Logbuch
FÜRSORGE.
Nach der Entmündigung aus Gründen des Seuchenschutzes soll nun die fürsorgliche Lenkung in den Klimaschutz kommen. Karl Lauterbach läuft sich schon warm. Fürsorglich? In mir rumort es und es wird grundsätzlich.
Von der Fürsorge leben zu müssen, das war früher zwar keine Schmach, aber auch kein besonderer Stolz. Weil es erwartet wurde, dass man in Lohn und Brot stehen konnte. Und auf seine Erwerbstätigkeit mit Selbstbewusstsein schauen. Arbeit adelt. SÖLDNERSTOLZ. So bin ich erzogen. Bei uns war man fleißig. Und im Herzen ANTIAUTORITÄR. Man ließ sich nur ungern etwas sagen. Punkt.
Einen selbstverständlichen Anspruch auf Schutz haben Kinder. Man kann das Brutpflege nennen. Es ist aber mehr. Wir zeigen in der Fürsorge gegenüber Kindern unser MORALISCHE Grundausstattung. Deshalb gefällt mir der Begriff der Schutzbefohlenen. Ein moralischer Imperativ. Punkt.
Wenn ich aber, lieber VATER STAAT, meinen Unterhalt verdiene und erwachsen bin, dann hast Du Dein Recht verloren. Das gilt für den autoritären Vater, der mit einer Tracht Prügel droht, wie für den permissiven, der das Taschengeld kürzen will. Selbst mahnende Worte sind überflüssig. Ich meine, Stubenarrest haben wir alle ja jetzt lange genug gehabt.
Was für den PATER FAMILIAS gilt, gilt für Muttis gleichermaßen. Auch ein MATRIARCHAT ist Ausdruck einer autoritären Gesellschaft, die ich nicht will. EMANZIPATION heißt „aus der Hand nehmen“, aus der Hand der elterlichen Fürsorge, in die eigene. Nicht der Staat ernährt mich, sondern ich ihn. Meine Pubertät ist abgeschlossen. Selbst der Schulpflicht unterliege ich nicht mehr. Did I make myself clear?
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NACHRUHM.
Er war nur tausend Tage im Amt und ist doch der berühmteste amerikanische Präsident geworden. JFK, der katholische Ire John F. Kennedy. Ich bin ein Berliner. Lese gerade eine Besprechung des Tausendsten Buchs über ihn, in dem ein Historiker aufzeichnet, wie schmal die Bilanz dessen ist, was er wirklich zu Wege gebracht hat. JFK ist eine Legende des Nachruhms.
Helmut Kohl sagt man nach, dass er in die GESCHICHTSBÜCHER wollte; sein Abgang war eher schmählich. Gemeuchelt von Angela Merkel. Ob zu deren Ende der Himmel weint und die Engel singen, das haben wir noch nicht gehört. Ich habe Zweifel.
Wer wirklich etwas lernen will über Politik, der sollte nicht den Mythen des Erfolgs glauben, sondern sich die Gescheiterten ansehen. Jene Fälle, in denen noch nicht die PR die Geschichtsschreibung übernommen hat. NACHRUHM ist keine verlässliche Quelle.
Vollständig gescheitert ist der Versuch der saarländischen Ministerpräsidentin Annegret Kamp-Karrenbauer die Nachfolgerin von Angela Merkel zu werden. Jede einzelne Aktion ging in die Hose. Jede. Das ist lehrreich.
Und ich glaube, man sah ihr das an, wie sie in zu großen Schuhen zu laufen versuchte. Und stolperte und stolperte… So wie man Martin Schulz, oder hieß der Scholz, dem ehemaligen Granden des EU-Parlaments ansah, dass er als Kanzlerkandidat nur chargierte. Er ist schon vergessen, die Saarländerin wird es bald sein. Tragödien im Kleinen.
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TOD DER TUNKE.
Sahnesoße erschlägt alles. Ich bin geneigt, grundsätzlich zu werden. Dies wird vielleicht ein Aufruf zur Gründung einer LIGA. Ich würde dann Gesinnungsgenossinnen und Genossen suchen gegen den Genuss von SAUCE, auch Soße genannt oder Tunke. Die Verbreitung des Tunken-Unheils ist groß; in Asien auf Soja-Basis, in America oft als Tomatenzucker, genannt Catch Up. Curry in Indien, in Sahne. Auch die bei „Pommes Schranke“ notorische Mayonnaise gehört dazu. Und jene aus dem belegten Brötchen auf’s Hemd tropfende Remoulade. Der süße Sempf, der sich Senf schreibt. Man wird bei der Förderung dieses Anliegens einen mächtigen Gegner haben, nämlich HEINZ. Aber es ist die KRAFT-Anstrengung wert.
