Logbuch
NAIV.
Der Grüne Vizekanzler kann gut erklären. Er spricht naiv. Das kommt gut an, beruht aber auf einer fahrlässigen Annahme. Man glaubt, er sei weise. Politisch Naive sind aber vielleicht so dumm, wie sie tun. Es böser Verdacht.
Der Sonnyboy des Kabinetts entzaubert sich. Seine GAS-UMLAGE verliert den schönen Schein. Der Verbraucher werde vom Staat zu einer massiven Abgabe gezwungen, die die Rendite einer ohnehin verwöhnten Industrie rettet. So der Eindruck des Publikums. Ich weiß nicht, ob wir UNIPER durch Zwangsabgaben retten müssen. Ich weiß nur, dass ich dazu nicht gefragt wurde. Man hätte auch verstaatlichen können. Ich aber wurde mit der Naivität des Sonnyboys eingelullt. Und mit einer alternativlosen Zwangsabgabe beglückt.
Papa Robert klärt nicht auf; er erzählt was vom Klapperstorch. Nett&naiv. Es ist der Verdacht erlaubt, dass, wer schlicht redet, auch schlicht denkt. Oder, dass hinter seiner traurigen Mine eine klammheimliche Freude steckt. Weil nun die angeblichen Feinde der ERNEUERBAREN in der Preisfalle sitzen, könnten die Freunde der Klimawende ja aufblühen. Wo fördert der Grüne das Grüne? Ich sehe Kohlekraftwerke wiedereröffnet, aber keinen Boom an Windmühlen oder Solaranlagen. Ich sehe in der Energiepolitik jene RHETORIK DES NAIVEN, die auch in der Außenpolitik den Ton bestimmt. Und die NAIVITÄT von Baerbock und Habeck gehören ja zusammen. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.
Energiepolitik ist komplex. Einfache Antworten sind bestenfalls pädagogisch gerechtfertigt. Naive Antworten auf komplexe Fragen mit pädagogischer Motivation machen uns, die Wähler, zu Kindern. Geschichten vom Klapperstorch. Dagegen sollten Erwachsene sich wehren. Gerade wenn die ehedem so nett Naiven nun in den Modus des Beleidigten wechseln. In den Trotz des Narzissten. Wer die Macht hat, hat das Recht zu schmollen verloren. Wir sollten beherzte Taten sehen. Ersatzweise werden naive Tabus wieder und wieder erzählt.
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DES FEUERS MACHT.
Die Bergleut sein kreuzbrave Leut. Sie tragen das Leder vor dem Arsch bei der Nacht. Und saufen Schnaps.
Seit 1981 grüße ich mit Glückauf. Mein erstes Buch zum Thema ENERGIE habe ich 1985 betreut. Ich war der Ghostwriter. Mindestens so lange beschäftigt mich das Thema. Also vierzig Jahre. 1986 hatte ich erstmals mit Kernkraftwerken in der Ukraine zu tun.
Ich habe in der Zeit für Unternehmen wie Verbände in der Steinkohle gearbeitet, für Strom, Kernenergie, Öl und Gas, Erneuerbare, you name it. Meist als deren Sprecher in vorderster Reihe. Ich meinte eigentlich alles gesehen zu haben, was es an DILETANZ auf diesem Gebiet gibt. Ich habe mich getäuscht.
Den alten Kachelofen für Holzscheite, der Nostalgie wegen erhalten, sehe ich seit neuerem mit anderen Augen. Ich grüße ihn wie einen alten Bekannten, von dem man dann doch noch etwas erwartet. Glückauf, mein Freund, wir müssen wohl wieder ran.
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DAS EUROPÄISCHE HAUS.
Den Unfrieden soll ein zürnender Gott im alten Babylon in die Welt gebracht haben. Er verwirrte die Sprachen. Seitdem hilft nur noch das Polyglotte. Babbel, auf neudeutsch.
In dem Haus, das mich in Berlin beherbergt, gibt es neben drei alten Familien vier junge, sprich solche mit Nachwuchs. Bei dem wunderbaren Kind mit türkischen Wurzeln weiß ich nicht, wieviel Sprachen es spricht. Aber es gibt eine junge Frau (im Kita-Alter), mit der ich Deutsch oder Englisch reden kann; und einen jungen Mann (im Kita-Alter), der deutsch wie italienisch spricht. Man wächst zweisprachig auf. Was der gerade Eingeschulte spricht, weiß ich auch nicht, aber wir sind ein europäisches Haus von Kindesbeinen an. Das Polyglotte imponiert mir. Die Polyglotten widerstehen der babylonischen Sprachverwirrung und verständigen sich. Vorbildlich.
