Logbuch

DER VERLEGER.

Der zürnende Bürger war schon immer ein Untertan, der sich als Weltenrichter wähnt. Huren mit der Hybris einer Heiligen. Das ist die Doppelmoral des Volkszorns. Damit verdienen Verleger Geld.

Die weltweite Kommunikationsplattform TWITTER gehört nun dem reichsten Mann, einem kalifornischen Unternehmer namens Elon Musk. Das löst einen urkommunistischen Reflex aus: Verstaatlichen! Boykottieren! Im Kern dessen lauert ein publizistisches Missverständnis: Was ist ein Verleger?

Aus dem kalifornischen Kapitalismus haben sich die einst pubertären Gründer zu veritablen Bonzen entwickelt, die die Informationstechnologie zu Multimilliardären gemacht hat. US-Imperialismus. Sie beherrschen wirtschaftliche Imperien, die die alte Gutenberg-Galaxie aufheben in gänzlich neuen Dimensionen. Tante Emma und ihr Laden heißt jetzt Amazon. Das Poesie-Album ist nun Facebook oder Instagram. Der bierselige Stammtisch umfasst nunmehr tausende Schwätzer, wenn nicht Millionen. Der Volksempfänger des Josef Goebbels ist erst jetzt ein globaler Erfolg.

Darauf reagieren die Naiven naiv. Was noch ginge, wenn es nicht zugleich historisch falsch wäre. Sprich nostalgisch. Ja, Musk ist jetzt Verleger. Was also war historisch ein Verleger? Das war immer ein Geschäftemacher, der die Pressefreiheit auszunutze, um sich privat zu bereichern. Oder um seine politische Präferenz durchzudrücken. Ein Verleger war schon immer ein Arschloch. Journalisten wussten das.

Ich will gar nicht mit Hugenberg in der Weimarer Republik kommen. Es reicht, sich Axel Cäsar Springer oder Henry Nannen einmal charakterlich etwas genauer anzuschauen. Es gibt den alten Journalisten-Witz, wonach Stalin kein ganz schlechter Mensch gewesen sein kann, weil er in seiner Jugend einen Verleger umgebracht hat. Immer war der Verleger ein schnöder Beutelschneider, der sich erhabene Rechte zu Nutze macht, um an das Geld anderer Leute zu kommen.

Das Internet sollte die Klassengesellschaft aufheben. Ein Hohn. Man kann aber gegen Elon Musk oder Jeff Bezos oder Marc Zuckerberg gar nichts sagen; außer dass sie Verleger sind. Tiefer kann man für einen Journalisten eh nicht sinken. Dass die Journaille dann aber notorisch deren williges Instrument ist, das gehört zur Psychopathologie der Schreibenden Klasse. Für die edlen Federn war die wahre Liebe schon immer die Ware Liebe.

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ZU WENIG PR.

Was bremst wirtschaftliche Entwicklung? Woran scheitert Zukunft? Woher kommt die öffentliche IDIOTIE? Aus einem Mangel an PR. Das ist mein Ernst.

Wer seinen Zeitgenossen ein Geschäft zumutet, dass der ERKLÄRUNG bedarf, muss das dann auch leisten, das ERKLÄREN. Man kann nicht nicht kommunizieren. Wer die Kommunikation seiner Anliegen verweigert, verweigert sich. PR ist erste Bürgerpflicht. Nein, ich bin nicht naiv; jedenfalls nicht im vorsätzlichen Sinne. Ohne PR keine Demokratie. Da muss der Habermas jetzt durch.

Mich ärgert zum Beispiel, dass die vernünftige Minderheitsbeteiligung einer chinesischen Gesellschaft an einem einzelnen Hamburger Containerterminal in der Öffentlichkeit dazu hochgespielt werden kann, dass der Kanzler das Vaterland an China verkaufe. Weil dieser alberne Irrtum auch dadurch möglich wurde, dass die Kommunikation des Hafenbetreibers HHLA so dürftig ist. Die dort residierende Dame hat es nicht verstanden, die handelspolitischen Intelligenz dieses Schrittes plausibel zu machen. Fahrlässig. Gnädige, das war kommunikativ schon länger nix.

Gleiche Versäumnisse bei HeidelDruck, Kuka oder Tom Tailor. Und fundamental in der Energiepolitik. Die Kernenergie ist in Deutschland an der sie betreibenden Industrie gescheitert. Deren Unvermögen hat die grüne Opposition groß gemacht. Die ERNEUERBAREN (ein falscher Begriff) der ENERGIEWENDE hätten sich blendend mit einer nuklearen Strategie verstanden. Da ist das Tor des Ausstiegs aus dem Fossilen, wenn Kohlendioxid das Problem ist. Nicht erklärt.

Zu einer DEKARBONISIERUNG hätte man Kohle und Öl zunächst durch Strom und Erdgas ersetzen sollen, dann das Erdgas durch Wasserstoff. Da wäre der Hebel gewesen. Nicht erklärt. Weil die Geschäftemacher das Geld für PR sparen, wenn sie meinen, es ging auch ohne. Zudem scheuen sie die Fragen der Öffentlichkeit; wenn man mal damit angefangen hat, kommt man schlecht wieder raus. Angst vor dem Politischen.

Wer eine demokratische Öffentlichkeit will, wird sich jedweder Öffentlichkeit stellen müssen. Auch wenn man diesen oder jenen Verleger nicht mag. Deshalb ist der soeben ausgerufene persönliche Boykott von TWITTER durch die SPD-Vorsitzende Esken kein Schlag gegen den neuen Verleger Musk, sondern einfach nur eine unpolitische Dummheit. Wenn das nicht schon eine Überbewertung dieser Dame ist. So als hätte die Katholische Kirche im Kampf gegen Luther die Reformation aufgehalten, indem sie Gutenberg boykottiert und Bücher verbannt. Die Erwägung gab es damals bei den Schwarzen schon. Aber da war ja Luther, ein Genie der PR.

