Logbuch
VOLKSWILLEN.
Wieder gibt es Stimmungen, die die Freiheit des Individuums durch den VOLKSWILLEN ersetzen wollen. Das hört man aus verschiedenen Lagern der Politik. Schon immer bei den roten Roten, jetzt auch im Grünen. Und bei den Braunen.
Die AfD hat angekündigt, einen Kanzlerkandidaten zu benennen und es setzt sofort ein Raunen ein. Wie immer springt der Rest der Republik über das Stöckchen, das die Braunen ihr hinhält. Die Wahlforscher begleiten das und bescheinigen den Braunen 20 Prozent; im Osten sind sie zum Teil stärkste Partei.
Zusammen mit den Schwarzen könnte es für einen Machtwechsel rechnerisch reichen. „Schwarzbraun ist die Haselnuss, schwarzbraun soll mein Madel sein“, so lautet das dazu passende Volkslied. Dass solche Weisen Nationalhymnen sein können, sieht man in anderen Ländern Europas. In Italien ist eine gelernte Anhängerin des Duce, Hitlers Kumpel und Erfinder der braunen Bewegung, amtierende Ministerpräsidentin. In Frankreich wartet Madame Marine Le Pen auf ihre Chance. Der Schoß ist fruchtbar noch…
Ich höre, während ich das notiere, das Raunen darüber, dass ich die Blauen, wie sie in Adolf Hitlers Heimat, in Österreich, genannt werden, die Braunen genannt habe. Das werde den Herrschaften mit der blauen Kornblume am Revers nicht gerecht. Da ist sie wieder, diese verdruckste Feigheit, das Kind beim Namen zu nennen. Genau dieses Tabu ist es, das der AfD Kräfte verleiht. Diese Zubilligung des Dämonischen und das Senken der Stimme machen den Teufel groß. Weil sich brave Seelen bei der Nennung seines Namens bekreuzigen, hat er Macht, der Pferdefuß.
Die Ankündigung des Friedrich Merz, die Stimmanteile der AfD zu halbieren, ist ein Treppenwitz angesichts seiner Bestrebungen deren Wähler bei deren Themen mit einer Salonversion der braunen Gesänge zu gewinnen. Dafür hat der Anstreicher aus Dresden nur ein feistes Lachen. „Fascho light“, das können die zwielichtigen Gestalten des Rechtspopulismus besser. Auch Hendrik Wüst, der Ideale Schwiegersohn aus Düsseldorf, viel gerühmt als JFK der Union, wird die braune Mobilisierung des Pöbels nicht weglächeln. Du hast die Haare schön, das reicht nicht.
Man wird bei den Braunen in den Parlamenten akzeptieren müssen, dass sie demokratisch gewählt sind; das ist das eine. Das andere ist, man wird sie stellen müssen, wo sie das nutzen, um Demokratie abzuschaffen. Demokratisch gewählt, aber keine Demokraten. Die Sozialdemokraten haben das historische Verdienst, als einzige Fraktion des Reichstages gegen das Ermächtigungsgesetz Hitlers gestimmt zu haben. Vielleicht könnten beim nächsten Versuch der Braunen auch die anderen Farben dagegen stimmen.
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ARSCHGEWEIH.
Die Nachtwache als Arschgeweih. Tätowierungen der Museumsbesucher, auch des unteren Rückens, mit Motiven des Hauses, das bietet das Rembrandt-Museum zu Amsterdam. Tattoo for you.
Ich bin ein Freund der Museumspädagogik. Das ist, wenn man eine Cafeteria betreibt, um Publikum anzulocken und für die Kunst zu gewinnen. Oder T-Shirts verkauft. Alles, was hilft. Den Vogel abgeschossen haben die Holländer jetzt mit der Tätowierstube im Museums-Shop zur Popularisierung Rembrandts. Was mich über "tribalism" nachdenken lässt, unsere Neigung, am menschlichen Körper Verunzierungen anzubringen, wie sie bei sogenannten primitiven Völkern gängig waren.
Da ist dann gleich die nächste Klippe. Ich kenne nicht die aktuelle anthropologische Diskussion, aber ich bezweifle, dass man indigene Völker noch als primitiv bezeichnen darf. Dass hat ja schon etwas Wertendes, wenn der weiße Mann in Khaki-Uniform, Modell Hercule Poirot, durch den Urwald schreitet und sich an exotischen Stämmen ergötzt. Hagenbeck soll sie in Hamburg dann im Zoo ausgestellt haben.
Kulturelle Aneignungen also. Was aber ist die Bedeutung der Verunzierung einer Mädchenlippe durch einen Draht? Des Nasenrings? Oder der Tunnel in den Ohrläppchen? Oder des chinesischen Schriftzeichens auf dem Unterschenkel? Ich will es erst gar nicht wissen. Allerdings gibt es interessante Varianten. Das Knast-Tattoo zum Beispiel. Die Mörder-Träne. Oder die Embleme des trunkenen Seemanns. In Duisburg-Ruhrort soll es noch vor Jahren einen Fachmann gegeben haben, der die ganz ungelenke Art beherrschte; deshalb eine Attraktion. Amy Winehouse hatte so was.
