Logbuch

LESERIN.

Historische Logbücher künden von Weltreisen. Columbus entdeckt in der Weite des Raums Amerika; so was in der Art. Es rührt aber auch Beiläufiges aus den engen Gassen. So gestern.

Auf dem Weg ins Bürgerbüro der Kommunalverwaltung, mein Reisepass ist abgelaufen, grüßt mich freundlich eine Mitbürgerin, mit der ich früher oft beim gleichen Italiener zu Gast war. Lange nicht gesehen. Sie ruft mir zu, dass sie meine Berichte im Logbuch gerne lese. Ich bin erfreut. Eine Leserin!

Diese Hochwertvokabel beseelt alle armen Poeten. Es ist der Gedanke, dass da draußen in der banalen Welt ein paar edle Seelen hausen, die etwas darauf geben, was man zu Papier bringt. Das ist die Eitelkeit der Aufklärung, von der schon Immanuel Kant erzählt. Er unterscheidet zwischen dem Privaten (meint: Privatwirtschaftlichem), wo jeder seiner Gemeinde und sich selbst dienen möge. Und dem Öffentlichen, wo er sich dem Urteil seiner Leser zu stellen habe, also der Vernunft. Kant kannte also beides, leidige PR und wirkliche Literatur.

Zu der imaginären Verpflichtung gegenüber seiner Leserschaft empfindet der Literat eine tiefe Selbstüberschätzung seiner Wirkung. „Wenn ich zu Tinte und Papier greife“, heißt es bei Lichtenberg, „möge das Leben sich in Acht nehmen.“ Der Schreiberling fühlt sich als Weltenrichter. Er kann zu allem etwas sagen. Immer ein Urteil zur Hand.

Damit ist es so ähnlich wie mit meinem neuen Reisepass. Ich weiß gar nicht, ob ich überhaupt einen brauche. Ich könnte damit aber die Welt bereisen. Der Gedanke beseelt, auch wenn man nur auf dem Dorfe hockt oder im Kiez. Weltenbürger zu sein, das ist eine Angelegenheit des Herzens.

Logbuch

ERMUNTERUNG.

Ich habe in industriellen Zusammenhängen die italienische Migration erlebt, die polnische, die türkische, selbst aus einer ostpreußischen Migration stammend. Das waren schwere Schicksale und glückliche Ausgänge. Das Revier, wie wir sagen, als „melting pot“; jedenfalls im Rückblick eine gelingende Nachbarschaft. Unterschiedliche Religion spielte eine Rolle, eine kleine, als Mentalität. Mehr nicht.

Ich treffe einen Dortmunder Sozialarbeiter palästinensischer Herkunft und langer Erfahrung in der Organisation von Zuwanderung. Wir mochten uns schon immer. Ich frage ihn, wo der Ärger der letzten Jahre herkomme. Er sagt: „Duldung!“ Und grinst breit. Ich falle da nicht drauf rein und frage ihn als Studentierten, den Soziologen. Geht’s auch empirisch?

Es geht, findet er, auch präzise. Er sagt: „Gewaltsozialisierte ledige junge Männer arabischer und nordafrikanischer Herkunft und islamischer Mentalität aus kommerziellen Verschleppungen.“ Da sind Angaben zum Lebensalter, zum Geschlecht, dem Familienstand, den Fluchtumständen, der Erziehung, der Region, ja, und dann auch der Religion.

Diese Beschreibung ist der Versuch, ein Vorurteil aufzulösen und sich den wirklichen Ursachen einer wirklich prekären Lebenssituation zu nähern; möglichst allen. Wenn das zu Unduldsamkeit führt, wird man es im Zugang wie im Aufenthalt verändern müssen. Dazu muss politisch entschieden sein, was die neue Heimat duldet. Und was nicht. Wozu sie ermuntert.

Logbuch

DER GAS-KANZLER.

