Logbuch

ORIGINAL & FÄLSCHUNG.

Warum geht es auf der „Documenta“ nicht um wirkliche Kunst, sondern Schmierereien aus Übersee? Ich sehe in den TV-Nachrichten irgendwelche Rücktritte. Zu spät. Als wenn wir selbst nichts hätte. Nun gut, nicht in Nordhessen, aber ansonsten.

Gestern Abend dann noch ein TV-Krimi mit anspruchsvollem Thema, dem der KUNSTFÄLSCHUNG. Leider als Provinz-Posse und nicht ernstzunehmen. Schmierentheater, insbesondere in der Zeichnung der kalabrischen Mafia. Offensichtlich nicht mit Petra Reski abgestimmt.

Das erinnert mich an einen Studentenulk. Mein Freund Klaus hatte damals den Auftrag, den Reiseführer eines englischen Automobilclubs zu modernisieren, der gut dreißig Jahre auf dem Buckel hatte und die seinerzeit noch aufregende Marotte feierte, mit dem eigene Auto die Alpen zu überqueren. Stichwort: Grande Tour. In das Land, wo die Zitronen blühen. Vera Icon.

Bei einem Kunsttrödel hatte er ein angestaubtes Ölgemälde namens „Die Beweinung Christi“ erworben, in die ein späterer Künstler minderer Begabung neben den notorischen Heulsusen auch noch die Heilige Verena hineingemalt hatte. Es ist unstrittig, dass, wenn überhaupt, Veronika in eine GolgotaSzene gehört, aber nicht in die Beweinung. Seinen Irrtum bedauernd, aber den Wein notorisch zusprechend, hängte er die Fälschung kurzerhand in eine düstere Kapelle am Marktplatz an einen vereinsamten Nagel. Vermutlich der Gardarobenhaken des Küsters. Das wäre gut gegangen, hätte der Schalk ihn nicht noch getrieben, in seinen AA-Reiseführer reinzuredigieren, dass es an diesem Ort ein Gemälde mit der Heiligen Vera gäbe, das einem Sohn von Johann Nepumuk della Croce zuzuschreiben sei.

Jahre später hat mir mein Freund Klaus gestanden, dass am Ort eine Volksfrömmigkeit entstanden sei und unter dem alten Schinken eine Unzahl kleiner Vasen mit Blümchen aufgestellt wurden, die niemals vertrockneten, weil die Heilige Vera in ihnen die Tränen der Beweinung auffange. Ältere Damen des Ortes erzählen, dass man auf dieses Wunder wegen des nicht abreißenden Touristenstroms aus England gestoßen sei; nicht viele seien es gewesen, aber eine unablässige Folge.

Mein Freund Klaus hat dann später die Heilige Veronika als Wunder des SUDARIUMS in den Wikipedia-Eintrag zu den Acta Pilati reinredigiert, womit die Zusammenhänge von Vera & Vasen wissenschaftlich beglaubigt, sprich ewig, sind. Wer käme sonst auf die Idee das Blumenwasser in einer unbedeutenden Provinzkapelle im Alto Adige der Beweinung Christi zuzuordnen? Da ich aber nicht ausschließe, dass das Bild irgendwann bei einer Versteigerung auftaucht, habe ich mich zur Diskretion entschlossen. Von mir dazu kein Wort.

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LEYLA.

Was mich an der GRÜNEN VOLKSERZIEHUNG am meisten stört, ist ihre tiefe Humorlosigkeit. Diese verkniffenen Jacobiner riechen nach Diktatur. Spießer. Philister. Ein leichter Hauch von Tugendterror durchweht den Zeitgeist.

Ein großer Kulturskandal beschäftigt uns. Unerwünschtes, weil unanständiges in Würzburg. Der Vorwurfshaltung bemüht ernsthafte Vorbehalte; daran soll kein Zweifel bestehen. Ob sie zutreffen, darf erörtert werden. Es ist geht um die vermeintliche Verharmlosung von Prostitution.

Das lyrische Ich (den, wo da von sich was singen tut) von LEYLA ist ein Bordellbesitzer, der gegenüber einem potentiellen Kunden (ugs. Freier) seines Etablissements eine seiner Animierdame anpreist. Wegen des bei Volksliedern unvermeidlichen Endreims erfolgt die “lyrische Bindung im Auslaut“ über Leyla, Mama und „geiler“ (sprich „geila“). Das hat die GRÜNE Stadtregierung zu einem Aufführungsverbot von LEYLA veranlasst.

