Logbuch
DER VERSCHOLLENE.
Ein Sachbearbeiter der Versicherungsgesellschaft zu Prag steht eines Abends vom Abendbrottisch auf, wortlos seine Frau und die Kinder zurücklassend, wirft sich den Mantel über den Arm, und ist zwanzig Jahre verschwunden, ohne jedes Lebenszeichen. Als er wiederkehrt, der Schlüssel passt noch, setzt er sich an den Tisch, seine Frau legt noch ein Gedeck auf, und man isst wortlos zu Abend. Auch die zwischenzeitlich herangewachsenen Kinder fragen nichts. Man geht zu Bett.
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DIE AMPEL KOMMT.
MIT KRÖNCHEN.
Ich lege mich jetzt mal fest. Die nächste BUNDESREGIERUNG wird eine AMPEL. Wir kriegen Rot/Gelb/Grün. Daran schmieden gerade die Hinterzimmer in Berlin. Der Grund: Alle großen Parteien bringen es nur noch auf ein Fünftel, sprich jeweils höchstens zwanzig Prozent.
Die Schwarzen fallen nach Angela Merkel von einem Drittel runter. Die Roten packen es nicht mehr bis zu einem Drittel wie noch unter Gerd Schröder. Die Grünen haben das Drittel wg Annalena Bärbock und ihres Kobolds verspielt. Zudem keine Koalition mit der Links-Partei oder der AfD, also bleibt nur noch ein Dreierbündnis. Sprich: Ampel. Nennt sich „Wahlmathematik“.
Das Olaf-Scholz-Kalkül, ich korrigiere mich, war richtig. Mein Spott über den SCHOLZOMATEN war unangenessen; das muss ich einräumen. Das ist die Situation: Die Union hat keine Führung mehr, hinter der sie ein Drittel oder gar die Hälfte der Wähler sammeln könnte. Scholz (SPD) wird KANZLER. Lindner (FDP) Vizekanzler; er kriegt FINANZEN. Und Habeck (GRÜNE) nimmt die aufgewertete UMWELT. Eine perfekte Ampel: diese drei können es eben auch als Person.
Auf dieses Dreigestirn muss aber noch ein Krönchen, mit dem eine gefallene Prinzessin belohnt wird. Da ist noch die inzwischen notorisch versteckte Kanzlerkandidatin der Ökos. Hochgestapelt, tiefgefallen. Nun, Frau Baerbock löst Frank-Walter Steinmeier im Bundespräsidialamt ab. Das war sein KALKÜL. Er hat der SPD mit seinem Wunsch nach einer zweiten Amtszeit ein Krönchen geschenkt, das man jetzt der gefallenen Prinzessin aufsetzen kann. Steinmeier verzichtet. Frau Bärbock wird unter der Ampel von Scholz/Lindner/Habeck als neue Bundespräsidentin die Erste Frau im Staate.
Dieser Versuchung als STAATSOBERHAUPT eine grüne (!) Frau (!) zu haben, wird die Eitelkeit der Ökos nicht widerstehen; die machen das. Ohnehin stand die Kandidatin „aus dem Völkerrecht“ schon mit beiden Beinen im Himmel, war also im Konkreten für die Praxis der Galaxis zuständig. Weiter so!
Damit habe ich mich festgelegt. Und erwarte nun, wie jeder gute Kolumnist, dass sich das Leben an meine Meinung hält.
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DIE BAHN - EIN SELBSTMORD IN RATEN.
Schlecht gestellt ist es um Dich, wenn Du beginnst, selbst Deine Freunde so zu verärgern, dass sie Gegner werden, schließlich gar Feinde. Diesen Selbstmord auf Raten begeht gerade die Bahn. Das schreibe ich, bevor ich gleich eine Autofahrt über 600 km beginne, hin und rück 1200km. Highway man. Notgedrungen.
Die Bahn ist in öffentlicher Hand, weil Staatsunternehmen. Und sie ist in schlechten Händen, weil lausig geführt. Jüngst legt ein Streik einer Mini-Gewerkschaft ohne angemessene Ankündigung Güter- und Personenverkehr lahm und der amtierende Personalvorstand tut so, als sei das wie ein Unwetter über ihn gekommen. Es ist die Aufgabe eines Arbeitsdirektors solche Streiks zu verhindern. Dafür wird er bezahlt, und zwar gut. Dies ist keine Naturkatastrophe, sondern eine des Managements.
