieg leben zu können, als Marketenderin. Sie fürchtet nur, dass der Frieden ausbricht und ihre Einkünfte ruiniert. Eine unberechtigte Sorge.

Ich habe mein Leben bisher in dem Luxus verbracht, dass sich zwar irgendwo auf der Welt die Völker umbrachten, oft weil Imperien sich arrondierten, aber nicht hier in Europa, jedenfalls nicht in meinem seligen Vaterland.

Ein Vaterland unseliger Vergangenheit. Mein Vater, der den Zweiten Weltkrieg überlebte, wusste von dem Ersten zu erzählen, den sein Vater überlebt hatte. Und von dem Moment, wo die Geschlagenen aus 14/18 sich 1938 freuten, dass der Himmel unter der Luftwaffe brummte, die Richtung Frankreich zog, den Erbfeind diesmal zu erledigen. So lang ist das nicht her.

Aber in unseliger Tradition. Die Goldelse in Berlin ist ein mit Kanonenläufen bestücktes Denkmal, Rohre aus 1870/71. Auch das müssen meine Ahnen überlebt haben. Sie haben diese Kriege nicht nur erlitten, sondern, soviel Ehrlichkeit muss sein, wohl auch geführt. Nicht als Offiziere, sondern als Mannschaften, sprich Kanonenfutter, aber immerhin. Mit keinem Gewinn. Nur dem unverdienten Glück der Davongekommenen.

Mutter Courage, die Tapfere aus dem Dreißigjährigen Krieg Anfang des 17. Jahrhunderts, verliert in ihrem Streben, am großen Unrecht einen kleinen Gewinn zu machen, am Ende alles. Die Tapfere ist die Tragische. Der Dichter will uns sagen: Kriegsgewinnler sind niemals die kleinen Leute. Das war die Illusion der Courage, ihre Lebenslüge. Aber ihre Furcht, dass der Frieden plötzlich ausbricht, die war nun wirklich grundlos.

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HELDEN: HIMMEL LEER.

Warum kauft ein Minister, ein Vizekanzler Gas ein? Wo sind die Unternehmen der Energiewirtschaft? Wo die Bosse der Branche? Haben sich verpisst.

Das ist nicht mehr der Kapitalismus, wie er in den Büchern steht. Ein grüner Wirtschaftsminister, gelernter Kinderbuchautor, bettelt bei den Scheichs um Flüssiggas. ÖKO-STAMOKAP: grün verbrämter staatsmonopolistischer Kapitalismus. Das wäre der Job von großen Energiekonzernen und deren CEOs, Jungs, die Benzol im Blut haben und Eisen fressen. Von mir aus gern auch Mädchen mit Biss. Mein Chef bei der RUHRGAS war aus solchem Holz. Er wurde intern GG genannt; das stand in aller Bescheidenheit für „Gott Gas“. Bei einem devoten Diener vor Scheichs, in solcher Demut, hat der sich nicht erwischen lassen.

Die Helden sind aus. Deren Burgen sind geschliffen. Aus der VEBA wurde E.ON, die jetzt E.off ist. Die RUHRGAS verschwand in etwas, das UNIPER heißt und irgendwelchen Finnen gehört. Was aber machen BP, ESSO und SHELL? Nun, retail is detail. Sie ziehen uns in seltener Dreistigkeit das Fell über die Ohren. Der von den Grünen herbeifantasierte Benzinpreis von 5 Mark pro Liter ist da. Wir zahlen brav schon morgen das Äquivalent von 2,50 € je Liter, für Diesel.

Der Unternehmerhimmel ist leer. Keine Helden mehr, aber in der Industrie anonyme Beutelschneider. Angesichts dessen verliert selbst die wirtschaftsliberale FDP den ökonomischen Verstand und erwägt Gutscheine. So geht GRÜNER STAMOKAP. Ich bin platt.

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ANZUG. ANSTÄNDIGER.

In den Nachrichten: Er kommt aus der Mode, der Anzug. Gemeint ein maßgeschneiderter Anzug mit Weste. Ein Kulturbruch.

Die Börse wertet klassische Anzugschneider ab. Die Mode sei vorbei. Früher haben sich die Hugo Boss dieser Welt dann mit Uniformen über Wasser gehalten. Aber selbst in Kriegsdiensten achten sie nicht mehr auf den Habit. Auch da trägt man jetzt T-Shirt. Der Anzug ist out.

