Logbuch
MIT DER WAHRHEIT LÜGEN.
Mich ermüdet das Übermaß an Kriegspropaganda in unseren Medien, weil man dort nicht nur die richtige Seite unterstützen will, sondern dafür auch noch die WAHRHEIT beanspruchen. Ich soll mich nicht nur der rechten Sache beuge, sondern sie gerecht nennen.
Der berühmte Dichter George Orwell („Animal Farm“, „1984“) hat im Zweiten Weltkrieg einige Jahre für die BBC gearbeitet und dies als Kriegspropaganda bewertet, wenn eben auch für die richtige Seite. Das ist begrifflich spannend.
Die BBC war das Gegeninstrument zum VOLKSEMPFÄNGER des Joseph Goebbels und nahm für sich in Anspruch, nach der Niederlage des Faschismus im Rahmen der „re-education“ das Vorbild für den Öffentlich-Rechtlichen Rundfunk (ÖRR) sein zu können. Schon während des Krieges galt „London“ sich selbst als Stimme der Wahrheit, weil stets um Glaubwürdigkeit bemüht.
George Orwell berichtet nun, er habe immer wieder insinuiert, dass die Japaner (Kriegspartei an deutscher Seite) mit den Russen verhandelten, obwohl er gewusst habe, dass das nicht stimme. Und er habe gewusst, was er tut. Er stehe dazu. Später sei die BBC ein Vorbild für das WAHRHEITSMINISTERIUM in seinem Roman „1984“ gewesen; dort der totalitäre Exzess der Propaganda. Ministry of Truth: das darf man also dem ÖRR ins Stammbuch schreiben.
Jetzt der Schlüsselsatz des großen George Orwell, einem Kolonialpolizisten aus Burma und Freiwilligen im Spanischen Bürgerkrieg, beides war er, bevor er zur BBC kam: „All propaganda is lies, even when one is telling the truth.“
Das klingt paradox, stimmt aber und ich kenne nur ganz wenige Köpfe in meinem Fach, die da intellektuell ranreichen.
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ENTZAUBERT.
Mit Melancholie sehe ich Politikermythen plötzlich leer. Dahin der Zauber von Charakter und Charisma. Wie im Märchen von des Kaisers neuen Kleidern: nur noch nackte Tatsachen. Über Nacht banal.
Ich erinnere noch Willy Brandt im Wahlkampf, dem meine Schwester als kleines Kind einen Strauß selbstgepflückter Blumen anreichte. Da war eine Kleinstadt aus dem Häuschen. Und einige Jahre später sehe ich im Fernsehen seinen Vertrauten Egon Bahr über den Meuchelmord an ihm weinen. Aufstieg und Fall.
Ich sehe Helmut Kohl noch in voller Macht, wie ihm anlässlich der Proteste in Wackersdorf die Industrie selbst den Ausstieg aus der nuklearen Wiederaufarbeitung vor die Füße legte und er nicht verstand. Sein Niedergang begann und das Tuscheln selbst hochgestellter Kreise der Union über seine Wohngemeinschaft mit Sekretärin und Fahrer.
Und den fallenden Gerd Schröder, der die Hartz-Gesetze als Agenda durchzubringen suchte, während seine eigene Fraktion und Partei ihn zunehmend verlässt. Bis in die Ächtung. All das stimmt mich nicht fröhlich. Wie gewonnen, so zerronnen. Das politische Spiel vom Zauber der Macht und deren Nachspiel als schmutzigem Geschäft.
Ich hätte diese Entzauberung in den Reihen der Grünen eher bei Annalena Baerbock, der feministischen Luftnummer, erwartet als bei dem Vizekanzler Habeck, der sich schon als Kanzler in spe wähnte. Nun hat es doch ihn zuerst erwischt. Über eine Lappalie zu viel. Er könnte mit Renate Künast über den Veggie Day reden; auch eine Petitesse und sie lag auf der Fresse.
Keine Schadenfreude. Die Zuneigung der Wähler ist eine Hure. Flatterhaft widmet sie sich ständig neuen Freiern. Nie sagt sie zum Augenblick: „Verweile, Du bist so schön.“ Politik ist Ruhm auf Zeit, eigentlich ein Pakt mit dem Teufel.
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VON INTERESSE.
Die Gerichte erlauben Übergriffe auf Persönliches, wenn daran ein überragendes öffentliches Interesse besteht. Das ist bei einem Kai aus der Kiste eher ausgeschlossen.
Unter all den interessanten Chefredakteuren der BILD, die ich habe kennenlernen dürfen, fiel nie jener, der jetzt seine Autobiografie promotet. Um ehrlich zu sein, ich habe ihn gar nicht näher kennengelernt. Und ich habe es eigentlich auch künftig nicht vor.
Der Herr ist zudem mittlerweile ein Berufskollege und sehr potenter Konkurrent, an den wir schon einen Kunden unserer Company verloren haben; mein Urteil könnte also gar nicht unbeeinflusst sein. Und ich räume ein, er vermarktet sein Buch wirklich gut, meint sehr erfolgreich.
