Logbuch
ADEL VERPFLICHTET ZU NIX.
Durch Geburt, also bloße Abstammung, etwas ganz Besonderes zu sein und daraus sehr weitgehend Ansprüche ableiten zu dürfen, ist eine Vorstellung, die in meinem Vaterland keine soziale Wirklichkeit mehr hat. Man muss schon sehr tief luftholen, um noch zu verstehen, was GOTTES GNADENTUM mal bedeutete. Die Französische Revolution hat damit in Europa aufgeräumt und zuletzt der österreichische Lump, dem sich Deutschland in die Arme geworfen hat, um einen weiteren Weltkrieg wie einen bisher unbekannten Völkermord zu veranstalten. Danach ist das Staatsoberhaupt auf deutschem Boden eine Beamtenseele in einem renovierungsbedürftigen Gästehaus neben dem Berliner Zoo. Recht so.
Die Briten haben ein Königshaus, wohl abstammend von denen aus Sachsen-Coburg und Gotha, für das sehr lange Elisabeth II gestanden hat und ihr königlicher Gemahl Philipp, irgendwelche Battenbergs; aber ich kenne mich nicht aus und werde dieser Tradition meiner britischen Nachbarn nicht mit Ironie begegnen; ein Fehler, den ich mal begangen habe und ganz sicher nicht wiederholen werde. God Save the King.
Dann gibt es da aber eine Obsession der englischen Boulevardpresse mit den Ausläufern der Königlichen Familie, die mich irritiert. Jüngst geht es der Yellow Press um das „House of York“, sprich die familiären Angelegenheiten des nicht inthronisierten Sohns der vorgenannten Elisabeth, einem Andrew, und seiner rothaarigen Gattin Sarah Ferguson, beide in den Klatschspalten als „Andy & Furgie“.
Es überrascht mich, welchen Aufwand an Schnorrerei man offensichtlich treiben muss, um ein internationales Lotterleben zu entfalten. Wie man Zwielichtigem um den Bart gehen muss, ja Verbrechern zu Dienste zu sein hat, um in die sündhaft teuren Hotelsuiten der gänzlich Verruchten zu kommen und die Privatflieger wirklich Reicher nutzen zu dürfen. Tragisch fast, weil man etwas zu verhökern sucht, das man nur vermeintlich besitzt und selbst dann keinen Wert hat, die Nähe zum Thron.
Einem Thron, der selbst nur noch ein leerer Mythos ist. Wie leer kann das sein, berechtigt weil von adliger Natur?
Randy Andy übte zeitweise ein für ihn erfundenes Amt aus; er war „UK special representative for international trade and investment“, womit seine Spesen wohl zu einem guten Teil auf das Finanzministerium gingen, sprich den Steuerzahler. Als solcher verkehrte er am säkularen Hof von Jeffrey Epstein. Vorgeschlagen hatte ihn für den Posten als Regierungsvertreter der britische Handelsminister Peter Mandelson. Man kannte und schätze sich. Zugeführt haben soll ihm Epsteins Gattin Ghislaine Maxwell, die Tochter des englischen Verlegers, die 17jährige Tochter eines Handwerkers, der die Klima-Anlage in Mar-a-Lago reparierte. So angeblich unwidersprochen der britische Historiker Andrew Loenie.
Es gibt Gerüchte, die von so Schäbigem künden, dass man nicht anders kann, als an die Existenz des Bösen in der Welt zu glauben. Selbst zu Ostern. Selbst, wenn Kompromat.
Logbuch
FIESE MÖP.
Der britische Spionageschriftsteller John Le Carré, eigentlich David Cornwall, galt vielen seiner Leser als englischer Gentleman untadeliger Art; zunächst, weil Schweizer Charakter, zuletzt noch, da er dem Brexit widerstand und als Greis noch Ire wurde. Ich lese, dass er seine professionelle Karriere begonnen hat, indem er als junger Student in Oxford für den MI 5 seine Kommilitonen linker Gesinnung ausspionierte. Das Milieu der Schlapphüte.