„Ein guter Mann“, hat Brecht gesagt, „kann ruhig zwei oder drei Meinungen haben.“ Das finde ich richtig. Mich langweiligen die einsinnigen Menschen, die ein einzelner Vorsatz beseelt. Das Haltungsgesindel. Ein vulgäres Derivat des Protestantismus. Unter den Journalisten habe ich da einen einzelnen Eiferer im Auge, der sich an Gerhard Schröder abarbeitet.

Von Gerd Schröder selbst habe ich immer etwas gehalten; zudem hat er mir mal den Arsch gerettet, als er das nicht musste und es ihn zudem hätte etwas kosten können. Das vergisst man nicht. Er soll gestern der Berliner Zeitung ein großes Interview gegeben haben. Man sagt mir, Lektüre lohne. Da ich grundsätzlich keine Bezahlschranken belohne, warte ich bis morgen, wenn der Clipping-Service es kommod bringt.

Der Haltungsjournalist zetert schon auf Twitter / X, dass es antiamerikanisches Gedankengut von ihm, dem GAS-KANZLER, zu hören gebe. Das wäre ein Tabubruch gegenüber dem HEGEMON, wie ihn früher vor allem Linke wagten. Etwa: Die Energieversorgung Europas aus russischen Quellen war dem amerikanischen Oligopol ein Dorn im Auge, weil es eine europäische Balance erzeugte, die sich der hegemonialen Abhängigkeit entgegenstellte. So als sei die NATO ein Debattierclub, in dem man auch schon mal von einem kriegerischen Vorhaben nicht überzeugt sein könne. HEGEMONIE, deshalb wurden die bereits verlegten Gasleitungen zu Quellen außerhalb des Blocks von Irgendwem gesprengt…

So was soll Schröder in der Berliner andeuten. Nun ist das Blatt von angegriffenem Ruf und auch der Mann. Aber unter PR-Leuten wirft man sich keine Mandate vor, schon gar nicht lukrative.

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DIE HANDBIBLIOTHEK DES WELTWEISEN.

Marbach oder Müllverbrennung? Es gibt immer ein Zögern, wenn Gedrucktes zu entsorgen ist. Als Mumpitz schon eine Weile beerdigt war, konnten die Erben auf Drängen des Immobilienmaklers irgendwann, es war zu Pfingsten, der Frage nicht mehr aus dem Wege gehen, was mit seinem Nachlass zu geschehen habe, insbesondere dem ungeheuren Konvolut an Büchern, deren Zahl auf gut tausend geschätzt wurde.

Man könne es nicht Bibliothek nennen, befand Cousin Heribert, der feststellte, dass die Anordnung in den zahlreichen Regalen keinerlei Prinzip folgte. Ein wildes Sammelsurium, das schon deshalb ruhig der Müllverbrennung anheim fallen könne; ein Antiquar würde daran verzweifeln. Mumpitz war, so wurde es irgendwann spruchreif, ein Messi, jedenfalls was Bücher anging. Die Müllverbrennung sei der richtige Ort.

Verstörend nur der Bericht der Putzfrau der letzten Jahre, die von dem Ärger zu berichten wusste, als Mumpitz bemerkte, dass sie einige Bände zum Staubwischen an die Seite genommen hatte, sie wollte eine Steckdose erreichen, und dann zurückgestellt, Mumpitz aber bemerkte, dass sie dabei die Reihenfolge ruiniert habe, wie er zornig kritisierte. Sie habe sich gewundert, wie er das habe bemerken können, in dem Chaos.

Man beschließt das vernichtende Urteil des örtlichen Buchhändlers noch einmal überprüfen zu lassen. Ein pensionierter Studiendirektor vergräbt sich in einen leichter zugänglichen Teil der Buchsammlung. Nach Wochen äußert er eine Hypothese und bittet bescheiden um neues Honorar. Er will insgesamt prüfen, ob es wirklich sein kann, dass Mumpitz die Bücher alphabetisch geordnet habe, nach dem jeweils ersten Buchstaben des Fließtextes. 1289 Bände. Bei Lexika gelten Ausnahmen.

Welch ein Kleingeist. Man wird Mumpitz, den Weltweisen, als Pedanten erinnern müssen. Die Bücher seiner Handbibliothek können weg.