Logbuch
EPITAPH.
Springer ist schlau. Bald schreibt ein Computer namens KI die BILD. Es ist wohl billiger, wenn Maschinen lügen, als wenn man dazu eigens gescheiterte Existenzen mit Schreibtischen und Koks versorgt. Der Fortschritt der Fake News.
Aus Hannover weht ein Streit in die Sozialen Medien, in dem sich längst pensionierte Journalisten gegenseitig die Ehre abschneiden. Ausgelöst durch einen Nachruf auf einen jüngst dort Verstorbenen. Zugegeben, der Epilog auf den Dahingeschiedenen schilderte ihn von seinen guten Seiten her. Er hatte auch andere. Aber das ist doch nicht Gegenstand von Gefallenenreden.
Es zeigt mir aber wieder, dass Eifersucht die Triebfeder der Journaille ist. Sie schreiben, weil sie was gelten wollen. Ohne diese Eitelkeit fehlte es ihnen am Elan. Im konkreten Fall geht es um die Binnenkonkurrenz zwischen einem Boulevardblatt und einer Tageszeitung der regionalen Abonnementpresse innerhalb eines Hannoveraner Verlages, nämlich Madsack. Bei Springer war das früher der Wettbewerb von rot und blau.
Ich will den geneigten Nachruf auf den Gefallenen mit einer weiteren Episode stützen. Axel hatte als Sitzredakteur eine Episode zu schreiben für die elende Kolumne „Heute vor 25 Jahren“, aber keine Lust eigens in den Keller zu kriechen, in dem damals noch die Archive schlummerten. Faul, aber frech, wie Axel war, dachte er sich eine Geschichte aus, wie sie vor einem Vierteljahrhundert im Blatt hätte stehen können. Mehr an profaner Wirklichkeit braucht ein guter Mann nicht.
Es ging dann in der Kolumne um einen kleinen Jungen, der das Leben eines Igels rettet, indem er ihn bei plötzlichem Wintereinbruch über die Straße trägt. Konnte eh keiner kontrollieren, es gab noch kein Internet. Die Ente erscheint und gegen Mittag klingelt es an der Redaktionstür. Ein Herr steht dort und bekennt: „Ich bin der kleine Junge, ich hab damals den Igel gerettet!“ Axel erzählte die Geschichte gern. Und schloss sie mit seiner Lebensweisheit: „Irgendwann wird alles wahr.“
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VOLKSWILLEN.
Wieder gibt es Stimmungen, die die Freiheit des Individuums durch den VOLKSWILLEN ersetzen wollen. Das hört man aus verschiedenen Lagern der Politik. Schon immer bei den roten Roten, jetzt auch im Grünen. Und bei den Braunen.
Die AfD hat angekündigt, einen Kanzlerkandidaten zu benennen und es setzt sofort ein Raunen ein. Wie immer springt der Rest der Republik über das Stöckchen, das die Braunen ihr hinhält. Die Wahlforscher begleiten das und bescheinigen den Braunen 20 Prozent; im Osten sind sie zum Teil stärkste Partei.
Zusammen mit den Schwarzen könnte es für einen Machtwechsel rechnerisch reichen. „Schwarzbraun ist die Haselnuss, schwarzbraun soll mein Madel sein“, so lautet das dazu passende Volkslied. Dass solche Weisen Nationalhymnen sein können, sieht man in anderen Ländern Europas. In Italien ist eine gelernte Anhängerin des Duce, Hitlers Kumpel und Erfinder der braunen Bewegung, amtierende Ministerpräsidentin. In Frankreich wartet Madame Marine Le Pen auf ihre Chance. Der Schoß ist fruchtbar noch…
Ich höre, während ich das notiere, das Raunen darüber, dass ich die Blauen, wie sie in Adolf Hitlers Heimat, in Österreich, genannt werden, die Braunen genannt habe. Das werde den Herrschaften mit der blauen Kornblume am Revers nicht gerecht. Da ist sie wieder, diese verdruckste Feigheit, das Kind beim Namen zu nennen. Genau dieses Tabu ist es, das der AfD Kräfte verleiht. Diese Zubilligung des Dämonischen und das Senken der Stimme machen den Teufel groß. Weil sich brave Seelen bei der Nennung seines Namens bekreuzigen, hat er Macht, der Pferdefuß.
Die Ankündigung des Friedrich Merz, die Stimmanteile der AfD zu halbieren, ist ein Treppenwitz angesichts seiner Bestrebungen deren Wähler bei deren Themen mit einer Salonversion der braunen Gesänge zu gewinnen. Dafür hat der Anstreicher aus Dresden nur ein feistes Lachen. „Fascho light“, das können die zwielichtigen Gestalten des Rechtspopulismus besser. Auch Hendrik Wüst, der Ideale Schwiegersohn aus Düsseldorf, viel gerühmt als JFK der Union, wird die braune Mobilisierung des Pöbels nicht weglächeln. Du hast die Haare schön, das reicht nicht.
Man wird bei den Braunen in den Parlamenten akzeptieren müssen, dass sie demokratisch gewählt sind; das ist das eine. Das andere ist, man wird sie stellen müssen, wo sie das nutzen, um Demokratie abzuschaffen. Demokratisch gewählt, aber keine Demokraten. Die Sozialdemokraten haben das historische Verdienst, als einzige Fraktion des Reichstages gegen das Ermächtigungsgesetz Hitlers gestimmt zu haben. Vielleicht könnten beim nächsten Versuch der Braunen auch die anderen Farben dagegen stimmen.