Ich höre viele Stimmen enttäuschter Kunden. In „normalen“ Unternehmen nimmt man das ernst („voice of the angry customer“). In dem Staatskonzern kümmert das in Wirklichkeit keine Sau. Man habe es halt mit einer QUERULANTISCHEN KLIENTEL zu tun, höre ich im Bahntower zu Berlin aus berufenem Mund. Auch die Presse, jedenfalls das MANAGER MAGAZIN, gehöre zu den lästigen Kohorten der ewig Undankbaren. Darauf reagiert man autoritär mit KAMPFANSAGEN. Der Kunde irrt, zu dieser Paradoxie hat man sich verstiegen. Verdacht: In diesem Bahn-Vorstand stimmt die ganze Einstellung nicht.
Meine Verärgerung fing jüngst damit an, dass man bei Verspätung vor Erreichen des Reiseziels irgendwo in der Pampa abgeworfen wird, damit der verspätete Zug zurückkönne und pünktlich zur nächsten Fahrt sei. So stehst Du mit dummem Gesicht in Augsburg statt in München. Dann dass man mich als Kunden in den Sozialen Medien gegen meinen Willen duzt; auch ein klares Zeichen mangelnden Respekts. Dazu kommt jüngst ein Berliner Soziolekt, den ich die BVG-Pampigkeit nenne, weil das örtliche Nahverkehrsunternehmen damit begonnen hat. Rhetorische Übergriffigkeit als Prinzip. Keine Peinlichkeit wird ausgelassen. Ghetto-Charme als Stil des Hauses. Frech im Ton, nachlässig in der Sache, das Geschäft gemächlich im Behördentrott, im Zweifel autoritär gegen den Kunden.
Und nun zu den Preisen. Was bekomme ich für mein Geld? Nun, die BahnCard 100, die ich einst abonniert hatte, lag nicht weit unter 7000€ im Jahr. Für die Hälfte kann man fliegen. Oder ein Drittel. Da kommt man am Ziel an; man wird zudem gesiezt und mit Respekt behandelt, jedenfalls bei den Linien. Große weite Welt statt Ghetto-Charme. Na ja, wenigstens früher und wenn man nicht mit dem irischen Billigflieger reiste. Ökologisch Irrsinn. Fazit? Man wirft mich auf den PKW zurück. Die Bahn wird zur AUTO-LOBBY. Eine Groteske.
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ECCE HOMO.
Auf einem Flohmarkt durchblättere ich einen noch ganz frischen Ausstellungskatalog einer Caravaggio-Geschichte in Madrid und versäume es, das Ding mitzunehmen, weil ich es nicht am Flugplatz durch die Sicherheit schleppen will; nun hängt es mir nach. Der Titel zeigt eine Ecce-Homo-Szene, wie sie im christlichen Mittelalter beliebt war, ein zentraler Moment der Passion.
Wir sehen den blutigen Nazarener mit einer Dornenkrone und in ein purpurnes Tuch gehüllt; die Verhöhnung des Märtyrers als König der Juden, in dem Moment da der Statthalter Roms ihn der rachsüchtigen jüdischen Menge präsentiert. Man weiß, wie das ausgeht. Jetzt aber sagt der Römer: „Hier ist der Kerl!“ Im Griechen nennt er ihn einen Menschen; die lateinische Vulgata macht aus dem Anthrops einen Homo und man weiß nicht so genau, ob Pontius Pilatus einen Ton des Mitleids mitschwingen ließ, als er „ecce homo!“ ausrief.
Der unsägliche Friedrich Nietzsche hat die Unverschämtheit besessen, seine Autobiographie so zu nennen. Überhaupt war der Umgang von Atheisten wie der der Christenheit selbst mit dem Leiden ihres Heilands oft sehr unvermittelt. So hat man die Szene etwa genutzt, um Antisemitismus gegen die Hohen Priester und Juden überhaupt zu schüren (und die eigenen Hände in Unschuld zu waschen, wie schon der einschlägige Römer, der den König der Juden ans Kreuz schlagen ließ).
Das Bild Caravaggios aber verschlägt einem den Atem. Er malt nicht das Leiden des Herrn in der Verhöhnung. Er malt auch nicht die böswilligen Spötter, die den Dornengekrönten einen Königsmantel überwerfen. Caravaggio malt sich selbst, wie der eben diese Passion malt. Glatt die Hälfte des Bildes zeigt ihn, den Maler bei der Arbeit. Er dreht sein Gesicht über die Schulter in die Kamera; den Malstock haltend, beide Hände hebend. Jesus in der Mitte, eher im Hintergrund. Man wäre vorsichtiger im Urteil, wäre die Kunstgeschichte nicht voll von solchen Dreistigkeiten; etwa der Eitelkeit der Stifter bis ins Gotteslästerliche folgend.
Caravaggio feiert sich als künstlerischer Schöpfer. Er selbst ist der Mensch, auf den gewiesen wird. Ecce homo. Das ist dreist. Schade, dass ich den Katalog nicht mitgenommen habe. Jetzt komme ich nicht aus dem Grübeln, wie weit Eigen-PR gehen kann.