Logbuch
KEIN KOMMENTAR.
Nur weil mir jemand eine Frage stellt, muss ich mich nicht zu einer Antwort genötigt sehen. Klappe halten. Nicht (ohne Not) lügen; schweigen.
Man kann sich der Tatsache, dass man eine Frage als gestellt ansieht, schwer entziehen; jedenfalls wenn man daran rhetorisch herumeiert. Profis wissen das, Novizen brechen sich daran die Arme. Wer sich verweigern will, variiert sein NO COMMENT nicht. Man sagt das wie ein Automat.
Episode: Ein Anfänger aus meinem Presseteam hat die Frage einer Agenturjournalistin nach einem Akquisevorhaben mal so beantwortet, dass er dieses Gerücht weder bestätigen noch dementieren wolle. Falscher Fehler. Daraus wurde nämlich in der folgenden Meldung eine Bestätigung, weil das Gerücht „weder dementiert noch bestätigt“ worden sei. Reingefallen! Der Leiter der Finanz tobte damals, wie man in der PR so naiv sein könne. Es drohten Köpfe zu rollen.
Meine Schlussfolgerung: ich sage gar nichts; ich schweige. Denn das ist, was KEIN KOMMENTAR eigentlich meint. Man lässt sich erst gar nicht in die Zwangslage versetzen. Wieso sollte man sich einer Nötigung zur Aussage aussetzen, wenn man das nicht will oder kann? Übrigens ist die Verleitung zu einer Begründung des eigenen Verhaltens ein klarer Schritt in Richtung Abgrund. Dann kann man auch gleich losplappern.
Wie das damals mit der zu erwerbenden Company ausging? Nun, die Agentur schrieb: „Die kaufen das!“ Die Finanz tobte und forderte von der PR ein Dementi. Wir waren unter Druck. Ich schaute ins Gesicht meines Chefs und sah sein Interesse aufblitzen. Es kam die Frage: „Was kosten die denn?“ Tjo, dann haben wir sie gekauft und so die falsche Agenturmeldung wahr gemacht. Man konnte sich das damals leisten. Finanziell wie PR-technisch.
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KEIN GEHEIMNIS.
Ein Skribent, den ich nicht schätze, bläht sich im Feuilleton damit, sein letztes Buch vorzulegen. Ach Herrje. Meine Zusage, keine Autobiographie zu verfassen, gilt uneingeschränkt. Naive Zeitgenossen fragen sich (und mich), welche Geheimnisse ich zu bewahren gedenke. Die Kenner wissen, es gibt nicht nur keine Geheimnisse, die des Bewahrens wert wären. Es gibt keine Geheimnisse.
Das ist ja schon eine verschwörungstheoretische Konstruktion, dass das Universum an Belanglosigkeiten sich zu einer Offenbarung drängen ließe, indem man den Schleier vor einem ominösen Geheimnis lüftet. In Wirklichkeit ist alles noch viel banaler, als man anzunehmen bereit wäre. Die Wahrheiten zerfallen und Irrtümer gebiert jeder Tag.
Auch das Vergessen ist ein Segen. Mein Rezept in der Vernehmung: fehlende Erinnerung; prozesssicher. Wer nicht im Valium des Vergessens dahindöst, wird auf der Intensivstation der Erinnerung ausbluten. Ein Dichterwort, rezitiert ein Freund. Die Medizin glaubt, dass der Demente seine Demenz nicht bemerkt; das aber halte ich nicht für gesichert. Mein Herr Vater beklagte in der zweiten Hälfte seiner neunziger Jahre den Verlust der Speicher.
Jedenfalls werde ich kein Opus Magnum ankündigen; schon um die Eitelkeit zu vermeiden, ich nähme an, sowas sei mir gegeben. Kalendergeschichten, dazu sollte es gelegentlich reichen. Reisebilder. Also Johann Peter Hebel, Bert Brecht, Heinrich Heine, ab und zu ein Lichtenberg. Mehr nicht.
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BARBIE.