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ARSCHGEWEIH.
Die Nachtwache als Arschgeweih. Tätowierungen der Museumsbesucher, auch des unteren Rückens, mit Motiven des Hauses, das bietet das Rembrandt-Museum zu Amsterdam. Tattoo for you.
Ich bin ein Freund der Museumspädagogik. Das ist, wenn man eine Cafeteria betreibt, um Publikum anzulocken und für die Kunst zu gewinnen. Oder T-Shirts verkauft. Alles, was hilft. Den Vogel abgeschossen haben die Holländer jetzt mit der Tätowierstube im Museums-Shop zur Popularisierung Rembrandts. Was mich über "tribalism" nachdenken lässt, unsere Neigung, am menschlichen Körper Verunzierungen anzubringen, wie sie bei sogenannten primitiven Völkern gängig waren.
Da ist dann gleich die nächste Klippe. Ich kenne nicht die aktuelle anthropologische Diskussion, aber ich bezweifle, dass man indigene Völker noch als primitiv bezeichnen darf. Dass hat ja schon etwas Wertendes, wenn der weiße Mann in Khaki-Uniform, Modell Hercule Poirot, durch den Urwald schreitet und sich an exotischen Stämmen ergötzt. Hagenbeck soll sie in Hamburg dann im Zoo ausgestellt haben.
Kulturelle Aneignungen also. Was aber ist die Bedeutung der Verunzierung einer Mädchenlippe durch einen Draht? Des Nasenrings? Oder der Tunnel in den Ohrläppchen? Oder des chinesischen Schriftzeichens auf dem Unterschenkel? Ich will es erst gar nicht wissen. Allerdings gibt es interessante Varianten. Das Knast-Tattoo zum Beispiel. Die Mörder-Träne. Oder die Embleme des trunkenen Seemanns. In Duisburg-Ruhrort soll es noch vor Jahren einen Fachmann gegeben haben, der die ganz ungelenke Art beherrschte; deshalb eine Attraktion. Amy Winehouse hatte so was.
Wenn der Körper der Tempel der Seele ist, dann dürfte er ohne Unterhautbemalung zurechtkommen. Aber das ist ein Dünkel; vorkritisch. Dazu sollte sich nämlich nicht abfällig äußern, wer Kleiderordnungen fordert und selbst Blumen am Revers trägt.
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PERMAFROST.
Ich lese über die Künstliche Kryosphäre. Das ist, wo immer kalt, also wie wo die Iglo-Sachen verrotten, die irgendwann gekauft, in den Tiefen der Truhe vergessen, eines fernen Tages mit dem Fön vom ewigen Eis befreit werden müssen. Der Soziologe Tassos Stassopoulos bestimmt anhand des Gefrierinventars den Grad der Kultur. Auch ein Ansatz.
Die frühen fünfziger Jahre des vorigen Jahrhunderts sind durch zwei bemerkenswerte Ereignisse gekennzeichnet, die Erfindung der Fischstäbchen und meine Geburt, übrigens auf einem Küchentisch unter Assistenz einer Hebamme und eines Knappschaftsarztes. Dazu war die Küche da. Zunächst also dazu, dann der Entwicklung von, wie es im Englischen heißt, fish finger.
Wurden über Jahrhunderte Ortschaften nach der Anzahl der Feuerstellen eingeschätzt, die der Raumheizung wie dem Kochen dienten, so ist es vor siebzig Jahren ein anderer Trend, der den Grad der kulinarischen Kultur ausmacht. Immer mehr werden zur obligatorischen Ausstattung weiße Boxen, die die Temperatur nicht erhöhen, sondern senken. Kühl- und später auch Gefrierschränke ziehen ein. Mag früher eigener Herd Goldes wert gewesen sein, jetzt sind es „fridge & freeze“, in dem die Finger vom Fisch und die Tiefkühlpizza schlummern. Nichts zeigt mehr, wie malade die Moderne ist, als die gefrorene Mafiatorte.
Was hat man früher nicht alles anstellen müssen, um die vermaledeiten Lebensmittel am Verrotten zu hindern, salzen, räuchern, fermentieren, trocknen; und oft blieb nur ein Schatten ihrer selbst. Das Heil kommt mit dem amerikanischen Lebensstil; 1952 hatten 65% aller US-Haushalte schon einen elektrischen Kühlschrank, in England keine 10%. Aus den verstreuten weißen Boxen werden regelrechte Kühlketten, die heute verdeckt, aber wirkmächtig die Kulturnationen wie Lebensadern durchziehen, so bessergestellt. Man nimmt nicht mehr das Huhn lebend mit nach Hause, wenn es frisch sein soll, und köpft es erst dann.
Es könnte sein, dass die Trendwende von der Erwärmung zur Kühlung bald auch die Temperierung der Wohnräume, nicht nur die Nahrungszubereitung erreicht. Wie ist das eigentlich, kann die von Herrn Habeck und seinen Trauzeugen so erfolgreich eingeführte Wärmepumpe auch kühlen? Ich meine, ist das eine veritable Klimaanlage? Dann würde ich über eine Anschaffung nachdenken. Damit nicht nur der Fisch sommers kalte Finger kriegt. Und ich derart wohltemperiert von Doktor Oetker die Vier Jahreszeiten.