Logbuch
PERSÖNLICH.
Man durfte früher nicht persönlich werden in Diskussionen; das galt als unfein. Heute lese ich allenthalben Beleidigungen aus der untersten Schublade. Das langweilt mich.
Der kalifornische Autokrat mit den Batterie-Autos hat mich nie wirklich interessiert. Nicht mal als er unvorsichtige Fahrer mit dem falschen Versprechen des autonomen Fahrens in den Crash schickte. Jetzt lese ich, wie er als Verleger über die Größe der Hoden seiner Gegner spottet. Wollen wir so weit runter? Ich gähne.
Das gleiche Desinteresse habe ich bei der schwedischen Schülerin empfunden, die mit dem Aufruf zum Schwänzen zur Kindheiligen wurde. Die veralbert angeblich jetzt einen Autoliebhaber damit, dass er einen „small dick“ habe. Ich frage mich bei dieser Debatte um „size matters“ allenfalls, ob es dabei um den Penis oder den Phallus geht. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.
Dem Vergessen anheimstellen möchte ich auch den rechtspopulistischen Pfälzersohn, der in den USA Präsident werden konnte, und nun einsam in einem Golfclub verblödet. Er nennt in einer letzten rhetorischen Zuckung Joe Biden „mentally disabled“, geistig behindert. Eigentlich noch dümmer als die Injurien über kleine Eier und kurze Schwänze. Eine Behinderung ist ein Schicksal, sie kann niemals Beleidigung sein.
Genitale Größe also, das bleibt diesen seltsamen Heiligen als Argument. Das ist atavistisch, denn natürlich hat die Fähigkeit, kräftige Kinder zeugen zu können, den Wagen zu lenken und die Hütte zu heizen, etwas damit zu tun, wie gut wir die Art erhalten. Der Rückschritt auf das Elementare ist nicht trivial. Wer den Wagen nicht zu lenken wusste, galt nichts unter den Gladiatoren des Alten Rom.
Was das Fehlverhalten derer, die da PERSÖNLICH werden, zeigt ist, dass der aufrechte Gang unsere Vergangenheit als Tiere nicht getilgt hat, jedenfalls nicht unsere Triebe als Primitive. Das Animalische ist es, worauf hier zurückgefallen wird, nicht mal das Persönliche. Denn dicke Eier sind noch keine Persönlichkeit. Die beginnt bekanntlich erst bei dicken Titten.
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GESCHLECHTER.
Eine freiheitliche Gesellschaft sollte jede Lebensform gewähren, die die Rechte anderer nicht übermäßig einschränkt. Ich will, dass es alles gibt, was es gibt. Punkt.
Es tobt eine innenpolitische Debatte in Schottland darum, dass man sein Geschlecht amtlich ändern lassen kann, wenn man nachweist, darüber drei Wochen nachgedacht zu haben. Kinder sechs Monate. Mehr braucht es nicht als diese Frist. Frauen fürchten nun eine quasi-biologische Zuwanderung von Männern aus dritten Motiven. Ich kann diesen Einwänden einiges abgewinnen.
Frauen haben ein erhöhtes Schutzrecht, wo sie wegen ihres Geschlechts Fremdbestimmung in besonderem Maß ausgesetzt sein können. Das gilt insbesondere für sexuelle Übergriffe wie für ihre ureigenen Rechte als Mütter. Sie tragen mehr als Männer zum Leben bei, was ihnen eine Ritterlichkeit der Männer sichern sollte, jedenfalls erhöhten staatlichen Schutz und ureigene Privilegien. Weiter will ich hier in diese Debatte nicht rein.
Eine willkürliche Wahlfreiheit würde aber Privilegien, die Frauen zurecht haben, zum Spielball machen; der Missbrauch ist mit Händen zu greifen. Siehe Haftbedingungen von Frauen oder Schutzräume. Der umgekehrte Fall, dass Männer Röcke tragen wollen, ist von geringerem allgemeinen Gewicht, wenn auch, zugestanden, subjektiv vielleicht als dringend empfunden. Da habe ich nicht zu richten. Und Röcke tragen die Kerle in Schottland ohnehin schon.
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VOLKSHERRSCHAFT.
Mit der Pariser Guillotine begann die Moderne. Der Geist der europäischen Aufklärung schwärmte dann von Amerika, dem Land der Freiheit. Und wurde bei näherem Hinsehen enttäuscht.
Auf den Hogmanay wartend lese ich in Edinburgh ein amerikanisches Buch über einen Franzosen. Alexis de Tocqueville war eine mehr als erstaunliche Persönlichkeit. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhundert erforscht er die amerikanische Demokratie. Klug und kritisch, vor allem aber nach persönlichem Augenschein. Er bereist das Land, rauf und runter, und bleibt stets skeptisch. In den Sümpfen Michigans reitend, von Mücken zerstochen, studiert er die Lage der Indigenen („Indianer“), lehnt deren staatliche Zersiedlung ab, bleibt aber zurückhaltend, was deren gesellschaftliche Zukunft angeht.
