Logbuch

IRRLEHREN.

Eine liberale Gesellschaft duldet jedwede Irrlehre. Als private Freiheit. Dagegen setzt sie nur Staatsräson. Sehr, sehr spärlich. Das unvermeidliche Minimum.

Antwerpen war eine blühende Stadt im 16. Jahrhundert, historisch nach Brügge und noch vor Amsterdam. Alle Religionen genossen hier alle Freiheit. Weil man blühenden Handel wollte, gewährte man Religionsfreiheit. Obwohl in den Spanischen Niederlanden gelegen, sprich katholisch, hielt man selbst die Inquisition raus. Freier Welthandel von freien Weltgeistern. Weltbürger.

Protestanten, Katholiken, Juden, Muslime, seltsame neue Sekten. Alles ging, weil der WELTHANDEL im Mittelpunkt stand, genauer die BEURS (Börse); der bargeldlose Zahlungsverkehr war gerade erfunden. Ich lese Interessantes vom Verlagswesen der Antwerper: man erlaubte sich IRRLEHREN jedweder Art. Für versprengte Sekten und Kulturen, so zahlungskräftig.

Das Zauberwort lautet HETERODOXIE. Ein soziologischer Begriff, wohl von BOURDIEU. Irrlehren, das ist gemeint. Was eine Gesellschaft eint (DOXA), das macht ihre Normalität aus, eben das ORTHODOXE von Glauben, Sitten und Gebräuchen, Wissenschaft. Was aber verlegten die Antwerpener? Auch alles andere. So Querdenkerzeugs. Eine freie Gesellschaft beweist sich nicht in der ORTHODOXIE, sondern der Toleranz für HETERODOXES. Die Börse als Ort der Aufklärung. Und der Gegenaufklärung. „Die Gedanken sind frei…“ Natürlich viel Betrug und Übervorteilung.

Die FREIHEIT endete historisch mit den Bilderstürmern, fundamentalen Protestanten, die die Kirchen plünderten. Und die Juden vertrieben. Bald kam dann die Inquisition und die Jesuiten fielen ein. Auf den Straßen Antwerpens wuchs Gras. Die Kaufleute waren längst nach Amsterdam gezogen. Motto: „Liever Turks dan Paaps“. Von wegen Islamophobie! Der Papst, sagten sie, macht das Geschäft kaputt.

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WIEDERGEBURT.

Reparieren. Eine hohe Form der Wertschätzung. Wegwerfen? Die niederste. Keine.

Kleinmöbel aus wiederverwertetem Holz („reclaimed pine“). Die Spuren ihres vorigen Lebens zeigend. Im dritten oder vierten Leben beweist sich ihr eigener Charakter.

Da ist der Anzug mit der gestopften Hose; ein Durchschussloch. Beim Vorbesitzer, der Türsteher auf dem Kiez war und Maßanzüge trug. Die geänderten Maße, neuer Wohlgefallen.

Da ist der Stuhl, dessen Bein ersetzt wurde, weil das alte nicht mehr zu verleimen war. Ein englischer „Hall Chair“, immer nur für Nebensächliches gedacht, nie saß da wer, Handschuhablage. Aber er ist wieder stabil.

Da ist der Füllfederhalter, dessen Sprung mit Zyankleber überdeckt wurde, eine Narbe, an der man heute fühlt, dass dies das Schreibgerät mit der roten Tinte ist.

Das geklebte Notizbuch. Der Flicken. Die frisch besohlten alten Schuhe. Die Uhr mit dem neuen Armband. Ein schlecht restauriertes Bild, von einer vorherigen Verwendung kündend.

Und der unsägliche abgenutzte Witz: „Kommt ein Einarmiger in einen Second-Hand-Shop…“

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TARZAN & JANE.

Jäger & Sammler waren unsere Vorfahren. Die Jungs erlegten Bären, die Mädchen pflückten Beeren. Tarzan und seine Jane. Unsinn. GENDER-NEWS.

In den Gräbern der Jäger finden sich Jagdwerkzeuge und an ihren Skelette die Spuren von Jagdunfällen. Soweit alles klar. Raue Zeiten. Jetzt kann man in den Zähnen ein Eiweiß isolieren, dass Auskunft über das biologische Geschlecht liefert. Böse Überraschung.