Tatsächlich unterläuft dem Autoren, ein gewisser Ikke Hüftgold (bekannt durch den Schlager „Dicke Titten Kartoffelsalat“), ein sachlicher Fehler. Er verwechselt die Rollen der Kupplerin mit der zu Verkuppelnden; es ist milieutypisch nicht die „Puffmama“ (ugs. Puffmutter), die die Attraktivität des Gewerbes selbst verkörpert, sondern jene deutlich jüngere Dame, die sich in ihrer Obhut befindet. So was kann eine grüne Kommunalverwaltung ja nicht einfach durchgehen lassen.

Zeitgleich wird in Düsseldorf von der gleichen Partei ein öffentliches Register von Witzbolden gefordert, die über Formen der sexuellen Devianz spötteln. Achtung: Und zwar, wenn das Delikt unterhalb der Strafgrenze ist. Ein grüner Pranger für Andersdenkende, denen man mit der Polizei nicht beikommt. Legal, aber strafwürdig. Das ist das Singverbot zu LEYLA ja noch harmlos.

Wir erleben eine Re-Calivinisierung, einen neuen Puritanismus. Die Zeiten werden wieder piefig. Und zwar schlimmer als in meiner Jugend. Ich singe gelegentlich unter der Dusche aus Kindertagen einen wunderbaren Schlager von Bill Ramsey, der politisch völlig inkorrekt klingt, aber es nicht ist. ICH SCHWÖR. Er kritisiert in perfektem Kabarett die Pseudo-Ethnisierung im oben genannten Gewerbe.

Das lyrische Ich (den, wo das was von sich singen tut) ist nicht nur anblickstechnisch durch einen morgenländischen Ausdruckstanz animiert, sondern einer Verletzung des Achtungsabstandes ausgesetzt. Die fiktional als Suleika benannte Tänzerin setzt sich auf seinen Schoß.

Es handelt sich um die „Zuckerpuppe aus der Bauchtanzgruppe“, eine „süße Biene“, hinter einer Tüllgardine, die dem vorderen wie dem hinteren Orient ein Begriff sei. Nun, es stellt sich zum Schluss des Liedes eine investigative Erleuchtung ein. Das lyrische Ich offenbart nach der Entfernung des Schleiers der auf seinem Schoß Sitzenden dem Saal, Suleika sei in Wirklichkeit „Elfriede aus Wuppertal“.

Das wäre als Lied heute nicht mehr möglich; aus mehr als einem Grund. Wahrlich, ich lebe in finsteren Zeiten.

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KRIEG. NOCH EINER.

Wer den Frieden will, soll der den Krieg vorbereiten? Schwieriger Leitsatz. Er sollte zumindest fürchten, dass sein Nachbar so denkt. Versuch über SKEPSIS als politische Tugend.

Die USA haben ISRAEL jüngst wieder versichert, dass sie nicht zulassen werden, dass der IRAN sich selbst mit ATOMWAFFEN ausstatte. Das höre ich in den Nachrichten. Und den Satz des israelischen Regierungschefs, im Zweifel helfe nur Gewalt („force“). Und die iranische Antwort, dass man darauf pfeife. Der Iran betreibt Anlagen zur Urananreicherung, angeblich für friedliche Zwecke. Komplexe Situation.

Ich hab keine Lust auf einen weiteren Krieg, auch nicht als unbeteiligter Dritter. Dabei steht außer Frage, dass das Existenzrecht des Staates Israel Teil der deutschen Staatsräson ist. Darüber kann es gar keine Diskussion geben. Mir geht etwas durch den Kopf, was weniger gewichtig und etwas unzeitgemäß ist. Das hängt damit zusammen, dass ich den gemeinsamen Teil der zivilen und der militärischen Nutzung der Kernenergie kennengelernt habe.

Es geht um URANANREICHERUNG, an der nicht nur wir im münsterländischen Gronau werkeln, sondern die benachbarten Niederländer und die Engländer; alle drei in einem Konsortium. In den Gronauer Uranzentrifugen wird die seltenen Isotope U235 im U238-reichen Uran angereichert; erst danach eignet sich „das angereicherte Atom“ (welch ein Wort) zur Herstellung von Brennelementen für Kernkraftwerke (übrigens auch bei uns, im niedersächsischen Lingen/Ems).

