Logbuch
HINTERZIMMER.
Das Wichtigste auf einer Messe ist der Messe-Anzug, ein Maß-Anzug, von der gehobenen Art, der die Bärbel Bas böse macht und die Messe-Hostessen die Augen aufschlagen. Nur Messis tragen auf der Messe Jogginghose. Eh klar, oder?
Die eigentlich beschauliche Messe in Essen hat es mit einer Energie-Ausstellung namens E-World zu einigem Ruhm gebracht; die Hallen an der Gruga sind voll mit Nerds und Nobodies. Aber auch die Dickschiffe stellen aus, die Shell sehe ich, BP und ein Wesen, das UniPair heißt, wozu wir noch mal am Schluss kommen.
Eine Ausstellung soll etwas ausstellen. Tut sie aber nicht. Vielleicht mit Ausnahme all jener Stehhocker unterschiedlichster Provenienz, auf denen niemand wirklich sitzen kann. Die Biester orthopädischer Unzulänglichkeit stehen rund um Stehtische, auf die man nichts wirklich ablegen kann. Dieser Exzess der Ungastlichkeit findet hundertfach statt, auf großen Ständen wie in kleinen Buden. Sie alle wollen dem anlandenden Kunden vor allem eines klar machen: Schön, dass Du da warst. Und jetzt, mach, dass Du weiterkommst! Verweile nicht, Du Wicht!
Das ist aber nur die halbe Wahrheit. Wer wirklich wichtig, der wird eingeladen ins Hinterzimmer, wo ein Sternekoch Köstlichkeiten frivolster kulinarischer Art bereithält. Dagegen ist der Wasserkocher Sven Elberfeld aus Wuppertal profan. Sterneküche! Das Chambre séparée ist der Clou des Messebaus. Ich muss zugeben, dass ich mir auf diesem oder jenen Automobilsalon da auch schon mal Extravaganzen erlaubt habe. Die Ausstellung wird nämlich nicht berühmt durch das, was sie ausstellt, sondern durch das, was sie verbirgt.
Besonders raffiniert in Essen eine Firma namens UniPair, deren Stand haushohes Timber Framing bietet und Wellblech aus transparentem Plastik, so dass der Nicht-Eingeladene erahnen kann, wovon man ihn ausgeladen hat. Du kommst hier nicht rein, Alta! Ich flaniere um das Monstrum im Messewesen und staune darüber, wo ich nicht zugelassen.
Bis ein junger Mann am Rand des Standes mich anspricht. Ihm gefalle mein Anzug, ob der irisch sei oder schottisch. Zack, bin ich drin. Was sage ich? Kleider machen Leute.
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BELEHRT & BESCHENKT.
Man lernt nie aus. Der Umgang mit der allseitigen Pejoration („hate speech“) in den Sozialen eröffnet dem Demütigen oft Lehrreiches. So, wenn ich mal, was ich selten tue, ein kritisches Wort zu einem Professor sage, der nicht immer sportlich ist und fair spielt, sondern auch schon mal bolzt.
Jüngst inszenierte er mal wieder seinen Trübsinn zu einem Götterzeichen der Dekadenz, der er mit Heldenmut zu widerstehen gedenke. Pathetische Pose der Rechten. Er feiert sich so sehr als Widerstandskämpfer, dass ich ein einzelnes Wort als Kommentar anfügen, nämlich PATHOS. Unter Gentlemen gilt „to be pathetic“ nicht als Lob.
Jetzt die wirklich geniale Erwiderung. Der beleidigte Professor spricht replizierend davon, dass der mir anhängende BATHOS das schon ausgleichen werde. Den Begriff kannte ich nicht; ich habe nachsehen müssen. Jetzt bin ich um ein wunderbares Wort reicher. Belehrt und beschenkt.
BATHOS ist der Stilbruch, mit dem ein hoher Ton in etwas Banalem endet. Wenn die pathetische Pose penibel und peinlich wird. Als Tiger gesprungen, als Bettvorleger gelandet. Das gefällt mir sehr. Ich bin Kabarettist; ich traue den hohen Tönen notorisch nicht. Mein Lieblingswitz ist die einschlägige Programmankündigung: „Und heute Abend sinkt für Sie, das Niveau!“
Noch nie, hat P. T. Barnum, der Chef eines großen Zirkus, gesagt, ist eine Kunst daran gescheitert, dass die ihr Publikum unterschätzt hätte. Zirkus Bathos; das gefällt mir sogar sehr. Da fällt mir ein, ich wollte den Roman TYLL von Daniel Kehlmann weiterlesen, den ich kürzlich beiseite gelegt hatte. Eulenspiegel.
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TAX THE DEAD TWICE.
Gestern am Stammtisch. Der Erblasser fühlt sich als Lump. Bei der sog. Strafbesteuerung von familiärem Erbe wolle die Sozialdemokratie die Linke links überholen. Das wirft mir ein reichlich verärgertes Mittelständisches Wesen vor, das den Betrieb mit seinen Kindern führt. Ein kreuzehrlicher Handwerker. Auch wenn er bis zu seinem Tode brav Steuern zahle, dann habe der Fiskus über dem offenen Grab noch mal das Recht zuzulangen. Der Mann ist ein Liberaler, der nun aber den Sozialdemokraten, am Tisch hilfsweise mir, schlicht ein kommunistisches Gen nachsagt. Was fange ich mit solchen FDP-Sprüchen an? Ich räsoniere.