Was mir Sorgen macht, ist das große europäische Haus, Europa selbst. In Italien bewerben sich Postfaschisten um die Macht. Die FRATELLI sind politisch meine Brüder nicht. Und um Ratschläge zu faschistischer Politik bin ich nicht verlegen. Nicht schon wieder, könnte man fast sagen; kein Bedarf, liebe Freunde jenseits der Alpen, an FÜHRERN, auch wenn es jetzt eine Führerin ist. Man ist fast geneigt, das alte Partisanenlied anzustimmen: „Ciao bella, ciao…“ Aber ich vertraue der notorischen Instabilität italienischer Politik.
Nicht besser die Briten, die sich zu allen Seiten im absurden Mythos des Brexits verstrickt haben und in Engländer und Iren zerfallen und Schotten und was der Partikularismus sonst noch so hergibt, um sich vom Schock der Zuwanderung aus Polen zu erholen. Tragisch: die dortige Linke antieuropäisch. Ein Reich der rechtspopulistischen Possen, das kein Reich, sprich EMPIRE, mehr ist. WESTMINSTER, das dort Rechte wie Linke zerstören, war mir immer Sehnsuchtsort. Politisch ein Paradigma. Viele herrliche Urlaube. Nicht mehr.
Und die Türkei, Heimat vieler meiner Nachbarn in Moabit, hängt zwischen gewährter NATO-Mitgliedschaft und verweigerter EU-Zugehörigkeit. Wohl als Mittelmacht am Eisernen Vorhang, den die russische Regierung kriegerisch verschiebt, was sie als Selbstverteidigung wähnt. Eine Expansion westlicher Kultur, unmissverständlich postsowjetisch, wird als feindliche Hegemonie gedacht; von russischer Seite, bitte nicht auch noch von türkischer. Man sollte alle Mittelmeeranrainer als gemeinsame Kultur einen können, denke ich.
Ich könnte noch was zu Polen und Ungarn sagen, aber man kann eine Metapher auch überdehnen. Ich wünsche dem großen Haus Europa, das es wie das kleine werde: friedlich, fleißig, vielsprachig und fruchtbar.
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POLITISCH CLEAN.
Niemand sagt mehr das böse Wort. Ich lausche in Brüssel der Leitung der Kommission, mit Ständigen Vertretern rede ich und den Herren der bürokratischen Silos, den Generaldirektoren, ich diskutiere mit führenden Abgeordneten des Europäischen Parlaments UND keiner sagt das böse Wort. Dabei war des G-Wort mal der Passepartout zu allen Türen. Es gelten die Chatham-House-Regeln, nach denen man die Quellen seiner Erkenntnisse geheim hält, aber das neue Wissen teilen darf. Ich bemerke also, dass die Hegemonie des Grünen gebrochen ist.
Die Elite der politischen Klasse räumt noch ein, dass es so etwas wie ÖKOLOGIE als Aufgabenfeld geben kann, hinter den ökonomischen Verwerfungen. Allgemeine Auffassung scheint aber, dass der deutsche Weg einer Transformation, die sogenannte Energiewende, vor allem eins ist, zu teuer. Ökonomisch gescheitert. Das bekümmert Nationen mit schmalerem Haushalt, weil sie es sich nicht leisten können, Milliarden zum Beispiel in den Netzausbau zu stecken. Und zugleich jene, die ihre Staatsverschuldung nicht in die astronomische Höhe von Italien und Frankreich treiben wollen. Schweden wird zu meiner Überraschung als Vorbild genannt. Jedenfalls folge keiner der anderen 26 EU-Nationen dem deutschen Weg, sagen mir die Spitzen der drei EU-Säulen.
Anders ist die Stimmung im Bauch der Macht, den Fraktionen des Parlaments und bei den verschlafeneren Bürokraten wie der Lobby der nutznießenden Industrie. Hier fällt noch mal verschämt das G-Wort. Eigentlich aber schwenken alle auf ein neues Paradigma ein. Man will „clean“ sein, nicht mehr „green“. Damit ist die parteipolitische Assoziation zu den Grünen getilgt und eine Selbstverständlichkeit zur Parole erhoben. Man will Industrie hierzulande möglichst sauber; wer könnte dagegen etwas haben.
Ansonsten versetzen die neuen politischen Kräfte in Europa und Trump II die Köpfe wie die Bäuche der Macht, sprich die Verwalter der europäischen Idee, in einen Attentismus, der sich nach den aktivistischen Exzessen grüner Symbolpolitik anfühlt wie ein Kater. Man will künftig auch insofern clean bleiben. Es ist mehr als der Wunsch, nüchtern zu bleiben; es ist tiefe Ernüchterung. Man gähnt in Brüssel und wartet ab. Da ist was im Rohr. Rückabwicklungen könnten kommen.