Logbuch

TRAGISCH.

Dem Dichter Martin Suter ist, lese ich gerade in einer Todesanzeige, die Frau verstorben. Das hat für alle eine besondere Tragik, die seinen neuesten Roman MELODY gelesen und verstanden haben. Vielleicht sind das nicht viele.

Beginnen wir mit dem Naheliegenden. Der Mann ist aus der Kommunikationsbranche und als Autor von Glossen bekannt geworden sowie meiner Generation und Erscheinung; das allein macht ihn schon mal interessant. Suter ist zudem der Schöpfer trivialliterarischer Figuren, in denen mich Freundinnen wiedererkennen, was sie zwar als zweifelhaftes Kompliment meinen. Aber immerhin.

Und er ist ein Skribent, ein Vielschreiber. Man muss, wenn man so viel macht, auch schon mal etwas durchwinken können. Das kann der Glossenschreiber, weil ihm der Boulevard ohnehin nicht fremd ist. Zurück zu Suter. Sein letztes Werk MELODY, das hat mich durchgehend und zunehmend begeistert. Weltliteratur. Vom aller Feinsten.

Der Protagonist ist ein greises Exemplar der Schweizer Bourgeoisie, ein Sterbender, der die Lebenslügen des Calvinismus vom Züri-See grotesk verkörpert. Aber man muss das halt auch lesen können. Er heißt „Dr. Stotz“, natürlich ein sprechender Name, in dem der „Stutz“ anklingt (örtlich der Terminus für die Währung). Nun, wer das Milieu nicht kennt, kann es auch nicht wiedererkennen. Ein kluger, schlichter und doch effektvoller Roman.

Der um seinen Nachruf bemühte Stotz endet als ein Trottel des wirklichen Lebens, das natürlich in Homers Gefilden von profanem Verrat und mediterranem Glück gut lebt, von dem Stutz des Stotz. Ich habe das Buch mit dem „Homo Faber“ von MAX FRISCH verglichen, der allerdings, im Gegensatz zu MARTIN SUTER, privat ein Drecksack war und recht wenig geschrieben hat.

Möge der talentierte Herr Suter seiner Trauer Herr werden und seiner Gattin die Erde nicht zu schwer.

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PARADISE LOST.

Manchmal wünscht man sich, dass man nicht gezwungen worden wäre, etwas zu erfahren, dass man nicht zu wissen sich eigentlich gewünscht hätte. Zu spät.

Es gibt Dinge aus dem Leben von Menschen, die man gar nicht wissen will. So geht es mir mit geschätzten Autoren, deren Bücher ich gerne gelesen habe. Und dann zerstört sich dieses Idol durch „too much information“, kurz TMI.

Es hat schon immer völlig belanglose Autoren gegeben, so etwa Ian Fleming , der hinter den Kinoereignissen des JAMES BOND steht. Ein trivialer Schreiberling des Kalten Krieges, aus dessen Romanen die Drehbücher Motive entnahmen. Anders, dachte ich immer, der berühmte JOHN LE CARRE, von dem man wusste, dass er DAVID CORNWELL hieß. Der Prototyp des Gentleman. Meine Liebe zu den Tommies…

Nichts schien mir, dem Teutonen, die feinen Manieren und edle Gesinnung der englischen Gentry perfekter zu zeigen; die vielen Romane durchwehte BRITISHNESS. Den ersten Knacks kriegte das Bild, als in mir der Verdacht zur Gewissheit wurde, dass mein Idol Ghostwriter beschäftigte. Ich hatte da etwas mitgekriegt zwischen Cornwell und MICHAEL JÜRGS, dem Hamburger Publizisten. Aber Schwamm drüber.

Jetzt lese ich in der „intimen Biografie“, die eine Ex-Geliebte verfasst hat, über seine Affären im sozialen Nahbereich; unnötige Neigung. In Züricher Hotels gab es Foie Gras, Bollinger und frische Erdbeeren. Erinnert mich an den deutsche Schlagersänger HEINO, der nach der Show in seiner Garderobe stets „Nutten, Koks und frische Erdbeeren“ vorfinden wollte und klagte, dass es mit den Erdbeeren manchmal nicht geklappt habe.

Also gut, LE CARRE war ein Rumtreiber. Seine Mutter hatte ihn als Baby ohne Abschied verlassen und sein Vater ein Krimineller; passiert in den besten Familien. Mama blieb verschwunden, Papa wollte das Schulgeld zurück, als der Sohn Auflage machte. Bitter. Man weiß von dem Gentleman-Schriftsteller, dass er in der Schweiz aufwuchs, in Bern.

Es gab ein deutschstämmiges Milieu in Bern, das der Brite für den MI 6 (heimischer Geheimdienst) aushob. Jetzt der Killersatz: Er habe dabei nicht nur private Dinge von seinen Freunden verraten, sondern sich mit ihnen angefreundet, um sie verraten zu können. Poh!

