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DEM EINSTEIN SEIN.

Ein Branchengremium der PR-Wirtschaft hat einen Preis für „Wissenschaftskommunikation“ ausgerufen, den nun eine Fachjury aus PR-Leuten vergeben will. Auf Nachfrage erfahre ich, dass Wissenschaftler dem Gremium nicht angehören, aber „ausgewiesene Kommunikationsexpert:innen“. Wie zu fast allen Dingen meines Berufsstandes habe ich dazu zwei Meinungen.

Das ist ein gutes und wirklich wichtiges Thema. Ich gratuliere zum Vorhaben. Uns steckt noch die Anti-Seuchen-Politik in den Gliedern, die zu Covid-Zeiten ein staatliches Zwangsregime ohne gleichen walten ließ; mit einer eher kärglichen Rolle der Wissenschaft selbst. In der plötzlich allmächtigen Behörde regierte ein Tierarzt (sic) ohne große Fortune. Ich hätte, eingesperrt und in Angst um die Familie, aber schon gern gewusst, was Sache war. Stattdessen wurde ich mit Märchen um chinesische Fledermäuse abgespeist. Keine gute Wissenschaftskommunikation.

Zweite Meinung: so angelegt ist der Preis ein typischer Fall von KOMPETENZSIMULATION. Das ist die Niederung einer Branche, die die Gebrauchsanleitung („how to do“) für die intellektuell höchste Textform hält und daraus ihre expansive Expertise zieht. Es wird notorisch nicht nach wissenschaftlichen Urgründen gefragt, sondern nach allfälligen Alltagstauglichkeiten. Einstein ist dann ein Kaffeehaus und Quanten ungewaschene Füße. Den Johann Wolfgang kennen wir von „Fuck you Göte“. The Proof of the Pudding is in the Eating, wie schon Friedrich Engels sagte, der aus Engelskirchen im Oberbergischen; dem Kalle sein Bro.

Spaß muss sein. Kann man weniger polemisch sagen, wo die Fehlorientierung der KOMPETENZSIMULATION liegt? Ja, es ist die Illusion einer Pädagogik ohne Didaktik. Der Ersatz des Didaktischen durch Pädagogisches. Dabei ist die Didaktik der Master und das Pädagogische Slave. Haben wir das auch etwas woker? Eher nicht.

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RESPEKT.

Was mir alles durch den Kopf geht.

Ich bin, weiß Gott, kein Katholik, aber der neue Papst gefällt mir. Zunächst dachte ich, es liegt an seinen sprachlichen Fähigkeiten; er spricht für einen Ami ein ganz passables Englisch, hervorragend Italienisch und wohl auch Spanisch, allemal Latein. Es ist aber etwas anderes. Sein Lächeln deutet an, dass er Humor hat und den Menschen zugewandt ist. Meine eigene Religion ist bevölkert von Protestunten, die alles anstellen, solange es kein Gottesdienst ist. Ich habe den Respekt verloren.

Von Olaf Scholz, dem letzten Kanzler, höre ich, dass er als Pensionär ein Büro mit acht Mitarbeitern unterhalten wird, zum Teil in sehr noblen Besoldungsstufen. Natürlich auf unsere Kosten. Diese Unverschämtheit teilt er mit Angela Merkel, seiner Vorgängerin. Man bewegt sich jeweils in zwei Panzerlimousinen mit jeweils zwei Fahrern. Ein Standard, den man Gerd Schröder verweigert. Der Scholzomat hat aber nichts gebacken gekriegt und ein eigentlich gutes Projekt, die Ampel, vermasselt. Ich habe den Respekt verloren.

Gestern, obwohl ich die Roten immer meide, an einer Esso-Tanke den Wagen gewaschen. An der Halle steht noch immer „Tiger Wash“. Der Slogan „Put the tiger in your tank“ dürfte inzwischen 65 Jahre alt sein. Er versprach längere Laufleistung, höheres Drehmoment und bessere Laufruhe; alles gelogen. Die Tankstellen aller Marken werden rund um Raffineriestandorte oder Tanklager versorgt; überall die gleiche Suppe. Nur die Zapfgläser unterschiedlich eingefärbt. Man sollte sich auch von sogenannten Additiven nicht täuschen lassen. Werbung ist die Lizenz zur Lüge. Sozial tolerierte Täuschung. Gilt für Werbung wie für PR. Ich weiß, dass die Branche und ihre Hofschranzen in der Wissenschaft das anders angesehen haben wollen, aber da fehlt es mir an Respekt.

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WELTPOLITIK.

Einen richtigen Schuster, Meister des Schuhmacherhandwerks, findet man heutzutage nur noch selten; die Schlüsselbuden von Mister Minit sind kein wirklicher Ersatz. Begeistert über meinen Fund in der Berliner Nachbarschaft bringe ich gleich drei Paar Schuhe hin und ein Uhrenarmband. Ich halte den Meister für einen Türken oder Kurden und habe mir eine ausführlichere Belehrung verdient. Er ist Armenier.