Knapp die Hälfte der Jägergräber haben Damen zu Gast. Jäger:innen. Es gab damals keine Geschlechterrollen bei der Berufswahl. Von der Forschung wurde die eigene soziale Tradition in die Historie hineingelesen. Man sah, was man sehen wollte: Männer mit der Axt und Frauen mit einem Körbchen. So verlängerte sich der Spießer und seine Kleinfamilie bis in die Steinzeit.

Es wird anders gewesen sein. Die Taffen gingen zur Jagd, die Weicheier zum Pilze sammeln. Ich sehe die Tucken mit ihren Körbchen geradezu vor mir. Beerensammlerchen. Und die kühnen Amazonen hatten sich eine Brust amputieren lassen, um den Bogen besser spannen zu können. Kämpfer:innen. Ha!

Oder ist das auch nur ein Bündel an Vorurteilen, das wir in die Vorzeit projizieren? Am Ende gab es die Unterscheidung der Geschlechter noch gar nicht, weil auch der Zusammenhang zwischen Sex und Schwangerschaft noch nicht erkannt war? Poch, was für ein Durcheinander.

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KEIN KÄFER.

Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheueren Ungeziefer verwandelt. Er lag auf seinem panzerartig harten Rücken und sah, wenn er den Kopf ein wenig hob, seinen gewölbten, braunen, von bogenförmigen Versteifungen geteilten Bauch, auf dessen Höhe sich die Bettdecke, zum gänzlichen Niedergleiten bereit, kaum noch erhalten konnte. Seine vielen, im Vergleich zu seinem sonstigen Umfang kläglich dünnen Beine flimmerten ihm hilflos vor den Augen.
»Was ist mit mir geschehen?«, dachte er. Es war kein Traum.

Ich habe in Oxbridge über Franz Kafka zu sprechen, auf Englisch. Verzweifelt um eine gute Übersetzung bemüht, lese ich von einem „gigantic insect“. Das trifft leider so gar nicht, was „Ungeziefer“ meint. Auch die geschwätzige Übertragung als „some sort of monstrous insect“ trifft es nicht. Eher schon „monstrous cockroach“ oder „monstrous vermin“. Die fabelhafte Deborah Eisenberg zählt all diese Versuche verschiedener Übersetzer auf, bleibt aber auch unzufrieden.

Beginnen wir mit dem Attribut; es bezeichnet die ungeheuerliche Größe des Wesens, ein Ausmaß, vormals in Menschengestalt wie zugleich den Ursprung im Sagenhaften, der mythischen Welt. Ein Ungeheuer. Dann schlägt im Nomen die volle Brutalität der Kultur zu; das Wesen gilt es zu vernichten: schlimmer als Unkraut gilt das Ungeziefer als Bedrohung, dessen Duldung Unheil aufkommen lässt. Und das wie ein monströses Balg mitten in die Idylle der Familie. Es geht hier nicht um einen Käfer. Bei Kafka fällt niemals das Wort Käfer. Ich werde auf keinen Fall von „beetle“ reden.

Dass Kafka entgegen landläufiger Auffassung ein Mensch tiefen Humors war, zeigt die Beschreibung des aus der Metamorphose hervorgegangen Wesens, seine zu dünnen Beinchen im Widerspruch zum gepanzerten Körper, der aus dem Bett zu rutschen droht. Welche eine groteske Skurrilität aus der Feder eines Juristen im Versicherungswesen. Was zum Teufel ist im Englischen ein Beinchen? Das Ungeziefer kann für meine Begriffe jedenfalls nur als „enormous pest“ übersetzt werden; vielleicht als „monstrous pest“. Nur so bleibt ja auch die Reaktion der Untermieter verständlich, die im Angesicht des Ungeziefers sofort kündigen, für das englische Ohr verständlich.

Man kann Zeilen nur übertragen, wenn man zwischen ihnen lesen kann. Und man muss sich Kafka als glücklichen Menschen vorstellen. Er zeigt, was Entfremdung („alienation“) als tragisches Glück bedeutet. Erzähl ich so den Tommies.