„Die Arbeiter haben kein Vaterland. Man kann ihnen nicht nehmen, was sie nicht haben.“ Der Satz steht im „Kommunistischen Manifest“ von 1848, das Karl Marx und Friedrich Engels zugeschrieben wird. Er sollte die Kommunisten vor dem Vorwurf schützen, dass sie den Menschen die Nation nähmen. Will man ihn wohlmeinend verstehen, so stellt er die soziale Frage über die nationale. In Zeiten eines politisch missbrauchten Patriotismus mag man darin einen Punkt erkennen. Kein Vaterland. Hat der Arbeiter auch keine Kinder?
Der Rechtspopulistin Margret Thatcher ist der Satz geschuldet, dass es so etwas wie die (!) Gesellschaft nicht gebe; sie kenne nur Familien. Die Eiserne Lady dachte das Kleinbürgerliche wie das Bürgerliche als sozialen Kern. Der Fürsorgliche Staat war ihr ein Horror, weil ein kommunistischer Auswuchs. Gleichzeitig frönten die britischen Sozialdemokraten schon immer Verstaatlichungsideen. Das „National Health System“ ist bis heute „in Volkes Hand“, eine Behörde. Warum nicht auch die Erbschaften in Volkes Hand?
Hat der Arbeiter, wenn er schon kein Vaterland hat, wenigstens eine Familie? Nun, nicht im Sinne der politischen Identität, jedenfalls nicht der Bourgeoisie. Mitte des 19. Jahrhunderts wird das Proletariat als Masse gedacht. Und das Heil als staatliche Fürsorge. Tax and spend! Wer gar keine Familie hat, dem kann man auch keine nehmen. Siehe oben.
Was also sage ich dem Lump, der seine Kinder die Steuer, die er schon mal gezahlt habe, nicht noch mal zahlen lassen will? Dass er kein Vaterland und keine Familie habe? Das wird steil am nächsten Stammtisch.
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KEIN KÄFER.
Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheueren Ungeziefer verwandelt. Er lag auf seinem panzerartig harten Rücken und sah, wenn er den Kopf ein wenig hob, seinen gewölbten, braunen, von bogenförmigen Versteifungen geteilten Bauch, auf dessen Höhe sich die Bettdecke, zum gänzlichen Niedergleiten bereit, kaum noch erhalten konnte. Seine vielen, im Vergleich zu seinem sonstigen Umfang kläglich dünnen Beine flimmerten ihm hilflos vor den Augen.
»Was ist mit mir geschehen?«, dachte er. Es war kein Traum.
Ich habe in Oxbridge über Franz Kafka zu sprechen, auf Englisch. Verzweifelt um eine gute Übersetzung bemüht, lese ich von einem „gigantic insect“. Das trifft leider so gar nicht, was „Ungeziefer“ meint. Auch die geschwätzige Übertragung als „some sort of monstrous insect“ trifft es nicht. Eher schon „monstrous cockroach“ oder „monstrous vermin“. Die fabelhafte Deborah Eisenberg zählt all diese Versuche verschiedener Übersetzer auf, bleibt aber auch unzufrieden.
Beginnen wir mit dem Attribut; es bezeichnet die ungeheuerliche Größe des Wesens, ein Ausmaß, vormals in Menschengestalt wie zugleich den Ursprung im Sagenhaften, der mythischen Welt. Ein Ungeheuer. Dann schlägt im Nomen die volle Brutalität der Kultur zu; das Wesen gilt es zu vernichten: schlimmer als Unkraut gilt das Ungeziefer als Bedrohung, dessen Duldung Unheil aufkommen lässt. Und das wie ein monströses Balg mitten in die Idylle der Familie. Es geht hier nicht um einen Käfer. Bei Kafka fällt niemals das Wort Käfer. Ich werde auf keinen Fall von „beetle“ reden.
Dass Kafka entgegen landläufiger Auffassung ein Mensch tiefen Humors war, zeigt die Beschreibung des aus der Metamorphose hervorgegangen Wesens, seine zu dünnen Beinchen im Widerspruch zum gepanzerten Körper, der aus dem Bett zu rutschen droht. Welche eine groteske Skurrilität aus der Feder eines Juristen im Versicherungswesen. Was zum Teufel ist im Englischen ein Beinchen? Das Ungeziefer kann für meine Begriffe jedenfalls nur als „enormous pest“ übersetzt werden; vielleicht als „monstrous pest“. Nur so bleibt ja auch die Reaktion der Untermieter verständlich, die im Angesicht des Ungeziefers sofort kündigen, für das englische Ohr verständlich.
Man kann Zeilen nur übertragen, wenn man zwischen ihnen lesen kann. Und man muss sich Kafka als glücklichen Menschen vorstellen. Er zeigt, was Entfremdung („alienation“) als tragisches Glück bedeutet. Erzähl ich so den Tommies.