Der Heiligenmaler Carravaggio hat uns vor Werken stehen lassen, die so gewaltig das Menschliche im Göttlichen zeigen, dass wir schon bei bloßer Betrachtung um Fassung ringen. Ich lese nun, dass er ein wirklich runtergekommener Kneipenschläger und Hurenbock war, der sich die elendesten Figuren der Gosse ins Studio holte und bei schlechtem Licht in edelste Rollen schlüpfen ließ. Seine Jungfrau wirkt so erhaben, weil vom Lotterbett. Das Helle im Dunklen.
Das Elisabethanische Zeitalter hat uns William Shakespeare geschenkt, den Titan der Charakterologie; wir denken die Abgründe der menschlichen Seele in seinen Figuren. Freilich steht er im Verdacht, vieles in seinem gigantischen Werk nicht selbst verfasst zu haben, sondern bei seinem Zeitgenossen Christopher Marlowe geklaut. Es wurde gar vermutet, dass Shakespeare eigentlich Marlowe sei. Ich lese vom Gegenteil, der Rivale nur ein Neider. Und die eigenen Stücke, bis heute Flops; über Jahrhunderte. „So I have heard and do in part believe it“, sagt Horatio im Hamlet.
Jetzt über einen Freund des Jeffrey Epstein, den britischen Labour-Politiker Lord Peter Mandelson, einer meiner Berufskollegen ganz berühmter Art. Ich kenne den Prinzen des Dunklen, wie sie ihn nannten, seit seiner Tage als PR-Manager von Tony Blair. Öffentliche Auftritte mit ihm habe ich allerdings in letzter Zeit eher gemieden, zuletzt als eine Delegation ihn in seinem Londoner Büro von „Global Counsel“ besuchte; ich schwänzte den Termin lieber. Peter war von Hause aus ein Mendelsohn, wie Epstein und dessen Gefährtin, geborene Maxwell. Alle dem Milieu von David Cornwall nicht fern.
Überhaupt durchgängig das Personal eines Stücks des Elisabethaners. Seltsam, dass mir all diese gerade heute durch den Kopf gehen.
Logbuch
AMBIVALENTE DYSPHORIE.
Dass gestern, am 1. April, der Eintrag ins Logbuch ausfiel, versteht sich von selbst; da dichten ja auch die Laien. Heute zur inneren Agenda meiner Generation und ihrer Lehrer. Gerade gestorben sind Jürgen Habermas und Alexander Kluge, es legt der große Hans-Ulrich „Sepp“ Gumbrecht seine Autobiografie vor und die Journaille feiert ihre Greise zwischen Stefan Aust und Giovanni di Lorenzo.
Allen gemein ist die Attitüde der schlechten Laune. Dysphorie. Keiner davon tritt euphorisch, sprich gutgelaunt ab. Man könnte ja „Ich bereue nichts!“ singen und der Menschheit die endlosen Belanglosigkeiten der eigenen Vita ersparen. Oder „ecce homo!“ Wir alle sind nicht von dieser Welt, wäre eine der Karwoche angemessene Aussage. Nein, man hält die Uhren an und intoniert den völlig belanglosen Schlager „Was ich noch zu sagen hätte…“. Dabei gibt es ein Wechselbad von vorgetäuschter Demut und berstender Eitelkeit, beides im Modus einer professionellen Übellaunigkeit. Ambivalente Dysphorie, so heißt das bei dem großen Gumbrecht.
