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SPÄTE ERKENNTNIS.

Wenn früher Geschichte geschrieben wurde, so geschah das oft mit einer unheilvollen Konzentration auf SCHLACHTEN, militärische Anstrengungen und kriegerische Errungenschaften. Völkerschlachten. Daran ist so gut wie alles falsch, bis auf die durchsichtige Neigung, Feldherren zu loben und das gemeine Fußvolk für einen leider unvermeidlichen Schwund zu halten. Führerkult und Kanonenfutter.

Von der aktuellen israelischen Armee wird berichtet, dass gezielt gegen die höchsten Ränge des Gegners vorgegangen würde. Das wäre neu, dass sich die Feldherren selbst an die Gurgel gingen. Ich lese solche Nachrichten mit der größten Vorsicht, weil das erste Opfer jedes Krieges die Wahrheit ist; auf allen Seiten. Wenn es aber zu einem wesentlichen Teil stimmte, würde es eine alte Logik aussetzen, nämlich die der Opferasymmetrie. Früher führten die Feldherren Fehden, die sie selbst mit großer Wahrscheinlichkeit überlebten, wenn nicht sogar zu historischen Helden werden ließ; das begünstigte ihre Neigung, tiefe Opfer im Fußvolk zu bringen und als unvermeidlich zu erklären. Helden standen auf Gräbern.

Mir klingt der Kanonensong vom frühen Brecht in den Ohren: „Soldaten wohnen / auf Kanonen.“ Solche Kriegsromantik fällt sicher schwerer, wenn ich nicht weiß, wer als nächstes an die Tür des chicen Offizierscasinos klopft oder was durch’s Fenster des Luxushotels anfliegt. Der Krieg kehrte dann zu denen zurück, die ihn veranlassten. Aber das sind Spekulationen eines verstörten Pazifisten, der in bösen Zeiten lebt, in denen ein Gespräch über Bäume schon fast ein Verbrechen ist, da es ein Schweigen über so viele Untaten einschließt. Hat der späte Brecht gesagt.

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BÜRGERBAUCH.

Ein Gentleman ist nicht fett, weil er das für einen Ausdruck der Disziplinlosigkeit hält. Von Carl Hahn, dem langjährigen Patriarchen bei VW, wird erzählt, dass er morgens ein Müsli zu sich nahm und dann nichts mehr; Dinnerverpflichtungen ausgenommen. Gleiches berichtete man aus dem englischen Königshaus, allerdings in der komoderen Form des HIGH TEAs; den guten Sitten anheimgestellt als „Prinz Philip Diät“. Man isst nur ein einziges Mal am Tag; Zwischenmahlzeiten oder night cups ausschließlich und allenfalls als „spirits“.

Der HIGH TEA der nordenglischen und schottischen Lebensart ist nicht mit dem CREAM TEA aus Cornwall zu verwechseln. Wenn frühnachmittags Tanten und Tunten zusammensitzen und frisches Gebäck mit clotted cream und Marmelade füllen, um dazu gezuckerten Milchtee und Sherry zu schlürfen, so darf man das getrost als Ursache der allgemeinen Adipositas betrachten. In keiner Nation ist die gemeine Hausfrau unförmiger als in der englischen.

Der HIGH TEA entstammt der, wie Friedrich Engels es nannte, Arbeitenden Klasse; er ist ein kräftiges Mahl, das nach der Schicht eingenommen wurde, im Stehen und zwar gegen halb Fünf. Neben dem obligatorischen Getränk enthielt es auch deftige Speisen. Viele Häppchen, was so über war. Wer es dabei belässt, kann sich stärken und dem Körper ein Intervall von 24 Stunden gönnen. Ich selbst habe es auf Schottlandreisen kennengelernt, in denen wir das B&B um das breakfast verkürzten, aber dem hohen Tee zusprachen. Einschließlich scones.

Das unter Touristen gefürchtete „full english“ oder „full fried breakfast“ ist ein bäuerlicher Ritus, der hier nicht eigens erwähnt werden muss. Die Offiziersdisziplin von Prinz Philip sei aber empfohlen. Alle Kulturen der Welt raten zum Fasten. Wer sich nach Diabetes sehnt, der folge der notorischen Sucht zur Überernährung, dem kleinen Hunger zwischendurch, mit der vielgliedrigen Zuckermast. So kommt man zur Proletenplauze, die eigentlich ein kleinbürgerliches Phänomen ist. Weil der englische Miner dazu nach zehnstündiger Schicht keine Muße hatte. Wie der Gentleman und Offizier. Eben Helden ohne Bauch. Bravo!

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DIE GROSSEN GESCHICHTEN UND DIE KLEINEN.

Allzu lange Autofahrten verkürzt man sich ganz passabel mit „Classic FM“, einem recht britischen Sender klassischer Musik, der neben den zur Beruhigung des Gemüts geeigneten Werken eine sehr englische Moderatorenschar bietet. Der mukante Inselspießer kann auf eine betuliche Art kleinbürgerlich sein. Zu meinen Lieblingsthemen gehört die Frage an Hörer, was sie denn gestern als letztes hatten.

