Logbuch
KANN DAS WEG?
Geschichte sollte man nicht tilgen wollen. Insbesondere, wenn sie ungeheuerlich erscheint, verdient sie das WIEDERERZÄHLEN. Unrecht, das zu verschweigen ist, verlängert sich. Und jeder darf dabei mit reden. Buchstäblich jeder. Kern der AUFKLÄRUNG.
In Tallinn, Estland, spricht mich nach einem Vortrag ein Herr an, der zur COMPAGNIE DER SCHWARZEN HÄUPTER zählt, eine bürgerliche Gesellschaft seit Mitte des 14. Jahrhunderts. Die mit dem Silberschatz. Ob ich an einem Dinner seiner Kollegen in Riga interessiert sei. Das ist zwar ein Staat weiter, aber mit dem Auto in vier Stunden zu schaffen. Ich fahre also nach Lettland.
Noch in der Abenddämmerung das SCHWARZHÄUPTERHAUS in der wunderbaren Altstadt. Vor 500 Jahren in der mittlerweile 800 Jahre alten Stadt von der Hanse gebaut, dann 1941 den Hitlertruppen zerschossen und schließlich unter russischer Ägide zerfallen, jetzt aber wieder in alter Pracht. Die Hanse baute sich im 14. /15. Jahrhundert an ihren Stapelplätzen solchen Stätten für ihre Feste, gänzlich unbescheiden ARTUSHÖFE genannt.
Warum im Wappen der Schwarzhäupter (welch ein Name) der stilisierte „Mohrenkopf“ (vergleichbar Magdeburg oder Coburg)? Man habe sich St. Mauritius zum Schutzheiligen erwählt, lautet die Antwort. Und der werde über einen Mohrenkopf symbolisiert. Nun ja. So hysterisch die aktuelle Kritik an der Mohren-Ikonographie sein mag, so irritiert darf man schon über den massiven EXOTISMUS vor einem halben Jahrtausend bei den „ledigen Kaufmännern“ sein, die die COMPAGNIE bildeten. Bremischen Ursprungs. Die Fischköppe.
Auf der anderen Seite: vorher hatten sie den Heiligen Georg als Schutzheiligen, die Bengels von der Gilde. Ein Drachentöter zu Pferde mit Lanze im Rachen einer feuerspuckenden Exe, das ist auch nicht frei von Exotischem.
Wie man mit Geschichte angemessen umgeht, wenn man sie nicht schlicht vernichten will? Die Letten haben ein russisches Revolutionsmuseum (potthässlich, am Strelnieku laukums) in ein OKKUPATIONSMUSEUM umgewidmet. Es zeigt nun die Traumata der deutschen und der russischen Besatzung. Auch die der schwedischen? Aber die Vikinger, die kommen ja immer besser weg. Der Geier weiß, wieso.
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DEMENTI-FALLE.
Die Balten hassen die Russen mehr als es unsere kosmopolitischen Seelen ertragen. Sie mögen die Nachbarn zur anderen Seite, die Finnen aber auch nicht, weil die so was Schwedisches haben. Beherrschungsfolgen.
Episode im estnischen Reval, heute Tallinn genannt. Sehe mich im Hotel um, während ich auf meinen Freund warte. Im obersten Stock des Hotel Viru in der Viru Väkjak hatte der KGB früher ein geheimes Büro, nahe seiner dortigen Abhöreinrichtungen an Tisch und Bett. Auf der Zugangstür steht noch immer ein sorgsam gemaltes Schild mit einer Aufschrift in Estnisch und in Russisch. Ich lasse es mir übersetzen. Dort wurde verkündet: „Hier ist nichts!“
Tjo. Wo ich früher noch russischen Wodka kriegte, der MOSKWA-Bar, heißt der Laden jetzt WABADUS (Vabaduse Väljak), das estnische Wort für „Freiheit“, und es gibt Cocktails. Selbst die mit roter Beete. Die unvermeidliche rote Rübe. Das müssen die Russen aus Rache nachgelassen haben, die Vorliebe für Rote Beete. Nicht nur im Borschtsch, auch im Sling. Nachwehen im Land der Sänger.
Kommunismus ist Kohlsuppe und Elektrizität; ich glaube, das ist von Lenin. Lenin ist übrigens das historische Exempel dafür, dass auf die BAHN kein Verlass ist. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.
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CHARISMA, FEHLENDES.
So wird also Frank-Walter Steinmeier wieder unser STAATSOBERHAUPT. Ein Kaiser in bürgerlichen Zeiten. Ein langweiliger Mann, ohne jedes Charisma. Gut so.