Der legendäre Bertolt Beitz hat als Motiv seiner ersten Erwerbstätigkeit genannt: Ich brauchte einen anständigen Anzug. Das war die Grundausstattung des Herrn. Dazu weißes Hemd mit Manschetten und Krawatte. Schwarzer Pferdelederschuh, Spitzen eisenbeschlagen. So wurde man was.

War meine erste Anschaffung nach dem Studium: ein Dreiteiler mit Nadelstreifen. Eher leichter Mafia-Stil als englischer Banker. Ehrlich gesagt von P&C, so einem etwas edleren C&A, aber Schurwolle. Ich trug ihn vor dem Standesamt. Da sollen heutzutage Herren in „Smart Casual“ auftauchen und in Turnschuhe schlurfen. Kunstfasern bevorzugt. Ich habe es hier schon mal gesagt: Mit Freizeitklamotten gehe ich in die Sauna, aber doch nicht als Freiender (das ist nicht die gegenderte Form von „Freier“, sondern ein echtes Partizip Präsenz).

Der englische Geschäftsanzug aus der Saville Row kostete immer schon zwei oder drei Monatsgehälter des gehobenen Angestellten. Der adelige Gentleman hatte einen Butler gleicher Statur, damit dieser seine Neuware eintragen konnte. Ungetragen galt als neureich. Die Wolle musste mal in den Regen gekommen sein, zumindest schottischer Nebel. Die Queen hat angeblich eine Zofe, die ihre Schuhe einträgt.

Wo bestelle ich meine Anzüge, damit sie bezahlbar bleiben? Bei einem indischen Schneider in Hong Kong; früher. Mail Order bei Pete’s Fashion in Kowloon. Jetzt habe ich einen Inder in KL; noch günstiger. Was in London inzwischen 8k oder mehr kostet, macht der für zwei Glatzen. Frische umgeknickte Scheine. Lieber Euro als Greenbacks, so haben sich die Zeiten auch in Asien gewandelt.

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DAVOS FRÜHER WAR.

Wer bisher darauf vertraute, dass Soros und ich es in DAVOS richten, wird jetzt ganz stark sein müssen: Ich komme nicht. Die berühmte Hütte im Nachbartal bleibt vakant. Wohlgemerkt, ob Soros und Gates wieder in dem Städtchen vor Davos nächtigen, das weiß ich nicht, aber ich habe mich abgemeldet. Ich kann nicht, weil ich Ende Januar in die USA muss, respektive darf. Ich sage nur: Inauguration. Ich habe mich da in eine Delegation reingefummelt. Ja, das heißt auch, dass der Verkehrsgerichtstag in Goslar ohne mich auskommen muss; aber das schafft er.

Wir erleben nicht nur faktisch und personell international einen Elitenwechsel, es ist auch ein Bruch im Stil. Musk beschimpft öffentlich die alten Eliten; der Wille zur Pejoration ist so ausgeprägt, dass man von Invektiven reden muss. Es wird gepöbelt. Musk sagt so Sachen über Trudeau und Scholz oder Stamer, die ich nicht wiederhole. Nur zum Beispiel: der „Spiegel is paid propaganda.“ Die neue Elite liebt es kurz und bündig (das Lakonismus-Gebot der Neuen Rechten) und schlachtet gern die Heiligen Kühe der alten Eliten, die sie gerontologisch beschreiben. Man mag selbst auch über 70 sein, aber eben nicht fußlahm und 80 oder 90.

Die Greise der neuen Elite sind virile Phänomene der „longitivity“: sie werden ewig leben; sagen sie. Während die Churchills der alten Eliten am Stock gehen, wiegen sie kein Gramm zu viel und zeigen es auch (es gibt eine neue „H culture“, deren dünne Beinchen Bände sprechen). Das fällt mir auch auf, als ich den avisierten Kanzler Österreichs durch die Wiener Hofburg schreiten sehe; billiger Anzug, aber hauteng. Aber das ist, wie Kipling und Haider sagen, eine andere Geschichte.

Also, wer immer sich in diesem Jahr um den Gin&Tonic in Davos kümmert, ich grüße aus dem Land des „black jack“ (Jack Daniels; obwohl, es könnte sein, dass es Coke Zero wird und Veterenärisches). Davos früher war, da ist es nicht mehr.