Logbuch

WEIZEN.

Renate Künast (Grüne), lese ich, lobt an ihrem Kiez die Läden mit unverpackten (!) Lebensmitteln. Wie dumm. Attitüde der Beerensammlerin. Von der Hand in den Mund. Aber von vorne.
Dass unsere Ernährung zu so großen Teilen auf Getreide beruht, also am MEHL hängt, hat seinen Grund im KORN. Weizen kommt verpackt! Und zwar von Mutter Natur. Bevor der Müller zuschlägt, ist Korn ein Verpackungswunder. Das Mehl schlummert in einem Tresor. Lagerfähig, haltbar, transportabel, teilbar, handelbar: ein logistisches Genie.
So ließ sich Ernte teilen und dann der Winter überleben. Oder das Versprechen von BROT & SPIELEN einhalten. Pasta machen. Kuchen backen. Die Korntürme waren die Kathedralen des hungernden Plebs. Und BIER BRAUEN, Schnaps brennen. Für Reis gilt Ähnliches.
„It’s the packaging, stupid.“

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KOHABITATION.

Aus den Bielefelder Karteikarten: der Kolibri holt sich den Treibstoff, den er für den aufwendigen Schwirrflug vor der Blüte der Lilie braucht, indem er mit seinem sehr langen Schnabel an ihren Nektar kommt; dabei bestäubt er sie, so dass sie sich fortpflanzen kann. Und er überlebt den Hubschrauberflug. Biologisch sind die beiden zusammen entstanden, nennt sich KO-EVOLUTION.
Nur dieser Kolibri kann das, bei genau dieser Blume. Und umgekehrt. Wer steuert wen? Nun, die Blume verändert, wenn sie kohabitieren will, ihre Farbe, dann kommt der Kolibri. Er kann gar nicht wissen, wann der Nektar für den Schwirrflug reicht.
Ein symbiotisches System, in dem die Pflanze das Lebewesen steuert.
Das amüsiert den Bielefelder. Wie in der Ehe notiert er. Oder der MITBESTIMMUNG, die im Französischen „cohabitation“ hieße. Humor in Bielefeld, erstaunlich.

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EINBALSAMIERT.

Mitte des 18. Jahrhunderts war die lettische Stadt Riga eine deutsche Metropole. Hier saß Geld und Geist, nicht nur gen Sibirien strebende Pelzhändler (Russen) oder stockbesoffene Vikinger (Schweden). Der Philosoph Immanuel Kant hatte hier seinen Verleger, zum Beispiel, ein Herr Hartkoch. Und der jüdische Apotheker Abraham Kunze wirkte hier. Er war ein Genie des Marketing, weil er Dinge aus ganz unterschiedlichen Welten miteinander zu verbinden wusste. Und mit seinen Drogen schlicht HEIL versprach.
Das können HEILER, mittels einer Tinktur, einem Balsam, HEIL versprechen. Sie balsamieren die Seele ein. Man nehme also Geheimnisvolles aus der dunklen Vergangenheit und dem tiefen Wald, sagen wir zwanzig obskure Kräuter, lasse sie recht bitter schmecken und setze den Alkoholgehalt nicht zu niedrig an. Da die Medizin ekelhaft bitter schmeckt, muss sie wirken; da sie genug Umdrehungen hat, wirkt sie. Ich empfehle „Rigas Schwarzen Balsam“.
Allerdings ist der Lette kein öffentlicher Trinker, man erwarte keine Biergärten. Auf Omas Gehöft an der selbstgebauten Sauna am See, mit anderen nackten Männer, einbalsamiert, während man sich mit Tannenzweigen vermöbelt und dem Chorgesang frönt. Alles aus der Zeit.

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DER EINÄUGIGE ALS KÖNIG.

Erlebe in Brüssel den Kopf eines Think Tanks, was zu Deutsch wohl „Denkpanzer“ heißt und verliere den Respekt. Der Mann gilt als EU-Weiser; vieles ist kenntnisreich, insbesondere zu den Defekten der europäischen Konstruktion. Etwa dem punktförmigen Horizont der Regulatorik. Weil das Geld für die riesige Bürokratie knapp und Parlament wie Verwaltung keine direkten Steuern erheben können, bleibt als Gestaltungsraum das Verbotsregime. Zum Beispiel Strohhalme verbannen, wenn aus Plastik.

Oder Schraubverschlüsse an die Wasserflasche kleben. Was das Trinken zwar erschwert, aber gemeinsames Recycling von Pulle und Deckel erleichtert. Wieder mal was durchgesetzt, was das Klima rettet, selbst wenn es den Konsens ruiniert. Europa stirbt an seiner eigenen Regulatorik. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte. Der Panzerfahrer des Denkpanzers redet über die russische Gefahr. Bei dem Thema verliert er die mittlere Tonlage und wird entschieden. Seine These: Wir sind schon im Krieg. Der Russe greife bereits an.

Das Narrativ berichtet von digitalen Zerstörungen. Von Feindesmorden auf fremden Territorien und Expansionswillen. Man sieht beim Iwan eine gewaltige Agitprop-Industrie am Zuge. Das mag ja alles sein. Man bemerkt aber überdeutlich die Absicht (und ist verstimmt). Mein Verteidigungswillen soll gesteigert werden. Aufrüstung ist angesagt. Plötzlich, wie aus dem Nichts, ist von einer nuklearen Bewaffnung Europas für die Mittelstrecke die Rede. Als Deutscher zucke ich. Schon mein Großvater gab Gold für Eisen; mein Vater hat die daraus folgenden eisernen Zeiten nur zufällig überlebt. Meinen Enkeln wollten wir das ersparen.

Zum Schluss noch ein Hinweis aus dem Altgriechischen. Es war ständig vom Hegemohn die Rede. Genauer gesagt dem russischen Hegemohn; der amerikanische stand nur als Elefant im Raum. Das kommt aber nicht vom Mohnkuchen, sondern von „hegemonia“ und spricht sich mit kurzem O und doppel N. Hegemonn. Der Mohnstriezel beim Bäcker ist nicht unser Anführer. Das dürften die im Think Tank eigentlich wissen, während sie mich an die Waffen rufen.