Logbuch

SIEGERLOGIK, FÜR VERLIERER.

Geschichtsklitterung nennt man das vorsätzliche Lügen mit historischen Argumenten. Ich erlebe es, während ich der NEUEN RECHTEN in Frankreich zuhören muss. Widerwillig. Widerlich.

Im Zug nach Marseille werde ich unfreiwillig Zeuge eines Gesprächs, dessen Zuspitzung ich nicht glauben kann. Mein Französisch ist nicht gut genug, um alles genau zu verstehen. Es wird ein Politiker gelobt, der gegen eine islamistische Überfremdung Frankreichs hetzt; er meint damit seine muslimischen Mitbürger überhaupt, vermute ich. Dazu habe Frankreich das letzte Wort noch nicht gesagt. Welch ein Spruch!

Das ist unverhohlen eine Drohung. Man kennt das von den NEUEN RECHTEN in Deutschland, die so neu nicht sind. Oder aus Österreich. Ungarn. Dito. Jetzt aber das sensationelle Argument: Man könne gegen die fremdenfeindliche Hetze wenig sagen, weil der Herr, der da den Nazi-Jargon pflege, selbst Jude sei. Es verschlägt mir den Atem. Ich werde mir das Zuhause mal anschauen müssen.

Es werden aus dessen Propaganda Geschichtsklitterungen zitiert, die zu widerlegen, hier zu weit führen würde. Man bezweifelt, dass DREYFUSS unschuldig war… Oder die Kollaboration während der deutschen Besetzung im Zweiten Weltkrieg und die Unterstützung beim Holocaust. NEUE RECHTE. Man will, das ist das wahre Motiv, an die Macht, indem man den ewigen Verlierern verspricht, jetzt mal Sieger sein zu dürfen. Zum Beispiel über die Fremden, die angeblich gerade überfremden. Historisch ein originär faschistisches Kalkül.

Übrigens auch ein Kalkül, das Boris Johnson und Donald Trump bedient haben, die man aber nicht mit solchen Vokabeln belegen sollte. Über den französischen Rechtsradikalen will ich das, so zwinge ich mich, auch unterlassen. Zum Glück muss ich im Zug schweigen, da mein Französisch zum Streiten nicht reicht. Aber es fällt schwer. Man möchte seine Stimme erheben.

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PERSPEKTIVE.

Die Gastarbeiter, die vor 60 Jahren aus Italien nach Deutschland kamen, sollten ein, zwei Jahre bleiben und dann in ihre Heimat zurück. Man dachte an ein rollierendes Verfahren. Das kam anders.

In Wolfsburg steht vor dem Bahnhof das Denkmal eines AUSWANDERERS von süditalienischer Statur, ein Köfferchen an der Hand. Der Titel des EMIGRANTEN stammt vom dem italienischen Künstler, der es geschaffen hat. Für ihn erzählt es von der Saisonarbeit, die ein Leben lang anhielt, von der ZUWANDERUNG. Kleine Feier zum Jahrestag.

Ich werde vorher Zeuge, wie ein angetrunkener NIEDERSACHSE niederer Bildung und niederer Gesinnung den Titel des Denkmals gänzlich falsch versteht: „Dann soll er doch auswandern!“ AfD-Jargon. Die Dorfdeppen kennen nur eine Perspektive, ihre. Was sie politisch gefährlich macht, ist, dass sie zunehmend das Gefühl haben, keine Perspektive mehr zu haben. VERÄNDERUNGSVERLIERER.

Es redet zur Feier dann die Tochter eines jener EINWANDERER, die inzwischen Gesamtbetriebsratsvorsitzende ist. Eine couragierte und kluge Frau. Und sie begrüßt jene der Anwesenden, die hier vor 60 Jahren gelandet sind, auf Italienisch mit LIEBE LANDSLEUTE. Tränen der Rührung. Ein rollierendes Verfahren ganz anderer Art: der soziale Aufstieg. Gefällt mir.

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VERGÖTTERT.

Als die zivilisierten Weltentdecker bei den primitiven Völkern landeten und deren Gebiete besetzten, glaubte die Wilden, sie hätten Götter vor sich. Darüber amüsierten sich Christoph Columbus und Marco Polo. Ganz nett, aber doof, diese Indigenen, war ihr Eindruck.