Gestern hatte ich, eigentlich ganz ordentlich, ein Rumpsteak mit Pifferlingen und Bratkartoffeln, aber unter einem halben Liter Sahne. RAHM ist sittenwidrig. Der kleine Salat dazu, der schwamm in JOGHURT, auch verzichtbar. Man nimmt Essig & Öl, und aus. Was die deutsche Werkskantine als braune Bratensoße („Demiglace“) ausgibt, ist bestenfalls belanglos, eigentlich aber Körperverletzung; gelegentlich von einem Jäger angereichert mit Pilzen, die einem Gummi aus dem Hause Haribo ähneln. Das Elend begann bei den Alten Römern mit GARUM, der unvermeidlichen Fischsauce. Dazu wurden ganze Fische in einer Salzlake wochenlang der Sonne ausgesetzt, bis die Eingeweide die Sardellen und Makrelen der FERMENTATION aussetzten. Stank bestialisch, war aber beliebt, weil es durstig machte.
Der Grillabend heutiger Zeit besteht aus angebranntem Fleisch und zehn Flaschen eines Salz und oder Pfeffer getränkten Sirups, das aus dem Fleisch faktisch ein Dessert macht. Pervers. Und Du kriegst das Mistzeug nicht mal raus aus diesen dämlichen Flaschen. Du kannst schütteln, Du kannst klopfen…
Überhaupt das Getue um die Tunke. Die Engländer haben auf jedem Tisch des FISH & CHIPS Essig stehen, na gut. Und etwas, das man als Insider vielleicht aussprechen, aber niemals fehlerfrei schreiben kann: WUSTER-Soße. Also, dieses „Worcestershiresauce“ von Lea & Perrins, da muss ein geheimes Gewürz drin sein für die notorisch miserable Küche. Und ich sage nur: Minzsauce zum Hammel! Am Ende ist aber alles wohl nur viel Zucker, viel Salz, viel Pfeffer und etwas so ekelhaftes wie FERMENTIERTES, zu deutsch verfault. Tod der Tunke! Das ist keine Kunst, das kann weg!
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PÜNKTLICH.
Die Hallenuhr im Grandhotel an Edinburghs Hauptbahnhof geht fünf Minuten vor, damit man seinen Zug nicht verpasst. Das macht mich wahnsinnig; ich vergesse zuverlässig, ob sie nun vor oder nach geht. Im übrigen aus einer Zeit, da Pünktlichkeit und Bahn etwas miteinander zu tun hatten.
Der Engländer nennt es „in time“, also rechtzeitig, wenn man sein Ziel so erreicht, wie verabredet. Nun gelten insbesondere die Deutschen als pünktlich, was auf den unangenehmen Teil ihres Nationalcharakters einzahlt; sie gelten als Pedanten, denen solche Förmlichkeiten wichtig sind. Mir selbst ist vom Herrgott ein besonders großes Stück von diesem Kuchen zugeteilt worden: Ich bin immer zu früh. Und wer zu früh ist, ist eben auch unhöflich. Ich hasse es.
An der Uni gibt es einen Zusatz zum Termin, genau gesagt zwei: s.t. & c.t. für sine tempore und cum tempore, was Kirchenlatein ist und „ohne Zeit“ wie „mit Zeit“ meint. Im „akademischen Viertel“ verfügt man über 15 Minuten, die man den angebotenen Termin überschreiten kann. Oder eben nicht. Ich habe ein festes Meinungsbild von Studenten, die 16 Minuten nach Termin grußlos ins Seminar hasten und sich umständlich am Platz aus ihren Jacken schälen. Deren Hausarbeit lese ich immer.
Es entspricht für meine Begriffe nämlich einem tadellosen Benehmen zu einem geschäftlichen Termin fünf Minuten vor Termin zu erscheinen; bei akademischen c.t. zehn Minuten nach. So bleibt immer eine kurze, aber noch angemessene Zeit für die unvermeidlichen Umständlichkeiten. Anders bei privaten Einladungen; hier ist man fünf bis zehn Minuten zu spät, weil der Gastgeber nicht zu hetzen ist.
Meine Frau Mutter, die schon beim Gerechten weilt, wie Zaimoglu sagt, war, wenn sie ihre Kinder besuchte, immer eine halbe Stunde zu früh. Man war noch nicht angezogen, geschweige denn die Kinder, wenn sie, noch in Mantel und Hut, in die Küche vordrang, um Topfdeckel zu heben und das zu erkunden, von dem man ahnen konnte, dass es an nächsten Tag zu Verträglichkeitsproblemen bei ihr geführt haben werde. Sie konnte eine echte Nervensäge sein und würde es nicht schätzen, dass ich das hier erwähne.
Ein Freund erzählt mir von indischer Pünktlichkeit, die im Rahmen einer generellen Disziplinlosigkeit aberwitzige Ausmaße annehmen könne. Wenn ich im Süden Italiens wegen solcher geringfügigen Abweichungen auf die Uhr schaue, werde ich raunend Kartoffel genannt. Wie halten wir es also? Ich könnte meine Uhr fünf Minuten zurückstellen.