Logbuch
DEM RALF IHM SEIN GEBURTSTAG.
Gestern war der Tag des Pronomens. Das hat fachliche Bezüge, die ein Hauch von Langeweile umgibt, und ideologische, bei denen mir der Draht aus der Mütze fliegt. Ich weigere mich nämlich, überhaupt nur zur Kenntnis zu nehmen, was die Schwätzerinnen unter „genderneutraler und klimagerechter Sprache“ verstehen.
Ich kann das begründen. Man kann über PRONOMINA überhaupt nur reden, wenn man Roland Harwegs Habil zu „Pronomina und Textkonstitution“ gelesen hat. Das 1968 erschienene Werk ist die Grundlegung der Textlinguistik überhaupt. Harweg war in Bochum Ordinarius und einer meiner drei Prüfer im Rigorosum. Ich habe mich seiner Gunst erfreut. Möge ihm die Erde nicht zu schwer werden. Ihm seine Erde.
Heute werden Pronomina in Briefköpfen genutzt, um Nomina umzudeuten, meist im Sinne von Ersatzreligionen der symbolisch überhöhten Devianz; etwa weil man möchte, dass Egon ein Frauenname ist oder die Erdgeschichte eine thermische Revision erfährt. Ich könnte beides, die Genderfrage wie die Erdgeschichte an den beiden Ginkgo Bilobas erklären, in deren Schatten ich gelegentlich sonnige Nachmittage verbringe. Ich habe sie gepflanzt und lasse ihnen Hege wie Pflege angedeihen. Aber man braucht Geduld, die Geschlechtsreife tritt erst nach 25 Jahren ein. Erst dann weiß man ihr sein Geschlecht.
Verlassen wir die Welt der FÜRWÖRTER, so heißt das Pronomen, das der Lateiner Provokabulum nennt, auf deutsch, und wenden uns der NEUEN BOURGEOISIE zu. In meiner Nachbarschaft im Westerwald hat ein ortsansässiger Milliardär ein Wohltätigkeitsessen gegeben, bei dem eine Millionenspende für arme Kinder zusammengekommen ist. Die Witwe von Guido Westerwelle rühmt sich, das organisiert zu haben, ein Herr mit dem Kosenamen Micky. Von einem geschwätzigen Hotelier erfahre ich, wer alles da war, beim Ralf zu Fisch und Filet.
Mir liegt nichts an Indiskretion, obwohl ich schon gerne wüsste, ob meine Kneipenbekanntschaft GRÖNEMEYER bei Ralf Dommermuth nur gespeist oder auch gesungen hat. Zum Beispiel von der Currywurst. Tjo, während der an einer Weltkarriere bastelte, der Herbert, habe ich in der Bibliothek gesessen und Roland Harwegs endlose Ableitungen von den Pronomina gelesen. Und der Ralf hat mit Immos und PCs gedealt.
Apropos Bochum: wie heißt das männliche besitzanzeigende Fürwort im Revier? Das maskuline Possessivpronomen heißt „ihm sein“.
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DAS BLÜMCHEN.
Wir kennen es eigentlich nur noch vom Hochzeiter. Der Bräutigam trägt am Revers ein Blumensträußchen. Oder von den Trachten, die Highlander und Oberbayern tragen; dort allerdings eher um Prächtiges im Lendenbereich bemüht. Bergvölker. Blumenschmuck also auch in der Herrenbekleidung.
Man darf nicht unterschlagen, dass der englische Dandy eine Nelke im Knopfloch hatte oder gar die rote Rose und das ganze Thema ein wenig nach Demi Monde klingt. Neues aus der Halbwelt des Allzumodischen also. Aber es gibt Ausnahmen.
Wenn in England oder Kanada ein POPPY getragen wird (die Jahreszeit naht), dann soll die rote Blüte des Klatschmohns an die Schlachtfelder Flanderns im 1. Weltkrieg erinnern. Und die blutrot getränkte Erde zwischen den Schützengräben. Das passt auch insofern, als der Mohn schon in der Antike symbolisch für Schlaf und Tod stand. Man muss um das Opium schon früh gewusst haben.
Heute erinnert der englische Gentleman mit dem roten POPPY am Revers an die Opfer, die seine Nation in den Schützengräben Flanderns erbracht hat. Jeder Ehre wert, da kein Angriffskrieg. Bei wem die alleinige Kriegsschuld liegt, ist hier, wie in anderen Fällen, historisch komplex.
Jedenfalls trage ich als Deutscher eine stilisierte rote Blume am Revers, auch in London oder Quebec, nicht nur im November. Historische Komplexität meint übrigens nicht, dass Schuld zu relativieren sei. Im Gegenteil. Das zu sagen ist, angesichts des monströsen Geschwätzes zum Nahen Osten, wichtig.
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TRENCHCOAT.
Zu meinen Lieblingskleidungsstücken zählt der Regenmantel aus dem Hause BURBERRY, den Humphrey Bogart berühmt gemacht hat. Als Schüler habe ich mir das gute Stück an Londons Haymarket gekauft. Schnallen und Knöpfe wurden mal ersetzt, aber ansonsten ist das Luder jetzt 55 Jahre alt; unverwüstlich.