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NEW LABOUR.

Was ist künftig sozialdemokratisch? Hinter dem minderbegabten aktuellen Personal steht ja eine wichtige Frage, auf die diese Parteivorsitzende sicher keine Antwort weiß. In England heißt das für die dortige „Partei der Arbeit“ schlicht NEW LABOUR.

Der notwendigen Revolution der Sozialdemokratie am nächsten waren für meine Begriffe Tony Blair und Gerd Schröder. Für diese Granden dichteten damals Peter Mandelson und Bodo Hombach; heute ältere Herren. Beide Ghostwriter schafften es zu ihren Zeiten aber tief in ihre Parteien hineinzuwirken. Eine neue Mitte nahm Gestalt an. Entsprechend groß war der Hass ihrer Gegner (im Fall Hombach vornehmlich der von Oskar Lafontaine, des notorischen Verräters). Jetzt sehe ich als Vordenker der neuen Mitte auf einer Bonner Bühne Armin Laschet und Professor Sigmar Gabriel. Beide haben auf ihre Parteien zu ihren aktiven Zeiten eher marginalen Einfluss nehmen können.

Ich sage das, obwohl ich über Gabriel niemals ein böses Wort verlieren würde; aber doch ist wahr, dass die SPD ihm Jahrzehnte der Kärrnerarbeit nicht gedankt hat. Wie die CDU mit „Türken-Armin“ (innerparteiliche Kennung) umgegangen ist, beschämt selbst den unabhängigen Betrachter; aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte. Was also erwarten wir für eine erneuerte SPD?

Dass sie einsieht, dass der Hass auf die Agenda-Politik Schröders ein Menetekel war. Für sie selbst. Auch in England kamen auf die Blair-Jahre nur noch Peinlichkeiten der Ewiggestrigen. Bis heute. Leider haben die Sozen die historische Chance des Paradigmenwechsels („Godesberger Programm“) kein zweites Mal nutzen können. Ein historischer Strategieverlust.

An Olaf Scholz, dem amtierenden Kanzler der SPD, loben wir seine kriegerische Zögerlichkeit, sehen irritiert europäisches Porzellan zerschlagen und fremdeln mit der infantilen Sprache („Doppelwumms“). Bestenfalls Eduard Bernstein, nicht Ferdinand Lasalle. Revolutionen riechen anders.

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DER GÄRTNER.

Dass der Mörder immer der Gärtner sei, dieses Idiotenwort stammt aus der Welt einer betulichen Tante namens Agatha Christie, die sich zur Autorin von Kriminalromanen berufen fühlte. Der Doppelmord auf Schloss Käsekuchen, das war so ihr Ding. Das Geheimnis beruhte immer auf einer geschlossenen Konfiguration, sagen wir zwölf Leute in einem Zug oder zehn kleine NN auf einer Insel, und der banalen Frage, wer von denen es wohl war. Whodunits. Meist bahnte sich für eine Abschlussrunde eine überraschende Wende an, mit irgendeinem einem bescheuerten Indizienbeweis und einem affigen Walonen als Privatdetektiv.

Ging auch das schief, musste der Gärtner herhalten. In den etwas besseren Romanen umwehten den Mann aus dem Gartenhaus gewichtigere Geheimnisse. Gelegentlich auch überraschende Ähnlichkeiten zwischen den Infanten der Dame des Hauses und dem Chefgärtner, der halt überall auszuhelfen wusste. Es gibt da Gerüchte sogar um Queen Victoria, die mit einem schwächelnden Gatten namens Albert aus Coburg liiert war, und einem urwüchsigen Herrn Smith schottischen Ursprungs. In aktueller Rhetorik würde man sagen, dass der Gärtner wohl gelbe Haare hatte. Oder Kinderbuchautor. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.

Es geht mir um eine Art sozialer Anthropologie: Was ist ein tüchtiger Mensch? Wäre ich historisch bewandert, so schiene mir Wilhelm Tell ein ganzer Kerl oder Hermann der Cherusker. Man kann sich aber im Geschichtlichen nie so ganz sicher sein (oder müsste Christopher Clark fragen). Aus welchem Stoff sind Helden gewirkt? Zu wem blicken die Menschen auf? Wer bevölkert die Träume anmutiger Damen? Wer ist Vorbild heranwachsender Männer? Heroisches Vorbild der Heroinen? Kalifornische Oligarchen mit Hitlergruß eignen sich eher nicht; mein Gruß geht raus an alle Teslafahrer. Peinliche Marke. Oder porschebewehrte Immobilienspekulanten von der Statur der präpotenten Benkos. Peinliche Reputationen. Selbst Davos voll von leeren Anzügen. Seit früher Jugend habe ich eine gewisse Achtung vor dem ehrlichen Handwerk. Man respektiere mir den „handyman“. Und natürlich den Gärtner.

Sagen wir es so: Ein Mensch ohne Garten ist ein Prolet oder ein Broker; den ersten bitte ich zu schätzen. Wer aber einen Garten sein Eigen nennt, der hat die Wahl zwischen Gemüse und Blumen. Dem Gemüsezüchter gilt zurecht unsere volle Verachtung. Wer aber Dinge hegt und pflegt, die nur zur Augenfreude geschaffen sind, dem gilt mein Respekt. Blumen im Kleinen und Hecken im Größeren. Bäume im Großen, vor allem solche, die keine Früchte tragen, aber eine Krone.