Unser Staatsoberhaupt ist ein dramatisch schlechter Redner. Selbst halbwegs anständige Redetexte, die ihm sein beachtliches Team verfasst hat, weiß er zu Brei zu verarbeiten. Der Mann hat keine Ausstrahlung, jedenfalls nicht in dem Sinne, in dem man von CHARISMA, einer geradezu göttlichen Gabe spricht. Ich höre in Berlin oft das Attribut "bräsig", ohne so genau zu wissen, was das ist. Ich vermute, eine Form von INDOLENZ.
Was ist mit dem Gegenteil der göttlichen Gabe, mit dem Gegenteil von Charisma? Nämlich dem STIGMA? Damit meint man die Kainszeichen, die manche mit sich tragen. Haftet ihm etwas an, dass uns warnt oder warnen sollte? Nein. Der Mann ist normal. Er hat kein Stigma, er hat kein Charisma. Ich kenne ihn jetzt gut dreißig Jahre; sehe ihn, mal näher, mal ferner, insgesamt aus mittlerem Abstand. Ich schätze ihn. Viele Dinge sind mir sympathisch. Seine Herkunft aus dem Lippischen etwa und aus einfachen Verhältnissen. Sein Fleiß. Seine Treue. Seine sozialdemokratische Prägung.
Was begeistert mich davon? Beglückt mich? Könnte mich in die Verzückung treiben? Was macht mich zum Fan? Nun, eigentlich nichts. Dieses STAASOBERHAUPT ist nüchtern. Nicht nur, was Drogen angeht. Er wirkt uneitel und schmerzfrei und stets in allem nüchtern. NOTORISCH NÜCHTERN. Ob ich ihm vertraue? Ich vertraue keinem Politiker. Einer meiner ganz festen Grundsätze. Bei Steinmeier bin ich aber gelegentlich versucht dagegen zu verstoßen. Eigentlich ein anständiger Kerl.
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GOVERNMENT ISSUE.
Die Kavallerie hat, hoch zu Ross aufgewachsen, ihre Pferde nicht freiwillig abgegeben. Wer will sich schon in diese rollenden Konservendosen namens Panzer zwingen lassen. Die stolzen Seelords der Armada haben nicht nach Dampfschiffen aus Stahl gerufen. Und man erzählt mir aus der Luftwaffe, dass die neuen unbemannten Drohnen nicht sehr beliebt sind. Der Baron von Richthofen will noch immer in sein Cockpit.
Mein Verdacht als Zivilist ist, dass man die Aufrüstung nicht den Militärs überlassen kann. Sie sind nicht die bösen Buben, die wir bräuchten, sondern brave Beamte. Das Beschaffungsamt der Bundeswehr in Koblenz sei ein bürokratischer Orkus. Das lese ich auch aus den USA, wo bisher der Takt vorgegeben wird, was zur Waffe taugt. Die G.I. selbst seien zu doof für Cyber War; da müsse die Industrie selbst ran. Ich bin in der Frage schon als Student verdorben worden. Ich habe in Bochum Friedrich Kittler gehört, den großen Apodiktiker. Dem war vieles eine Waffe, was naiv als Instrument erscheint. Radio, UKW, Radar, Rock: alles Kinder des Krieges.
Das gilt für das Internet dann allemal. Selbstfahrende Autos und Raketen zum Mars riechen allerdings auch danach, wenn man den Geruch einmal in der Nase hat. Das amerikanische Militär war immer schon ein sehr beliebter Auftraggeber der kalifornischen Wunderknaben. Oder umgekehrt. Die heutige zivile Vergnügungsnutzung der Halbleiter jedenfalls ist nur ein Abfallprodukt.
Die Bundeswehr soll mittlerweile kein Liquiditätsproblem mehr haben; geblieben ist die geistige Armut. Es riecht in den Kasernen nach Pulverdampf wie aus Opas Karabiner. Was sind die Waffen der Zukunft und wie führe ich die mit den Trotteln der Vergangenheit? Wie kann es sein, dass schon jetzt Italien drei Flugzeugträger hat und wir keinen? Werden wir künftige U-Boote statt mit Diesel auf Batterie betreiben? Kriegt das Generalkommando neue Dienst-Nokias? Legt die Telekom Glasfaser sogar bis in Kasernen?
Ich fand schon immer, dass der Krieg eine zu ernste Sache sei, um ihn den Militärs zu überlassen. Das gilt allerdings wohl schon für die Aufrüstung selbst. Mein Vorschlag: Wir nehmen das abgelegte amerikanische Equipment der letzten Generation komplett. Das hat das alte Rom mit seinen Vasallen auch so gehalten. Es gab römische Sandalen auch für germanische Treter. Deren Nägel findet man in Gräbern bis heute.