Über der Tür zur Werkstatt sehe ich ein Cruzifix und frage erstaunt, ob es denn auch christliche Armenier gebe. Damit habe ich mich als Depp erwiesen. Klar, sagt er, die ersten! Was ich erst zuhause nachlese: Zur Zeit des Ersten Weltkrieges hat es einen regelrechten Völkermord an den Armeniern gegeben, was nationalistisch gesinnte Türken nicht gern hören, aber stimmt. Ich nehme mir vor, Menschen, die ich treffe, nach ihrer Geschichte zu fragen; ohne Scheu, geradeheraus.

Ich kenne hier um die Ecke eine Kosmetikerin, die aus dem Iran hat fliehen müssen, weil die Diktatur der Mullahs ihr Leben als Wissenschaftlerin beendete. Die Mutter in bitterer Armut zurücklassend. Ich werde sie demnächst darauf ansprechen. Und dann kenne ich den Pressesprecher einer Urananreicherungsanlage in Gronau; das ist in NRW. Da wird seit vierzig Jahren Uran in Zentrifugen angereichert, bis es zum Kernbrennstoff reicht. Sind das jene Anlagen, die im Iran beschossen werden sollen? Wo ist die Grenze zur Bombe? Man wird sich über Rüstung schlau machen müssen.

Wo wir über Schuster reden; der im Westerwald klingt mir nach einem Russlanddeutschen. Auch ein netter Mann. Da könnte ich mich über Stalin schlaumachen. Und das Leben unter russischer Hegemonie. Wir sollten die großen Fragen der Geschichte wieder zu den kleinen Leuten zurückbringen. Die Menschen machen ihre Geschichte selbst, wenn auch nicht aus freien Stücken. Lasst uns darüber im Alltag ohne Scheu reden.

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CATO DER ÄLTERE.

Was wird eines Tages wohl über uns in den Geschichtsbüchern stehen? Ich meine nicht Sie und mich, die kleinen Leute, sondern über die Großen der Geschichte unserer Zeit? Der Gedanke kommt mir, als ich lese, wie die Historiker damit kämpfen, warum der Erste Weltkrieg ausbrach. Natürlich liegt das Standardwerk „Die Schlafwandler“ von Christopher Clark auf meinem Stapel des Noch-zu-Ende-zu-Lesenden. Clark ist ein erstaunliches Beispiel für einen Geschichtsschreiber, ein Australier, der in Cambridge lehrt und ein blendendes Deutsch spricht. Er hat noch immer seine Bude in Dahlem; dort treffe ich ihn gelegentlich im Kaffeehaus. Wir plaudern.

Kanzler Helmut Kohl hat sehr gekümmert, was das Rauschen des Mantels der Geschichte wohl über ihn sagte. Damals gab es eine Bundesregierung aus Schwarz-Gelb; der gelbe Wirtschaftsminister Jürgen Möllemann machte öffentlich darüber Witze (über den „Mantel der Geschichte“ in Kohlscher Lautung). Er musste sich im Kabinett später dafür entschuldigen. Aber auch das Heroische Kohls verblich. Am Ende war er so groß wie Olaf Scholz heute klein.

Die Geschichtsbücher werden berichten, wie das Großmachtstreben der Großmächte zu unserer Zeit keine heimliche Ambition mehr war, sondern zur prahlerischen Großkotzigkeit wurde. Es wird von spätrömischer Dekadenz die Rede sein, da bin ich mir sicher, obwohl das Wort von einem anderen hohlen FDP-Politiker stammt. Das ist mir alles zu vordergründig. Ich folge einem Tipp von Christopher Clark und verlagere mein Interesse von 1914 auf 1848. Das ist der „Frühling der Revolution“ (so der Titel seines Wälzers mit tausend Seiten). Im Europa des Jahres 1848 begann der Kampf um eine neue Welt. Er scheint heute verloren.

Das Wehklagen über die spätrömische Dekadenz stammt freilich nicht von dem FDP-Granden Guido Westerwelle, der das Schlagwort nur zitierte; es entstammt einem anderen Historikerstreit. Hier ging es um das Ende des (reichlich glorifizierten) Römischen Reichs und die folgende Blüte des Byzantinischen, sprich der Expansion des Islam. Auch hieran kann man allerlei Unsinn anschließen, dem ich nicht das Wort reden werde.

Mein Weltgefühl in diesen Zeiten der profanen Großmäuligkeit ist das des späten Brecht in der trügerischen Idylle des brandenburgischen Buckow: „Das große Karthago führte drei Kriege. Es war noch mächtig nach dem ersten, noch bewohnbar nach dem zweiten. Es war nicht mehr auffindbar nach dem dritten.“ Das schrieb Brecht anlässlich meiner Geburt. Na ja, jedenfalls zu diesem Zeitpunkt. Ich lese es aber als Mahnung, die er mir mit auf meinen Weg gegeben hat. Folglich bin ich der Meinung, Karthago sollte nicht zerstört werden.