Während wir von Getränken hören, dem High Tea und späten Abendessen oder Nachtwanderungen nehmen wir Einblicke in die Sitten und Gebräuche gänzlich alltäglicher Natur. Mein Doktorvater hat das „elementare Soziokultur“ genannt. Man erfährt, wie die Menschen so ihr Tagwerk beschließen und dass wir alle sentimentale Hunde sind. Manche Katzen. Viele kleine Geschichten von Kleinem. Das interessiert, wen das wirkliche Leben kümmert.

Stoff für große Geschichte lieferte ein Mandant aus Indien, in den USA erzogen und Erbe eines Konzerns der Automobilindustrie; hatte auch in Bayern eine Bude. Zulieferer. Geschäftlich sehr erfolgreich pflegte er privat einen Stil gegen den selbst Bollywood erblasste. Seine Freizeit galt dem Polo; er unterhielt ein eigenes Profi-Team in diesem kreuzgefährlichen Sport. Verheiratet war er zum dritten Mal. Die Braut der zweiten Ehe warf ihm im indischen Boulevard vor, bei der Hochzeit seine Freunde zum jus primae noctis eingeladen zu haben. Mehr sei hier nicht offenbart.

Gestern las ich ihn noch in den Sozialen Medien mit einer Mitleidsbekundung zum Absturz der Air India und sprach mit dem Lufthansa-Chef darüber, der von Düsseldorf zu einer Investorenkonferenz nach Rom eilte. Sicherer Flieger, gute Airline war sein Urteil. Dann von seinem Anwalt die Nachricht, dass Sunjay nicht mehr lebt. Mein indischer Mandant verschluckte in England bei einem Polo-Spiel eine Biene und verstarb daran noch auf dem Platz. Alta, ein Bienenstich.

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BARBAROSSA UND ANDERE ROTHAARIGE.

Was der eine darf, darf der andere noch lange nicht. Das ist römische Rechtsordnung, ausdrücklich ironisch formuliert, versteht sich. Man gewährt seinem Gott (sagen wir dem Iovi, zu deutsch Jupiter), was dem Ochsen (lat.: bovi) verwehrt sein sollte. Iovi & bovi. Gemeint ist die Gleichheit vor dem Gesetz, die man wollen müsste, aber doch so oft vermisst. Wir leben in Zeiten, die Barbarentum wieder feiern. Barbarossa ist aus seinem Schlaf erwacht. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.

Der grundhöfliche Kellner empfiehlt einen Wein, der neben mir im Regal steht und ich lese in großen Lettern „Vorfreude“ auf dem Etikett. Eine andere Flasche des gleichen Badener Erzeugers betitelt sich als „Glückspilz“. Was soll das denn? Ich nehme in stiller Verzweiflung einen Friderich Emil von Trimbach aus dem Elsass, weil ich da wenigstens weiß, was ich kriege. Nichts ist schlimmer, als wenn Winzer und Werbung aufeinandertreffen.

Es begann, soweit ich weiß, historisch mit der „Liebfraumilch“; vordergründig ein lieblicher Wein im Schatten einer Liebfrauenkirche, der es im England des Charles Dickens zu Popularität bis bei Hofe gebracht hatte. Nun hatte der Marienkult schon immer sexuelle Konnotationen, aber von der Muttergottes gestillt zu werden (und dabei blau), das hatte schon etwas gotteslästerlich Frivoles. Da Werbung alles aus der jeweils untersten Schublade kramt, wurde daraus für England Ende letzten Jahrhunderts die Süßweinmarke „Blue Nun“; jetzt also eine Braut Christi, und zwar besoffen. Geht’s noch? Das ist nur noch durch Kröver Nacktarsch zu unterbieten.

Ich will, so ich als Laie ein Etikett lese, wissen, wer das aus welcher Lage und welcher Rebsorte wann gekeltert hat. Punkt. Dann dürfen sich auch noch irgendwelche EU-Vorschriften austoben, aber im Kleingedruckten, nur dort. Ich will nicht ersatzweise Werbesprüche irgendwelcher Marketingdeppen lesen müssen, die Niveau zu Nivea verkürzen und Haribeaux zu Haribo. Nicht bei Wein. Das ist ein Sakrileg.

Wir leben heute in der 74. Generation nach der Errichtung des Großen Zauns, LIMES genannt, durch die Römer. Und spüren die Folgen noch immer. Es stehen dies- und jenseits hier die Barbaren und dort die Bürger Roms. Ein Mensch in Würde weiß von sich zu sagen: „Civis Romanus sum“, ich bin des Weinbaus kundig und Bürger Roms. Die da drüben, die Rothaarigen grunzen in ihre fettgetränkten Bärte und saufen Met, sprich Bier. Die kulturelle Teilung der Welt macht sich bis heute, bis in die 75. Generation, bemerkbar.

Es waren die Römer, die im Moseltal einen im Winter unbelaubten Südhang, der lange Sommer einzufangen wusste, also allerbesten Wein versprach, originell und zutreffend mit einem nackten Arsch verglichen. Korrekte Lagenbezeichnung. Was dem Jupiter erlaubt ist, darf der Ochse noch lange nicht. Quod licet Iovi, non licet bovi.