Logbuch
FÜNFTE KOLONNE.
Den Feind heimlich zu unterstützen, das ist in Kriegszeiten LANDESVERRAT. Diesen Verdacht hat die SPD bezüglich Russland auszuräumen, auch wenn Deutschland sich nicht im Krieg befindet.
Der Vorwurf stammte in meiner Jugend von den reaktionären Kräften in der Union, dass die Sozen die Fünfte Kolonne Moskaus seien. Eine Propaganda des Kalten Krieges. Bitter falsch, aber wirksam. So sollten Willy Brandt und dann seine Ostpolitik diskreditiert werden. Mit einem Schlagwort aus dem Spanischen Bürgerkrieg.
Das Schweigen des Gerhard Schröder und seines langjährigen Getreuen Frank Walter Steinmeier hilft der SPD gegenwärtig nicht. AUFARBEITUNG steht an. Sie wird sich argumentativ zu ihrer russlandbezogenen Energiepolitik und dieser Außenpolitik verhalten müssen. Sigmar Gabriel hat das jüngst versucht. An den Verhetzungen dessen nehme ich nicht teil. Wir befinden uns nicht im Krieg. Es kann um LANDESVERRAT gar nicht gehen. Ich erwarte aber eine ernsthafte Aufarbeitung im Sinne der Geschichtswissenschaft.
Für die deutsche Gaswirtschaft gilt schon jetzt als WISSENSCHAFTLICH GESETZT, dass die Politik der RUHRGAS AG niemals die der WINTERSHALL oder WINGAS war; das aber nur als Hinweis für die Insider. Genauer gesagt als Hinweis an jene, die den aktuellen Streit um Schröder/Steinmeier/Schwesig HISTORISCH verstanden wissen wollen.
Den unmittelbaren Markteintritt der GAZPROM hat die BASF AG über ihre Tochter WINTERSHALL mit der deutsch-russischen WINGAS ermöglicht, oder? Oder ist das auch schon eine Geschichtsklitterung? Wie in allen AUFARBEITUNGEN geht es jetzt um die Austragung des Streits mit den Mitteln der Vernunft. Zumindest des Verstandes.
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RELIGION IST PRIVAT.
Politik soll von Interessen handeln, nicht von Werten oder gar dem richtigen Glauben. Religion radikalisiert. Interessen aber lassen Kompromisse zu.
Er hat es gerade auf Twitter wieder gesagt: „We don‘t do god!“ Das will mindestens so viel heißen wie: „Wir kommentieren keine religiösen Fragen.“ Die Rede ist von ALAISTAIR CAMPBELL, dem legendären Spin Doctor des englischen Premierministers TONY BLAIR. Ein sehr bodenständiger NEW LABOUR Mann, nicht unkompliziert. Sie nannten ihn einen “Controll Freak“, aber das trifft es nicht. Er roch eine Sackgasse, bevor man in sie reinlaufen konnte. Ein Antizipierer, mit allem Wassern gewaschen.
Ich war noch heuriger Hase und auf Einladung von PETER MANDELSON in London, zufälliger Zeuge eines Interviews der BBC mit dem frisch gewählten Regierungschef, dem sein Pressechef CAMPBELL eher gelangweilt lauschte. Dann kam sie, verdächtig beiläufig, die böse Fangfrage. Irgendetwas mit dem üblichen nordirischen „Mein Jesus ist besser als Dein Jesus!“ Wie von der Terantel gestochen sprang der Spin Doctor auf und stellte sich zwischen Kamera und den Prime Minister.
Ein Eklat? Na ja. Begründet wurde die Intervention lakonisch mit: „We don‘t do god!“ Wie ruppig, aber klug. Haltet die Religion raus. Sie ist Privatsache.
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DER SPÄTE BRECHT.
Seiner körperlichen Gebrechlichkeit wusste der Dichter Bert Brecht durch das Rauchen dicker Zigarren entgegen zu wirken. Der starke Trotz eines Zarten.