Da entsteht Auflage. Natürlich werde ich das Oeuvre nicht kaufen oder gar lesen. Zwei Gründe. Erstens ist der Typ nicht von überragendem öffentlichen Interesse. Zweitens stimmt der Titel des Buches nicht. Um das zu verstehen, werden wir kurz über Grammatik reden müssen. Es gibt beim Tempus einen wesentlichen Unterschied zwischen Zeitstufe (Gegenwart, Vergangenheit, Zukunft) und der Vorgangsart (abgeschlossen oder unabgeschlossen).
Das Buch hätte heißen können „Ich bin bei BILD gewesen“, weil die dortige Anstellung vergangen ist und zugleich (ein für alle Mal) vorbei. Es heißt aber „Ich war BILD“. Und das räumt zwar ein, dass es um einen Vorfall der Vergangenheit geht, der aber als nicht abgeschlossen gelten will. Darum Präteritum statt Perfekt oder Plusquamperfekt. Zudem die Personalisierung. Nachtigall, ich hör Dir trapsen.
Der Herr D. aus Potsdam wie Frau Merkel, um einen zweiten Fall zu nennen, sind „has-been-s“, wie das Englische korrekt und klug sagt. Perfekt, nicht Präteritum. Jemand, der (bei) etwas gewesen ist. Kapiert? Sie wollen aber post rem fortwährende Bedeutung. Vielleicht sogar posthum. Darin scheint mangelnde Demut auf. Deshalb sammelt Merkel zurzeit aller Orten alle möglichen Orden. Sie wollen als heldenhafte Untote in die Geschichtsbücher.
Man kann fortleben, und zwar in seinen Kindern. Wer keine hat oder diese ohne Not verstößt, versäumt diese Gnade des Lebens. Dem tragischen Helmut Kohl soll ein solches Unglück widerfahren sein. An dem reckt sich unser Autor hoch, dabei dessen Familie diskreditierend. Ach, wie klein.
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PÜNKTLICH.
Die Hallenuhr im Grandhotel an Edinburghs Hauptbahnhof geht fünf Minuten vor, damit man seinen Zug nicht verpasst. Das macht mich wahnsinnig; ich vergesse zuverlässig, ob sie nun vor oder nach geht. Im übrigen aus einer Zeit, da Pünktlichkeit und Bahn etwas miteinander zu tun hatten.
Der Engländer nennt es „in time“, also rechtzeitig, wenn man sein Ziel so erreicht, wie verabredet. Nun gelten insbesondere die Deutschen als pünktlich, was auf den unangenehmen Teil ihres Nationalcharakters einzahlt; sie gelten als Pedanten, denen solche Förmlichkeiten wichtig sind. Mir selbst ist vom Herrgott ein besonders großes Stück von diesem Kuchen zugeteilt worden: Ich bin immer zu früh. Und wer zu früh ist, ist eben auch unhöflich. Ich hasse es.
An der Uni gibt es einen Zusatz zum Termin, genau gesagt zwei: s.t. & c.t. für sine tempore und cum tempore, was Kirchenlatein ist und „ohne Zeit“ wie „mit Zeit“ meint. Im „akademischen Viertel“ verfügt man über 15 Minuten, die man den angebotenen Termin überschreiten kann. Oder eben nicht. Ich habe ein festes Meinungsbild von Studenten, die 16 Minuten nach Termin grußlos ins Seminar hasten und sich umständlich am Platz aus ihren Jacken schälen. Deren Hausarbeit lese ich immer.
Es entspricht für meine Begriffe nämlich einem tadellosen Benehmen zu einem geschäftlichen Termin fünf Minuten vor Termin zu erscheinen; bei akademischen c.t. zehn Minuten nach. So bleibt immer eine kurze, aber noch angemessene Zeit für die unvermeidlichen Umständlichkeiten. Anders bei privaten Einladungen; hier ist man fünf bis zehn Minuten zu spät, weil der Gastgeber nicht zu hetzen ist.
Meine Frau Mutter, die schon beim Gerechten weilt, wie Zaimoglu sagt, war, wenn sie ihre Kinder besuchte, immer eine halbe Stunde zu früh. Man war noch nicht angezogen, geschweige denn die Kinder, wenn sie, noch in Mantel und Hut, in die Küche vordrang, um Topfdeckel zu heben und das zu erkunden, von dem man ahnen konnte, dass es an nächsten Tag zu Verträglichkeitsproblemen bei ihr geführt haben werde. Sie konnte eine echte Nervensäge sein und würde es nicht schätzen, dass ich das hier erwähne.
Ein Freund erzählt mir von indischer Pünktlichkeit, die im Rahmen einer generellen Disziplinlosigkeit aberwitzige Ausmaße annehmen könne. Wenn ich im Süden Italiens wegen solcher geringfügigen Abweichungen auf die Uhr schaue, werde ich raunend Kartoffel genannt. Wie halten wir es also? Ich könnte meine Uhr fünf Minuten zurückstellen.