Während meines Studiums gab es die Jungs mit den RAIN COATS, meine Fraktion. Und die Bürgersöhnchen mit den Palästinensertüchern (nicht meine Fraktion). Ich kannte einen Soziologen, der das Tuch trug, wenn er im offenen englischen Sportwagen in die Uni fuhr. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.
Aus reinem Snobismus habe ich dann später, schon im Beruf, noch einen TRENCH von AQUASCUTUM gekauft, weil deren Mäntel aus der gleichen Tradition kamen, der Uniformschneiderei, aber als weniger modisch galten. Auch ein edles Stück.
Nun zum hässlichen Teil der Geschichte. Was Thomas Burberry da Mitte des 19. Jahrhunderts für die britische Armee schneiderte, war regenfest (weil Gabardine) und schränkte den Waffengang nicht ein. Denn TRENCH, das ist der Schützengraben. Ein Mantel für Schützengräben. Welch ein Irrsinn: Erwachsene graben sich in Erdlöcher ein und schießen aufeinander. Ganze Tunnelsysteme wurden dem gewidmet.
So sollte mein Großvater in Belgien den Franzmann bezwingen. So sehe ich ukrainisches Militär auf den Iwan lauern. So soll die Hamas Gaza gestaltet haben. Auch mehr als 150 Jahre nach der Erfindung des Mantels für Schützengräben ist die Menschheit nicht schlauer.
Als ich mir meinen ersten TRENCH kaufte, konnte ich ihn mir eigentlich noch nicht leisten; jetzt will ich mir nicht leisten, ihn auszumustern. Aber die Idee des Schützengrabens, die gehört entsorgt. Ich hoffe, dass Gaza der HÄUSERKAMPF erspart bleibt. Und Israel der Terror der Halstuchträger.
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BARBAROSSA UND ANDERE ROTHAARIGE.
Was der eine darf, darf der andere noch lange nicht. Das ist römische Rechtsordnung, ausdrücklich ironisch formuliert, versteht sich. Man gewährt seinem Gott (sagen wir dem Iovi, zu deutsch Jupiter), was dem Ochsen (lat.: bovi) verwehrt sein sollte. Iovi & bovi. Gemeint ist die Gleichheit vor dem Gesetz, die man wollen müsste, aber doch so oft vermisst. Wir leben in Zeiten, die Barbarentum wieder feiern. Barbarossa ist aus seinem Schlaf erwacht. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.
Der grundhöfliche Kellner empfiehlt einen Wein, der neben mir im Regal steht und ich lese in großen Lettern „Vorfreude“ auf dem Etikett. Eine andere Flasche des gleichen Badener Erzeugers betitelt sich als „Glückspilz“. Was soll das denn? Ich nehme in stiller Verzweiflung einen Friderich Emil von Trimbach aus dem Elsass, weil ich da wenigstens weiß, was ich kriege. Nichts ist schlimmer, als wenn Winzer und Werbung aufeinandertreffen.
Es begann, soweit ich weiß, historisch mit der „Liebfraumilch“; vordergründig ein lieblicher Wein im Schatten einer Liebfrauenkirche, der es im England des Charles Dickens zu Popularität bis bei Hofe gebracht hatte. Nun hatte der Marienkult schon immer sexuelle Konnotationen, aber von der Muttergottes gestillt zu werden (und dabei blau), das hatte schon etwas gotteslästerlich Frivoles. Da Werbung alles aus der jeweils untersten Schublade kramt, wurde daraus für England Ende letzten Jahrhunderts die Süßweinmarke „Blue Nun“; jetzt also eine Braut Christi, und zwar besoffen. Geht’s noch? Das ist nur noch durch Kröver Nacktarsch zu unterbieten.
Ich will, so ich als Laie ein Etikett lese, wissen, wer das aus welcher Lage und welcher Rebsorte wann gekeltert hat. Punkt. Dann dürfen sich auch noch irgendwelche EU-Vorschriften austoben, aber im Kleingedruckten, nur dort. Ich will nicht ersatzweise Werbesprüche irgendwelcher Marketingdeppen lesen müssen, die Niveau zu Nivea verkürzen und Haribeaux zu Haribo. Nicht bei Wein. Das ist ein Sakrileg.
Wir leben heute in der 74. Generation nach der Errichtung des Großen Zauns, LIMES genannt, durch die Römer. Und spüren die Folgen noch immer. Es stehen dies- und jenseits hier die Barbaren und dort die Bürger Roms. Ein Mensch in Würde weiß von sich zu sagen: „Civis Romanus sum“, ich bin des Weinbaus kundig und Bürger Roms. Die da drüben, die Rothaarigen grunzen in ihre fettgetränkten Bärte und saufen Met, sprich Bier. Die kulturelle Teilung der Welt macht sich bis heute, bis in die 75. Generation, bemerkbar.
Es waren die Römer, die im Moseltal einen im Winter unbelaubten Südhang, der lange Sommer einzufangen wusste, also allerbesten Wein versprach, originell und zutreffend mit einem nackten Arsch verglichen. Korrekte Lagenbezeichnung. Was dem Jupiter erlaubt ist, darf der Ochse noch lange nicht. Quod licet Iovi, non licet bovi.