Die Verlächerlichung der Bundesaußenministerin hat einen Grad erreicht, den ich aus staatsbürgerlichen Gründen nicht mehr für ratsam halte. Wir sollten uns wieder dem Ernst des Lebens stellen und auf das Witzereißen verzichten. Schluss mit BARBIE IM AA.
Die demonstrativ prahlsüchtige Reisetätigkeit, diesmal ein Potpourri aus Asiatischem bis hin zu den Fidschiinseln, wird durch ein großes Pressechor begleitet, das dann, so der Plan, von den Fidschiinseln in die Heimat berichtet, wie sich die feministische Außenpolitik der Bundesrepublik Deutschland so weltweit als VORBILDLICH gestaltet. Zumindest das Lungern nach geilen Pressefotos sollte unterbunden werden; man merkt die Absicht und ist verstimmt.
Erstens war der Eindruck, dass es sich vor allem um „Event PR“ aus Steuergeld handelt, nie ganz zu vermeiden, zweitens ist die Luftwaffe, was ihre Einsatzbereitschaft angeht, auf größere Diskretion angewiesen. Wir fliegen älteres Gerät. Dieses Land ist nur bedingt abwehrbereit.
Das Fiasco der staatseigenen Bundesbahn ist im gleichen Paradigma wie die Bundeswehr: Ein Land wird in der Substanz auf Verschleiß gefahren. Das ist bitter. Nur auf der nach oben offenen Skala der Eitelkeit, ich bitte um Nachsicht, geht es weiter: Es widmet sich der Zeitgeist der Selbstbefriedigung. Und das auch noch vor Publikum. Das ist, sorry Frau Bundesministerin, insgesamt zu leichtfertig, oft vordergründig und in Teilen schlicht obszön.
Wollen wir es nach gefälschtem Lebenslauf, gekupfertem Buch und Pumps-PR jetzt mal mit aufrichtigem Ernst und ehrlicher Arbeit probieren? BARBIE isch over. KEN hat das schon nach der Heizungsnummer kapiert.
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DAS WUNDER DER WURZELN.
Vom Haus der Bundespressekonferenz schlendre ich im streikgelähmten Berlin rüber zur Charité und halte kurz inne am Karlplatz; nicht wegen des Arztes Virchow, der hier brav in Sandstein steht. Eine kleine Tafel verweist auf den dortigen Baumbestand und Bert Brecht, der über die Pappel Anfang der fünfziger Jahre schrieb:
„Eine Pappel steht am Karlsplatz
Mitten in der Trümmerstadt Berlin
Und wenn Leute gehn übern Karlsplatz
Sehen sie ihr freundlich Grün.
In dem Winter sechsundvierzig
Fror’n die Menschen, und das Holz war rar
Und es fielen da viele Bäume
Und es wurd ihr letztes Jahr.
Doch die Pappel dort am Karlsplatz
Zeigt uns heute noch ihr grünes Blatt:
Seid bedankt, Anwohner vom Karlsplatz
Dass man sie noch immer hat!“
Brecht hat sein bescheidenes Gedicht „Kinderlied“ genannt; das war aber nur zur Täuschung der Zensur. Hier ist böser Spott über die DDR-Diktatur und ihren „Bitterfelder Weg“, der schließlich bitter endete. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.
Hinter der dichterischen Freiheit, die aus dem profanen Karlplatz den edlen Karlsplatz machte, liegt die hässliche Wirklichkeit, dass die Pappeln immer wieder abgehauen wurden, noch in den Siebzigern; aber stets neu austrieben. Kein Verdienst der Baumschulen, die sich dessen rühmen, sondern eines gewaltigen Wurzelwerkes. Bäume prahlen mit ihren Kronen, leben aber von ihren Wurzeln.
Wer untertage mächtig, kann übertage zur Sonne streben. Der Gedanke hätte Brecht gefallen. Habe ich bei Luther geklaut. Von wegen Apokalypse und Apfelbaum. An der Charité angekommen, denke ich daran, dass der große BB hier verstarb. Nicht ohne Wurzeln zu hinterlassen.