Ich erzähle das einem Freund. Und was sagt er? Den habe er nie gemocht. Ich stehe doof da. Mit einem Idol weniger.

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MIT DER WAHRHEIT LÜGEN.

Mich ermüdet das Übermaß an Kriegspropaganda in unseren Medien, weil man dort nicht nur die richtige Seite unterstützen will, sondern dafür auch noch die WAHRHEIT beanspruchen. Ich soll mich nicht nur der rechten Sache beuge, sondern sie gerecht nennen.

Der berühmte Dichter George Orwell („Animal Farm“, „1984“) hat im Zweiten Weltkrieg einige Jahre für die BBC gearbeitet und dies als Kriegspropaganda bewertet, wenn eben auch für die richtige Seite. Das ist begrifflich spannend.

Die BBC war das Gegeninstrument zum VOLKSEMPFÄNGER des Joseph Goebbels und nahm für sich in Anspruch, nach der Niederlage des Faschismus im Rahmen der „re-education“ das Vorbild für den Öffentlich-Rechtlichen Rundfunk (ÖRR) sein zu können. Schon während des Krieges galt „London“ sich selbst als Stimme der Wahrheit, weil stets um Glaubwürdigkeit bemüht.

George Orwell berichtet nun, er habe immer wieder insinuiert, dass die Japaner (Kriegspartei an deutscher Seite) mit den Russen verhandelten, obwohl er gewusst habe, dass das nicht stimme. Und er habe gewusst, was er tut. Er stehe dazu. Später sei die BBC ein Vorbild für das WAHRHEITSMINISTERIUM in seinem Roman „1984“ gewesen; dort der totalitäre Exzess der Propaganda. Ministry of Truth: das darf man also dem ÖRR ins Stammbuch schreiben.

Jetzt der Schlüsselsatz des großen George Orwell, einem Kolonialpolizisten aus Burma und Freiwilligen im Spanischen Bürgerkrieg, beides war er, bevor er zur BBC kam: „All propaganda is lies, even when one is telling the truth.“

Das klingt paradox, stimmt aber und ich kenne nur ganz wenige Köpfe in meinem Fach, die da intellektuell ranreichen.

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DIE IDEE DES NACHBARN.

Die großen Konditoren stehen mit langen Messern vor der Torte, die unsere Welt bedeutet, und wollen die Aufteilung der Kuchenstücke ändern. Das könnte den Krümeln eigentlich egal sein, aber sie haben gelernt, dass es beim Streit um die Sahnetorte sehr schnell zu Feindlichkeiten kommen kann und die langen Messer zu anderem Einsatz kommen als nur die Tortenstücke zu heben. Nachbarn werde Feinde.

Das Beispiel aus der Backstube ist eigentlich zu läppisch für die Erfahrung, die gerade die Ukrainer mit ihren beiden Schutzmächten machen, der alten, inzwischen ungewollten, und der neuen, die sich plötzlich launisch von einer anderen Seite zu zeigen droht. Osteuropäer und Balten schauen genau hin. Ich habe hier keine geopolitischen Vorlieben auszuloben oder zu verwerfen, weil mich die Sinnlosigkeit jedes Krieges vor solchen Kalkülen sperrt. Ich bin, was der scheidende Kanzler dieser Republik ein pazifistisches Provinzarschloch genannt hat. Bert Brecht hat mich nämlich gelehrt, dass man sich vor Zeiten, die Helden verlangen, als kleiner Mann zu hüten habe.

Die globale Torte wird also neu geteilt. Dabei darf man nicht jeden der großen Zuckerbäcker für ein Genie, gar den Weltgeist, halten. Es mag auch vordergründigere Motive geben, etwa den Neid auf die Kirsche auf dem Sahnestück des anderen. Aus der Clownerie der Stummfilme kennt man noch vordergründigeren Gebrauch von Torten. Mich dauern die Abscheulichkeiten auf allen Seiten, wenn auch unterschiedliche Grade der Entmenschlichung mich zur politischen Parteinahme veranlassen. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.

Habe ich als Krümel, der nicht gefragt wird, wenn der Kuchen spricht, es auch konkreter? Ja, ich würde Europa gerne erhalten wissen. Mir imponiert noch immer die Idee einer Zusammenarbeit westlich gestimmter, sprich liberal gesinnter Rechtsstaaten als Gemeinschaft guter Nachbarn. Wer das als Deutscher zerstört wissen will, hat aus zwei Weltkriegen nichts gelernt. Hier liegt einer der Gründe, warum man die Neue Rechte auch dann nicht gewähren lassen sollte, wenn sie international Beifall erhält. Meine Meinung.