Zu den Havannas die Verehrung des Boxsports und die zehrende Promiskuität. Auf der Flucht vor Nazi-Deutschland, das Land öfter wechselnd als das Hemd. Sterbend hinterließ er ein kleines Gedicht, das ihn als großen Lyriker auszeichnet. Der Kritiker Marcel Reich-Ranitzki (FAZ) hat das oft behauptet, dass der Stückeschreiber Brecht ein weitaus besserer Lyriker gewesen sei. Den mochte ich nicht, den großmäuligen Kritiker, aber an dem Urteil stimmt, wenn auch beiläufig, etwas. Bertolt Brecht, ein Gedichte-Dichter.
An einem Ostersonntag darf man die wohl letzten Verse des Unsterblichen BB vollständig zitieren. Hier also der späte Brecht, das Krankenhaus namens Caritas (Nächstenliebe im Lutherdeutsch) und die ostberliner Amsel:
„Als ich in weißem Krankenzimmer der Charité
Aufwachte gegen Morgen zu
Und die Amsel hörte, wußte ich
Es besser. Schon seit geraumer Zeit
Hatte ich keine Todesfurcht mehr. Da ja nichts
Mir je fehlen kann, vorausgesetzt
Ich selber fehle. Jetzt
Gelang es mir, mich zu freuen
Alles Amselgesanges nach mir auch.“
Logbuch
EINE LEGENDE.
Ein Gentleman nimmt sich einer Sache immer nur halbherzig an. Nie macht er sich zum Propagandisten. Man macht sich nicht gemein. Freundlichkeit ist ihm wichtig; wo es an ihr fehlen sollte, weil etwas zu verachten, lässt er sie in Ironie übergehen, mehr nicht. Diese Klugheit der inneren Distanz kann man sich insbesondere im Alter leisten, wenn der Zorn gedämpft, die Leidenschaft nicht mehr wahllos und eine gewisse Ökonomie der Kräfte ohnehin angesagt ist.
In den Höhen des Harzes, den ein Mittelgebirge zu nennen, eher kühn wäre, gibt es, was sonst den Alpen vorbehalten, eine Alm. Die Steinberg Alm über Goslar. Die letzten Meter vom nahen Parkplatz brav zu Fuß zurückgelegt, begrüßt mich der Almwirt namentlich, weil er gelegentlich mein Logbuch lese. Kein Autor vermag es, dem Kompliment eines veritablen Lesers zu widerstehen.
Im Programm des 49. Steinberg Dialogs habe ich gelesen, dass unter den gut hundertfünfzig Teilnehmern auch Eckhard Schimpf sei, der dort ebenso originell wie zutreffend als „Journalistenlegende“ firmiert. Er begrüßt mich und erwähnt, dass wir beide älter würden, er freilich schon 87 sei. Ich rege hiermit eine biografische Würdigung der Legende an. Vielleicht sogar ein langes Zeitzeugeninterview in der Manier von Gaus.
Ecki, wie die mit ihm Vertrauten sagen, ohne ihn so leibhaftig zu adressieren, war lange Jahre Kopf der Braunschweiger Zeitung; vor allem aber war er Autonarr (seine Oldtimersammlung soll stattlich sein) und damit nah an Volkswagen, noch unter dem Regime von Carl Hahn und dann, auf eine andere Art, unter Ferdinand Piëch. Er ist ein Oxymoron von Nähe und Distanz, das gute Journalisten auszeichnet. Mich hat die fast religiöse Verehrung von gebogenem Blech immer verwundert.
Ihn wiederum überraschte wohl, dass mir diese Faszination fremd war. Ich habe unter dem Genie Piëch als dessen Sprecher darauf bestanden, keine Ahnung von Autos zu haben; was mein Chef bestätigte. Auch PR-Leute kennen das Oxymoron von Vertrautheit und Fremde. Niemals hätte ich dienstlich ein gutes Wort über meinen eigenen Laden verloren. Oder meinen Chef. Die Manie zum Eigenlob, die heute Plattformen wie LinkedIn erfüllt, war uns fremd; sie hätte als unprofessionell gegolten.
PR ist kein Marketing; diese Werbemöpse waren uns wesensfremd. PR-Leute klingeln nicht an Türen wie die Zeugen Jehovas. Oder der Provinzpolitiker. Jedenfalls sollte die Braunschweiger Zeitung ein großes Fest zum 90. von Ecki Schimpf planen und er offenlassen, ob er zu so einem Scheiß kommt. Damit wären dann alle geehrt.