Das amerikanische Gefängniswesen studiert er vor Ort in allen Ausformungen; ein strikter Gegner der Sklaverei nimmt er einen Rassismus wahr, der ihn politisch sehr erschreckt. Zweifel am allgemeinen Wahlrecht. Einwände gegen die Kolonialisierung Algeriens durch sein französisches Vaterland fehlen ihm auch. Ein Bündel wandernder Widersprüche, dieser Spross des französischen Hochadels, der den bürgerlichen Anglophilen ihre eigene Welt erklärt. Er gilt bis heute als der “Mann der die Demokratie verstand“. Nämlich ihre Grenzen.
Die GLEICHHEIT steht schnell, fand er, im Gegensatz zur FREIHEIT. Es lauert eine Diktatur der Mehrheit, wenn die Rechte der Minderheiten nicht geschützt sind. Mit einigem Recht darf man ihn als Vater des liberalen Prinzips sehen, dessen Wahrung durch das RECHT er einer starken JUSTIZ auferlegen wollte. Der freiheitliche Rechtsstaat kennt also keine Plebiszite. Und auch keinen NOTSTANDSBONUS für Eiferer, wo immer die sich festkleben.
Im deutschen Fernsehen gleichzeitig die bräsige Ansprache des Bundespräsidenten, der das für einen Generationenkonflikt der Jungen gegen die Alten hält und die Älteren jovial zu Änderungen auffordert. Unterkomplex, der Herr Steinmeier; sollte mal Tocqueville lesen.
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EINE LEGENDE.
Ein Gentleman nimmt sich einer Sache immer nur halbherzig an. Nie macht er sich zum Propagandisten. Man macht sich nicht gemein. Freundlichkeit ist ihm wichtig; wo es an ihr fehlen sollte, weil etwas zu verachten, lässt er sie in Ironie übergehen, mehr nicht. Diese Klugheit der inneren Distanz kann man sich insbesondere im Alter leisten, wenn der Zorn gedämpft, die Leidenschaft nicht mehr wahllos und eine gewisse Ökonomie der Kräfte ohnehin angesagt ist.
In den Höhen des Harzes, den ein Mittelgebirge zu nennen, eher kühn wäre, gibt es, was sonst den Alpen vorbehalten, eine Alm. Die Steinberg Alm über Goslar. Die letzten Meter vom nahen Parkplatz brav zu Fuß zurückgelegt, begrüßt mich der Almwirt namentlich, weil er gelegentlich mein Logbuch lese. Kein Autor vermag es, dem Kompliment eines veritablen Lesers zu widerstehen.
Im Programm des 49. Steinberg Dialogs habe ich gelesen, dass unter den gut hundertfünfzig Teilnehmern auch Eckhard Schimpf sei, der dort ebenso originell wie zutreffend als „Journalistenlegende“ firmiert. Er begrüßt mich und erwähnt, dass wir beide älter würden, er freilich schon 87 sei. Ich rege hiermit eine biografische Würdigung der Legende an. Vielleicht sogar ein langes Zeitzeugeninterview in der Manier von Gaus.
Ecki, wie die mit ihm Vertrauten sagen, ohne ihn so leibhaftig zu adressieren, war lange Jahre Kopf der Braunschweiger Zeitung; vor allem aber war er Autonarr (seine Oldtimersammlung soll stattlich sein) und damit nah an Volkswagen, noch unter dem Regime von Carl Hahn und dann, auf eine andere Art, unter Ferdinand Piëch. Er ist ein Oxymoron von Nähe und Distanz, das gute Journalisten auszeichnet. Mich hat die fast religiöse Verehrung von gebogenem Blech immer verwundert.
Ihn wiederum überraschte wohl, dass mir diese Faszination fremd war. Ich habe unter dem Genie Piëch als dessen Sprecher darauf bestanden, keine Ahnung von Autos zu haben; was mein Chef bestätigte. Auch PR-Leute kennen das Oxymoron von Vertrautheit und Fremde. Niemals hätte ich dienstlich ein gutes Wort über meinen eigenen Laden verloren. Oder meinen Chef. Die Manie zum Eigenlob, die heute Plattformen wie LinkedIn erfüllt, war uns fremd; sie hätte als unprofessionell gegolten.
PR ist kein Marketing; diese Werbemöpse waren uns wesensfremd. PR-Leute klingeln nicht an Türen wie die Zeugen Jehovas. Oder der Provinzpolitiker. Jedenfalls sollte die Braunschweiger Zeitung ein großes Fest zum 90. von Ecki Schimpf planen und er offenlassen, ob er zu so einem Scheiß kommt. Damit wären dann alle geehrt.