Logbuch

WORTE DES VORSITZENDEN.

Ja, auch ich hatte 1968 ff. so ein kleines rotes Buch, das ich mir aus Peking hatte kommen lassen. Daraus zitierte man die Worte Maos. „Wenn der Feind Dich hasst, dann ist das gut und nicht schlecht.“ Solche Kaliber.

Am 19. Oktober 1956 hatte der Große Vorsitzende Mao Tse-tung in der Verbotenen Stadt die folgend aufgeführten Dinge zum Abendbrot. Eine leichte Suppe vom Schwalbennest mit Fliegenpilzen. Eine Haifischflosse in brauner Soße. Gemüseröllchen in drei Farben. Gewürztes Brathühnchen. Obstsalat. Geröstete Pekingente. Sahne mit Walnüssen und Datteln. Ausgesuchte Backwaren. Früchte.

Natürlich war das ein Bankett. Und zwar für den amtierenden pakistanischen Ministerpräsidenten. Der Große Vorsitzende war in Begleitung von Premier Zhou Enlai und Marschall Zhu De sowie anderer großer Namen der Nomenklatur. Madame Mao war, wie immer, im Hintergrund, vermute ich. Da ich zu dem Zeitpunkt noch im Kindergarten war, beschränkt sich meine Zeitzeugenschaft auf eine Menükarte, die jetzt in London zum Kauf steht. Seit zwanzig Jahren war das Blättchen (217 x 115 mm) in Besitz eines privaten Sammlers in Deutschland. Es muss auch Alkohol gegeben haben. Die chinesischen Herren haben die Karte damals nämlich frohgemut gezeichnet. Maos Autogramm, Himmel hilf! Jetzt für 250.000 Pfund Sterling auf dem Markt. Eine Viertel Mille.

Ich nutze das zu einer erschöpfenden Definition, was Reichtum ist. Wenn Du eine Menükarte angeboten kriegst, die eine Viertel Million kostet, und Du denkst: Och, die kauf ich mir! Dann bist Du reich. Ein Wort an den Rest meiner Leser: Eure Armut kotzt mich an.

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STRÜMPFE. NICHT SOCKEN.

Als ich noch in Talkshows eingeladen wurde, hatte ich eigens dafür schwarze Kniestrümpfe. Socken gehen gar nicht. Weil man nicht der Nation sein nacktes Schienbein zeigt. Das erinnere ich gestern bei einem Besuch einer englischen Partneruni.

Ich treffe im St. Hildas (no pun intended) in Oxford also zufällig Gillian Shephard, deren Buch über die „Real Iron Lady“ ich mit Interesse gelesen habe. Selbst auf einer Veranstaltung von Alumna ist es eine kleine Sensation, wenn jemand noch in fließendem Latein sein Publikum adressieren kann. Sie erzählt von einem Brief, den die spätere Eiserne Lady ganz am Anfang Ihrer Karriere an ein lokales Paar von Pädagogen geschrieben habe. Darin gebe es folgendes Kompliment (jetzt in Englisch): „You have certainly built up a wonderful team, but then that is the essence of good leadership.” Der Saal wiehert.

Margaret Thatcher war wegen der liederlich autoritären Behandlung ihres eigenen Kabinetts berühmt und ist es wohl noch immer, wie mir das Gelächter zeigt. Jetzt aber zu der eigentlichen Geschichte. Als am 7. Juli 1983 ihr Kabinett (alles Männer, versteht sich) zum Gruppenfoto antrat, setzte sich Michael Heseltine in die erste Reihe. Als einziger der Herren schlug er die Beine lässig übereinander und man sah zwischen Socken und Hosen eine Handbreit nacktes Bein. Jahre später erzählte mir Heseltine diese Geschichte bei einem Dinner in Betsys Wine Bar in Tavistock, Devon. Die Eiserne habe ihn dafür in einer laufenden Kabinettssitzung gerügt. Ein Gentleman trage Strümpfe, aber keine Socken. Gemeint waren Kniestrümpfe. Arbeitsminister Norman Tebbit habe darauf die Bemerkung gemacht, man sei ja das Land der Hosenbandorden.

Das wiederum spielt auf die berüchtigte Konkubine von König Eduard III an, die eines Teils ihrer Unterwäsche (Knieband, engl.: garter) verlustig ging und seine Majestät daraufhin den Hofstaat amüsierte, weil er das Dessous aufhob und sich selbst ans Bein band. Darüber grinsten die Herren im Kabinett und die Eiserne Lady, eine gelernte Krämerstochter, sah sich als Objekt von sozialem Spott. Die Erzählungen um die folgenden Racheakte an den Herren sind Legion.

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DIE LEBENSLÜGE.

Britannien patzt. Ein ehemaliges Weltreich kann sich in nostalgischer Wehmut zur Operetten-Republik verzwergen. Siehe das Empire des Commonwealth. Tragisch. Unsere politische Fantasie hat eine Heimat verloren.