Wenn der Körper der Tempel der Seele ist, dann dürfte er ohne Unterhautbemalung zurechtkommen. Aber das ist ein Dünkel; vorkritisch. Dazu sollte sich nämlich nicht abfällig äußern, wer Kleiderordnungen fordert und selbst Blumen am Revers trägt.
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EIN KIND DER LIEBE.
Welches Gemälde würde ich mir kaufen, hätte ich jedes Geld der Welt? Nun, sicher eine LESENDE. Aber welche? Ich wüsste, worauf meine Wahl fiele.
Wir sehen eine Frau in blauer Jacke mit gebundenem Haar, offensichtlich hochschwanger, einen Brief lesend. Sie steht in einem Zimmer eines solide möblierten Patrizierhauses in Holland gegenüber dem Fenster, vor ihr ein Tischchen, das eine abgelegte Perlenkette zeigt, ein Tuch, ein Schmuckkästchen andeutend.
Von Vincent van Gogh, einem Landsmann des Malers, wissen wir, dass er den Ausdruck von Schönheit und Würde in der Schwangeren sah, die, da sie liest, zum gebildeten Delft des 17. Jahrhunderts gehört haben muss. Die lederbeschlagenen Stühle und die opulente Wandkarte der Niederlande deuten auf den Wohlstand des aufgeklärten Bürgertums. Eine eher selbstbewusste als sentimentale Frau, deren Schmuck von Charme und Anmut vergangener Auftritte künden. Sie trägt, ahnen wir, ein Kind der Liebe in sich.
Der Brief könnte von dem fernen Gatten künden, der wie andere Bürger Delfts mit Südostasien Fernhandel treibt. Oder, so wagen wir eher zu vermuten, einer Liebschaft, die offensichtlich nicht ohne Folgen blieb. Die Farben sind selbst dort vage, wo sie auf klare Töne anspielen, Zitronengelb oder das Blau, das der Briefleserin den Namen gab. Die Kraft der Szene liegt im Momenthaften, einem Moment, der eingefangen wurde und doch entrückt ist.
Das Gemälde kündet von einem Geheimnis, das es zugleich bewahrt. Große Kunst. Dafür sind 25 Millionen kein Geld.
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ZERRÜTTET.
Die Ampel hätte alles gehabt, um zu einem Erfolg zu werden; sie hat es kontinuierlich zu einer Zerrüttung genutzt, die ihresgleichen sucht. Es ist wie bei schmutzigen Scheidungen im Privaten: Man will als Außenstehender irgendwann mit den Zerstrittenen insgesamt nichts mehr zu tun haben. Fassungslos stehe ich vor dem Bedeutungsverlust von SPD und FDP. Grüne Freunde reagieren wie eine vom Leben beleidigte Sekte. Und die originäre Kraft der Union gegen die Neue Rechte sehe ich nicht so recht.
Die SPD ist, da ich auf die Welt kam, mit einem Drittel der Wählerstimmen angetreten; sie hat das nie allein auf die Hälfte ausbauen könne, aber stolze 40 % waren es doch. Keine absolute Mehrheit, aber doch attraktiv für Gelbe und dann Grüne. Sie war eine veritable Volkspartei links der Mitte und in der Mitte; sie verstand sich so. Jetzt hinterlassen diese Figuren im Willy-Brandt-Haus ein Trümmerfeld von einem Sechstel, bittere 16 %. Restsozen, zu allen bereit, wenn es noch ein paar Posten bringt. Projekt Abendsonne im Altersheim.
Denn der magere Hund Merz braucht sie als Schwanz, mit dem er wackeln kann, die elenden Mehrheitsbeschaffer. Liebe Freunde, Frühlingserwachen sieht anders aus. Im Tauwetter sehe ich an den Bäumen in meinem Garten die ersten Knospen, aber Osterstimmung scheint mir in der Politik sehr fern. Abgeschmackte Figuren des zerrütteten Systems stehen auf der Bühne rum, aber es wird kein neues Stück gegeben. Sicher ist nur, dass es im Parlament drei starke Oppositionsgruppen geben wird, die Grünen, die Roten und die Blauen; untereinander nur in Missgunst verbunden, also gar nicht. Sprechen wir es aus: Der wirkliche Gewinner des inszenierten Kampfes gegen Rechts ist die AfD.
Die Regierungsbildung geschieht nun während des Karnevals, sagt der designierte Kanzler; das glaube ich auf‘s Wort. Sauerländische Fassenacht. Genauso sieht das auch aus. Abgeschmackter denn die Vorjahreskostüme Klingenbeil und Esken kann man nicht sein. Karikaturen ihrer selbst. Und natürlich ist die Union in der Merz-Falle: ein dürrer Verwaltungsjurist bastelt uninspiriert rum. Politik als Heimwerkerkunst.
Die eigentliche Aporie ist nicht gelöst. Wie umgehen mit der Neuen Rechten? Hier sind 20%, die 25 werden, wenn nicht 30. Bisher haben wir hier als Strategie der Union das Genie des kleinen Kindes bei Gewitter: die Augen zuhalten beim Blitz, die Ohren verschließen bei Donner. Es gibt geographisch wie sozial wie altersmäßig ganze Kontingente, die an die AfD strukturell verloren sind. Die Ossis, die armen Alten und die metropolen Jungen. Wer darüber nicht den Verstand verliert, hat keinen zu verlieren.