Der Betrieb der Uranzentrifugen mag harmlos sein, wie die Betreiber versichern; der gezielte Missbrauch ist es nicht. Diese Anreicherung braucht es nämlich auch zur Herstellung von Kernwaffen. Beide Verwendungen haben also eine gemeinsame Vorstufe; politisch doof, aber Physik. Deshalb verfolgt man auch die zivile Nutzung mit so großem Interesse und im Fall des Iran mit berechtigtem Interesse. Bei der Verwendung des abgereicherten Urans, auch noch ein Wertstoff, sagt man mir, gab es übrigens eine enge Kooperation mit Russland seitens des englisch-deutsch-niederländischen Konsortiums. Ich weiß nicht, ob das jetzt ausgesetzt ist, wüsste aber gern, was in der Frage dort so vor sich geht. Man sollte seine Nachbarn nicht allein lassen; über den Zaun schauen.

Die ganze Welt denkt nuklear; der deutsche Michel lebt in einer eingebildeten Idylle. Da international das größte Interesse nicht in Windmühlen, sondern in der Kernkraftentwicklung liegt und hier schon die Physik zur Skepsis zwingt, sollten doch möglichst viele Verschränkungen die höchste Kontrolle ermöglichen. Es gäbe dann neben den nationalen und internationalen Aufsichtsbehörden auch eine strukturelle Legitimation für gegenseitige Skepsis. Es kann für meine Begriffe daher gar nicht genug Kooperationen und damit Verträge der gegenseitigen Kontrolle, sprich Interdependenz geben.

Das ist ein naiver Gedanke (weil die militärische Nutzung natürlich geheim ist), vielleicht sogar ein unpolitisches Konzept. Aber die kooperative Skepsis aller gegen alle, die ist vielleicht doch eine Haltung, die Frieden erhält. Auf das Zeug sollte man ohnehin aufpassen; das ist keine Politik, sondern Physik.

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POLITISCH CLEAN.

Niemand sagt mehr das böse Wort. Ich lausche in Brüssel der Leitung der Kommission, mit Ständigen Vertretern rede ich und den Herren der bürokratischen Silos, den Generaldirektoren, ich diskutiere mit führenden Abgeordneten des Europäischen Parlaments UND keiner sagt das böse Wort. Dabei war des G-Wort mal der Passepartout zu allen Türen. Es gelten die Chatham-House-Regeln, nach denen man die Quellen seiner Erkenntnisse geheim hält, aber das neue Wissen teilen darf. Ich bemerke also, dass die Hegemonie des Grünen gebrochen ist.

Die Elite der politischen Klasse räumt noch ein, dass es so etwas wie ÖKOLOGIE als Aufgabenfeld geben kann, hinter den ökonomischen Verwerfungen. Allgemeine Auffassung scheint aber, dass der deutsche Weg einer Transformation, die sogenannte Energiewende, vor allem eins ist, zu teuer. Ökonomisch gescheitert. Das bekümmert Nationen mit schmalerem Haushalt, weil sie es sich nicht leisten können, Milliarden zum Beispiel in den Netzausbau zu stecken. Und zugleich jene, die ihre Staatsverschuldung nicht in die astronomische Höhe von Italien und Frankreich treiben wollen. Schweden wird zu meiner Überraschung als Vorbild genannt. Jedenfalls folge keiner der anderen 26 EU-Nationen dem deutschen Weg, sagen mir die Spitzen der drei EU-Säulen.

Anders ist die Stimmung im Bauch der Macht, den Fraktionen des Parlaments und bei den verschlafeneren Bürokraten wie der Lobby der nutznießenden Industrie. Hier fällt noch mal verschämt das G-Wort. Eigentlich aber schwenken alle auf ein neues Paradigma ein. Man will „clean“ sein, nicht mehr „green“. Damit ist die parteipolitische Assoziation zu den Grünen getilgt und eine Selbstverständlichkeit zur Parole erhoben. Man will Industrie hierzulande möglichst sauber; wer könnte dagegen etwas haben.

Ansonsten versetzen die neuen politischen Kräfte in Europa und Trump II die Köpfe wie die Bäuche der Macht, sprich die Verwalter der europäischen Idee, in einen Attentismus, der sich nach den aktivistischen Exzessen grüner Symbolpolitik anfühlt wie ein Kater. Man will künftig auch insofern clean bleiben. Es ist mehr als der Wunsch, nüchtern zu bleiben; es ist tiefe Ernüchterung. Man gähnt in Brüssel und wartet ab. Da ist was im Rohr. Rückabwicklungen könnten kommen.