Was war denn der Grundpfeiler EUROPAS? Faktisch wohl die befriedeten Nationen Frankreich und Deutschland, vorher vermeintliche Erbfeinde. Gefühlt aber England, das schon mal ein Imperium geübt hatte. Und WESTMINSTER als liberale Demokratie zum Vorbild machte. Aber die Illusion, dass aus dem imperialistischen Weltreich ein demokratisches Europa werden können, war eh nur immer ein naiver Blütentraum.

Das rechtspopulistische Manöver BREXIT hat eine Kernnation Europas in ein peripheres Drittland verwandelt. Vielleicht nicht in den Augen der gekränkten Engländer, Waliser, Schotten und Nord-Iren, aber in den Augen der Welt, also faktisch. Ich fühle mich von einer Geliebten verlassen. Wäre ich Engländer, würde ich, wie John Le Carre, Ire.

Wenn ein Stolzer nicht die Kraft findet, seine Kränkung zu überwinden, so droht er in einer Wahnwelt zu verfallen. Das ist, was wir auf den Inseln erleben. Darüber hinwegzutäuschen hat die Monarchie unter E II R noch so gerade geschafft, aber auch die Kraft dieses Mythos verfällt. Der BREXIT war politische Nostalgie, sprich reaktionär.

Das Bitterste sind die neuen Größenordnungen der globalen Neuordnungen. Man kann dem Weltreich China nicht Respekt abverlangen, indem man auf seine Rolle in Hong Kong verweist, die man im Übrigen schon lange nicht mehr hat. Formosa, ein Gleiches. Egal, was die USA sagen und vorspielen wollen.

Deutschland und Frankreich, also. Eine Wiedergeburt Europas aus dem Gedanken des Karolingischen Reiches? Das wird nicht reichen als Konzept. Eine Wirtschaftsgemeinschaft souveräner Staaten als liberale Demokratien? Klingt gut, aber nicht in allen Ohren, vor allem nicht in Osteuropa. Verdammt viel zu tun.

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DER GÄRTNER.

Dass der Mörder immer der Gärtner sei, dieses Idiotenwort stammt aus der Welt einer betulichen Tante namens Agatha Christie, die sich zur Autorin von Kriminalromanen berufen fühlte. Der Doppelmord auf Schloss Käsekuchen, das war so ihr Ding. Das Geheimnis beruhte immer auf einer geschlossenen Konfiguration, sagen wir zwölf Leute in einem Zug oder zehn kleine NN auf einer Insel, und der banalen Frage, wer von denen es wohl war. Whodunits. Meist bahnte sich für eine Abschlussrunde eine überraschende Wende an, mit irgendeinem einem bescheuerten Indizienbeweis und einem affigen Walonen als Privatdetektiv.

Ging auch das schief, musste der Gärtner herhalten. In den etwas besseren Romanen umwehten den Mann aus dem Gartenhaus gewichtigere Geheimnisse. Gelegentlich auch überraschende Ähnlichkeiten zwischen den Infanten der Dame des Hauses und dem Chefgärtner, der halt überall auszuhelfen wusste. Es gibt da Gerüchte sogar um Queen Victoria, die mit einem schwächelnden Gatten namens Albert aus Coburg liiert war, und einem urwüchsigen Herrn Smith schottischen Ursprungs. In aktueller Rhetorik würde man sagen, dass der Gärtner wohl gelbe Haare hatte. Oder Kinderbuchautor. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.

Es geht mir um eine Art sozialer Anthropologie: Was ist ein tüchtiger Mensch? Wäre ich historisch bewandert, so schiene mir Wilhelm Tell ein ganzer Kerl oder Hermann der Cherusker. Man kann sich aber im Geschichtlichen nie so ganz sicher sein (oder müsste Christopher Clark fragen). Aus welchem Stoff sind Helden gewirkt? Zu wem blicken die Menschen auf? Wer bevölkert die Träume anmutiger Damen? Wer ist Vorbild heranwachsender Männer? Heroisches Vorbild der Heroinen? Kalifornische Oligarchen mit Hitlergruß eignen sich eher nicht; mein Gruß geht raus an alle Teslafahrer. Peinliche Marke. Oder porschebewehrte Immobilienspekulanten von der Statur der präpotenten Benkos. Peinliche Reputationen. Selbst Davos voll von leeren Anzügen. Seit früher Jugend habe ich eine gewisse Achtung vor dem ehrlichen Handwerk. Man respektiere mir den „handyman“. Und natürlich den Gärtner.

Sagen wir es so: Ein Mensch ohne Garten ist ein Prolet oder ein Broker; den ersten bitte ich zu schätzen. Wer aber einen Garten sein Eigen nennt, der hat die Wahl zwischen Gemüse und Blumen. Dem Gemüsezüchter gilt zurecht unsere volle Verachtung. Wer aber Dinge hegt und pflegt, die nur zur Augenfreude geschaffen sind, dem gilt mein Respekt. Blumen im Kleinen und Hecken im Größeren. Bäume im Großen, vor allem solche, die keine Früchte tragen, aber eine Krone.