Aber ich will gar nicht meine Bochumer Professoren kleinsetzen; sehr viel haben auch die eher flüchtigen Studenten von ihnen gelernt. Bis heute halte ich die intellektuelle Zuwendung, die wir als Studenten an der Ruhr Universität von den damals jungen Intellektuellen französischer Prägung erfahren haben, für ein großes und unverdientes Geschenk. Seitdem summen wir alle, wenn sentimental: „Es ist fünf Uhr. Paris erwacht.“
Ich sehe mir den verfilmten Podcast mit Giovanni di Lorenzo an; der Mann ist ganz Pose, was er für Haltung hält. Kein Idiot, nein, ganz und gar nicht, aber diese sich als nachdenklich gerierende Quälerei im Ausdruck, die Wechselstimmungen und dann doch das Beseelte. Er sagt, er misstraue seiner Routine. Das Oxymoron als rhetorische Grundfigur. Zum großen Gumbrecht weiß ich noch nichts an eigenem Eindruck zu sagen, weil ich das Buch bisher nur aus den Schilderungen eines Freundes kenne.
Ich muss nicht alles tatsächlich gelesen haben, von dessen Lektüre ich berichte und zu dem ich eine Meinung bereithalte. Ich will mich ohnehin der Euphorie verpflichten, der vorsätzlich guten Stimmung wider besseres Wissen. So, jetzt Jacques Dutronc:
„Je suis le dauphin de la place Dauphine
Et la place Blanche a mauvaise mine
Les camions sont pleins de lait
Les balayeurs sont pleins de balais
Il est cinq heures
Paris s'éveille
Paris s'éveille
Les travestis vont se raser
Les strip-teaseuses sont rhabillées
Les traversins sont écrasés
Les amoureux sont fatigués
Il est cinq heures
Paris s'éveille
Paris s'éveille.“
Logbuch
INDOLENZ.
Nicht nur bei der sagenumwobenen MAFIA, in jedem ordentlichen Laden mit operativen Belangen gibt es ihn, den Mann für‘s Grobe. Kann auch weiblich sein; dann eher noch böser. Er oder sie sind von Berufs wegen schmerzfrei. Gelegentlich nennt er sich Familienanwalt, manchmal Hausmeister oder Türsteher, meist aber Medienbeobachter. Hinweis: Diese Einschätzung ist hoch kontrovers.
Es wird in diesen Tagen an die BARSCHEL-AFFÄRE erinnert und einen Medienbeobachter der damaligen Zeit namens Reiner Pfeiffer. Ich habe Journalisten gekannt, die regelmäßig mit ihm persönlich gearbeitet haben (oder er mit ihnen; das weiß man nie so genau). Pfeiffer war ein übler „agent provocateur“; er hatte den Auftrag, den SPD-Konkurrenten von Barschel (CDU) zu marodieren und scheute keine Niedertracht. Rufmord war sein Geschäft; Medien seine Kollaborateure. Das alles kann man nachlesen.
Der Politiker Barschel hatte den indolenten Medienbeobachter Pfeiffer angestellt und dessen Schmutzkampagnen zumindest geduldet; es gab zudem Verbindungen zu Waffenlobbyisten und Geheimdiensten. Für Barschel endete (nach EHRENWORT) das Ganze tragisch; er ertrank in der Badewanne von Zimmer 12b im Hotel Beau Rivage in Genf. Der STERN hatte das Foto auf dem Titel. Über den Medienbeobachter und seine verlängerte Werkbank in die Redaktionen ging die Zeit hinweg.
Ich hatte seiner Zeit meinem Berufsverband einen Fehdehandschuh hingeworfen. Es ging mir um die Frage, ob der betreffende Herr nach Ansicht des Fachs vom Fach sei. Ist auch das, was hier passiert, war meine Frage, PR? Es war klar, dass man dies seitens der Verbandsonkels als Provokation durchschaute und nicht über‘s Stöckchen sprang. So wie die GRÜNEN jetzt im Fall GELBHAAR nicht über‘s Stöckchen springen. Fragwürdig erscheint mir nur die These, dass die unglückliche Denunziantin von Herrn Gelbhaar MdB eine freidrehende Alleintäterin sei. Wahrscheinlicher scheint mir ein Indolenter im Halbdunklen und der RBB als dessen geübter Partner und zugleich nützlicher Idiot. Meine Meinung.