Logbuch

GEISTERSTUNDE.

Im Testament eine Verfügung über die eigene Grabstätte treffen zu wollen, bevormundet die Nachgelassenen. Das gehört zu den unerträglichen Eitelkeiten. Findet auch jemand, von dem ich weiß, dass er sich in einen Zinksarg einlöten ließ.

Ich meine BB, den Dichter. Wo bin ich? Am Grab von HEGEL. Geisterstunde. Der edelste der Berliner Friedhöfe ist der Dorotheenstädtische. Mitte des 18. Jahrhunderts eröffnet, ruht hier nun, was im linken und liberalen Horizont Rang und Namen hat. Der Promi-Friedhof. Gegen Mitternacht, das Eingangstor längst geschlossen, kommen die Seelen der Verstorbenen aus ihren Gräbern und unterhalten sich. Es soll gesittet zugehen, hatte ich von BB gehört, der mit mir auf der Rasenbank sitzt. Eher langweilig, sagt er.

Er liegt ansonsten, zusammen mit HELENE WEIGEL, hinten an der Mauer. Er sagt mir: „Wir hatten es nicht weit.“ Was wohl stimmt, da er mit der Weigel auf der angrenzenden Chausseestrasse gewohnt hat. Ich will wissen, ob das Doppelgrab mit der Weigel seine Idee war. Ich habe es kaum ausgesprochen, da prustet sein alter Kumpel JOHN HEARTFIELD vor Lachen. Und ich höre JOHANNES RAU sein altes Motto zitieren: „Im Stillen Gutes schaffen.“ Auch Seelen gehen fremd. Wie beruhigend.

Wie furchtbar der Promi-Status sein kann, habe ich auf dem Highgate Cemetry in London gesehen, wo sie KARL MARX zu Grabe getragen haben. Ganze Völkerstämme sind hierhin gepilgert. Von wegen RIP, sprich Ruhe in Frieden, eine Touristenattraktion. Da lobe ich mir die Ruhe auf San Michele, der Friedhofsinsel im venezianischen Inselreich. Ja, es gibt dort eine deutsche Ecke. Etwas runtergekommen, aber viele Namen aus der Zeit, als man hier noch wie THOMAS MANN nach Knaben schielte.

Meinen Herrn Vater haben wir zu meiner Frau Mutter gelegt, die sich Zeit ihres Lebens sicher war, dass er nicht ohne sie zurechtkäme, ein Diktum, das er brav mit Hilfe von Haushälterinnen, netten Nachbarn und den ihm zugewandten Seinen sowie frischem Mut fast ein Jahrzehnt lang zu dementieren suchte, wissend, dass es eigentlich stimmte.
Auf dem Dorotheenstädtischen lese ich, durch die Reihe schlendernd, einen überflüssigen lateinischen Hinweis. MEMENTO MORI: Bedenke, dass Du sterben wirst. Neben BB auf der Rasenbank sitzt inzwischen HEINER MÜLLER, wohl um Zigarren zu schnorren. Dann plötzlich verdrücken sich beide. Von hinten nähert sich rezitierend GÜNTER GRASS, der Schwätzer. Ab in die Kiste.

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HELDEN DER JUGEND.

Auf dem dorotheenstädtischen Friedhof stehe ich plötzlich vor dem Grab vom HERBERT MARCUSE. Der ist, obwohl schon 1979 gestorben, neu hier. Woher? Mensch, Herbert, alter Dampfplauderer. Einst viel von Dir gelesen.

Als Primaner wurde ich Zeitzeuge der Studentenproteste in den USA und dann hier, allen voran in Berlin. Eine Heldin dieser Zeit war die Afroamerikanerin ANGELA DAVIS, die Rassismus wie den Vietnamkrieg anprangerte. Zudem attraktive Frau, mein damaliges Schönheitsideal (von Beuteschema kann man bei einem 17jährigen Schüler noch nicht reden). Ihr Hochschullehrer war HERBERT MARCUSE, der damals berühmte Philosoph und Befürworter der Außerparlamentarischen Opposition. Er brachte es bis zum Dreigestirn „Marx, Mao, Marcuse“; der Chinese gehört da eigentlich nicht rein.

Wir lasen seine Schriften mit Enthusiasmus, eine Mischung aus frühem MARX und soziologisch gewendetem FREUD; so der linksliberale Duktus der KRITISCHEN THEORIE der emigrierten FRANKFURTER SCHULE. Und plapperten es nach. Unsere Pauker waren sprachlos. Die rhetorische Lufthoheit lag bei uns, den postpubertären 68zigern. Aber es gab eben auch interessierte Pauker, jedenfalls permissive (was wir „scheiss-liberal“ nannten, ziemlich rotzfrech). Vieles ist mir heute peinlich.

Zum Beispiel unser Gelächter über einen dieser Pauker, der sich in MARCUSE einlesen wollte und sich ein Buch vom dem Vielgelobten gekauft hatte. Suhrkamp Verlag. Aber er verstand uns noch weniger. Was war ihm passiert? Er war irrtümlich bei LUDWIG MARCUSE gelandet, anstelle von HERBERT. Ziemlicher Unterschied.