Wie konnte Columbus das wissen? Er beherrschte die Sprache der Wilden nicht. Vielleicht missdeutete er deren Freundlichkeit, während er sie mit läppischen Glasperlen und tödlichen Viren versah. Die katholischen Eroberer im Namen der spanischen Krone haben sich den Quatsch nur ausgedacht, vermute ich, weil sie ihren Herrschaftsanspruch im Namen von Kirche und Krone rechtfertigen wollten. Während die Missionare den Blick der Eingeborenen gen Himmel richteten, raubten die Truppen deren Häuser und die Böden aus. Glücklich, wer nicht auf einem Sklavenschiff endete.

Dass man Herrschaft dadurch rechtfertigen wollte, dass man sich göttlichen Ursprungs wähnte, war im Alten Rom nichts ungewöhnliches. Cicero vergötterte seine Tochter Tullia. Hadrian wollte seine Ehefrau und die Schwiegermutter aus dem Himmel stammend gewürdigt wissen; und seinen Geliebten, einen griechischen Knaben namens Antinous. Zustände, unglaublich. Diese Vergöttlichungen, Apotheosen genannt, stammten von den Alten Griechen, wo ohnehin alles durcheinander ging: Götter beschliefen, was immer ihnen unter die Hüften kam. Also bitte keinen Hohn über die Indigenen, die die Portugiesen für himmlischen Ursprungs hielten. Oder sie damit verarschten. Auch eine mögliche Variante.

Mahatma („große Seele“) Ghandi betonte immer wieder, schon in den früher 1920er Jahren, er sei gar kein Heiliger, sondern nur ein Mensch. Man möge seine Füße berühren. Mit dem Trick hat er am Ende die Engländer entmachtet. „He that humbleth himself, shall be exalted!“ (Wer sich selbst erniedrigt, wird erhöht werden.) Man kann aus dem göttlichen Charisma kein Stigma machen. Menschen, die sich zu Göttern erheben.

Ohnehin wäre ich vorsichtig mit hohen Tönen bei Apotheosen. Wenn ich das richtig sehe, hat unserer Religionsstifter seinerzeit auch behauptet, göttlichen Ursprungs zu sein; sogar der Sohn des Alten.

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DER SUGAR DADDY.

Verrat ist ein böses Wort, aber formuliert jene Bitterkeit konservativer Wähler, die von den Christlichen wenigstens Solidität erwartet haben. Zumindest im kleinbürgerlichen Sinne, etwa der berühmten schwäbischen Hausfrau. Versprochen & gebrochen. Denn nun wachen die Bürgerlichen im Wahlvolk auf in Orgien der exzessiven Verschuldung, auch, so ihr Gefühl, zugunsten der Roten und der Grünen. Der Möchte-gern-Kanzler schreibt den gescheiterten Zeitgeist auch noch in der Verfassung. Dadurch haben die allseits buhlenden Schwarzen weitere Wählerkontingente an die Blauen abgegeben. Die AfD wird bei der nächsten Wahl ein Viertel holen, wenn nicht ein Drittel. Danke, Fritz!

Für das Rollenmodell des künftigen Kanzlers gibt es ein Wort, einen Fachbegriff, leider aus der Halbwelt. Dort nennt man den älteren Herren, der bei den leichteren Mädchen die Scheckkarten sprechen lässt, Zuckerpapa. Das väterliche Moment meint den deutlichen Altersunterschied, der süße jene sanfte Form der Ware Liebe, die allerdings mit Prostitution unzutreffend beschrieben wäre. Der Sugar Daddy kriegt nämlich nicht, wofür er zahlt, nur die Illusion dessen. Friedrich Merz lässt trotzdem die Puppen tanzen, als gäbe es kein Morgen; Milliarden hier, Milliarden dort. Geld kann man ja drucken.

Wenn es dabei um ein kleines Vermögen aus dem Sauerland ginge, sein eigenes, dass im Tanztee unter die Leute soll, wäre gegen die Großmannssucht wenig zu sagen. Der Spendable nimmt aber Schulden auf, für die wir Bürger bürgen und mittels Inflation aufkommen werden. Der lustige Leutnant verjubelt Wechsel, die auf die Zukunft unserer Enkel ausgestellt sind. Grotesk wird die Freigiebigkeit unseres Sugar Daddys dadurch, dass nicht nur seine Koalitionsmätressen zulangen dürfen, sondern auch die koketten Damen und Herren der Opposition. Wenn Fritze freigiebig ist, dürfen alle Puppen tanzen, auch die abgewählten.

Der nächste Herr, die gleichen Damen. Es geht ja um die Sache. So entsteht Kontinuität auf dem Ball der einsamen Herzen, den wir Parlament nennen. Eine Weinkönigin als Präsidentin passt dazu allemal.