Tja, Dummheit lacht. Damals eben ich. Eigentlich war er, der von uns Pennälern Verlachte, ein guter Pauker. Und wir eben freche Schnösel. Jetzt stehe sentimental vor dem Grab von Onkel Herbert und erinnere mich an dessen Theorie der „repressiven Entsublimierung“ in „Triebstruktur und Gesellschaft“ (Bibliothek Suhrkamp, ein Hardcover), was für ein Zeitgeist, welch ein Konstrukt.

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NAIL BITING.

Über die bis auf das Nagelbett herunter gekauten Fingernägel von Politikern gibt es eine Debatte. Man dürfe Fotos davon nicht zeigen, auch nicht PR-Fotos bei „absoluten Personen der Zeitgeschichte“. Aber die lackierten und verzierten Nägel schon?

Onychophagie, so nennt das der Arzt. Von GORDON BROWN gibt es Fotos, die zeigen, dass er neurotischer Nägelbeißer war. Erschütternd. Ähnliche Bilder existieren historisch von den Händen anderer Politiker, etwa vom ANGELA MERKEL. Und jetzt von einer Parteivorsitzenden der Grünen, deren Namen ich vergessen habe. Wenn sich Menschen die Nägel aber mit allerlei Verzierungen aufhübschen lassen, dazu gibt es unzählige Läden für FRENCH NAILS, dann darf ich das bewundern; wenn der NÄGELKULT aber auf eine zwanghafte Selbstzerstörung hindeutet, dann nicht.

Das stimmt bei PRIVATPERSONEN und ihrer PRIVATHEIT. Akzeptiert. Es gilt bei unfreiwilligen Fotos, die das Recht am eigenen Bild verletzen. Ja. Aber bei einem vorsätzlich produzierten und als PR verbreiteten „Siegesfoto“ einer Politikerin, da gelten doch wohl andere Regeln. Die Vorgabe „Bewunderung erlaubt“, aber „kritischer Blick“ untersagt, die gibt es nicht. Das Presserecht schränkt das Recht auf PRIVATHEIT bei „Personen der Zeitgeschichte“ ein, weil die vorsätzlich auf eben diese verzichtet haben.

Die Macht wollen, sich prahlend in die Öffentlichkeit begeben, dann aber sakrosankte Demut des Publikums erwarten? Dem Volk seine Lust am Spott verbieten, als dessen Machthaber? In Nordkorea vielleicht, hier eher nicht.

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EINE LEGENDE.

Ein Gentleman nimmt sich einer Sache immer nur halbherzig an. Nie macht er sich zum Propagandisten. Man macht sich nicht gemein. Freundlichkeit ist ihm wichtig; wo es an ihr fehlen sollte, weil etwas zu verachten, lässt er sie in Ironie übergehen, mehr nicht. Diese Klugheit der inneren Distanz kann man sich insbesondere im Alter leisten, wenn der Zorn gedämpft, die Leidenschaft nicht mehr wahllos und eine gewisse Ökonomie der Kräfte ohnehin angesagt ist.

In den Höhen des Harzes, den ein Mittelgebirge zu nennen, eher kühn wäre, gibt es, was sonst den Alpen vorbehalten, eine Alm. Die Steinberg Alm über Goslar. Die letzten Meter vom nahen Parkplatz brav zu Fuß zurückgelegt, begrüßt mich der Almwirt namentlich, weil er gelegentlich mein Logbuch lese. Kein Autor vermag es, dem Kompliment eines veritablen Lesers zu widerstehen.

Im Programm des 49. Steinberg Dialogs habe ich gelesen, dass unter den gut hundertfünfzig Teilnehmern auch Eckhard Schimpf sei, der dort ebenso originell wie zutreffend als „Journalistenlegende“ firmiert. Er begrüßt mich und erwähnt, dass wir beide älter würden, er freilich schon 87 sei. Ich rege hiermit eine biografische Würdigung der Legende an. Vielleicht sogar ein langes Zeitzeugeninterview in der Manier von Gaus.

Ecki, wie die mit ihm Vertrauten sagen, ohne ihn so leibhaftig zu adressieren, war lange Jahre Kopf der Braunschweiger Zeitung; vor allem aber war er Autonarr (seine Oldtimersammlung soll stattlich sein) und damit nah an Volkswagen, noch unter dem Regime von Carl Hahn und dann, auf eine andere Art, unter Ferdinand Piëch. Er ist ein Oxymoron von Nähe und Distanz, das gute Journalisten auszeichnet. Mich hat die fast religiöse Verehrung von gebogenem Blech immer verwundert.

Ihn wiederum überraschte wohl, dass mir diese Faszination fremd war. Ich habe unter dem Genie Piëch als dessen Sprecher darauf bestanden, keine Ahnung von Autos zu haben; was mein Chef bestätigte. Auch PR-Leute kennen das Oxymoron von Vertrautheit und Fremde. Niemals hätte ich dienstlich ein gutes Wort über meinen eigenen Laden verloren. Oder meinen Chef. Die Manie zum Eigenlob, die heute Plattformen wie LinkedIn erfüllt, war uns fremd; sie hätte als unprofessionell gegolten.

PR ist kein Marketing; diese Werbemöpse waren uns wesensfremd. PR-Leute klingeln nicht an Türen wie die Zeugen Jehovas. Oder der Provinzpolitiker. Jedenfalls sollte die Braunschweiger Zeitung ein großes Fest zum 90. von Ecki Schimpf planen und er offenlassen, ob er zu so einem Scheiß kommt. Damit wären dann alle geehrt.