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EIN ÖDER ABEND.

In der Berliner Philharmonie gibt der in Sibirien geborene österreichische Dirigent Kirill Petrenko ein Konzert für Violine und Orchester des polnischen Komponisten Karol Szymanowski, das die aus Georgien stammende Geigerin Lisa Batiashvili mit Bravour fidelt. Chapeau.

Das Haus ist voll, lauscht und reagiert zurückhaltend. Man fremdelt. Touristen fotografieren sich. Die innere Begeisterung, die der Engländer Simon Rattle hier zu stiften wusste, bleibt aus. In der Pause spricht man seitens der Wilmersdorfer Witwen, die das Kernpublikum bilden, über den Rock der Batiashvili, ein sehr buntes, mit Glitzerpailletten besetztes Teil, das man eher im Zirkus tragen könne. Die üblichen Spießbürgerkommentare.

Eine jüngere Dame, vermutlich Kuratorin, ist im Parka mit Kapuze gekommen und behält ihn an. Ihr Begleiter, vermutlich Kritiker, weiß, dass der Dirigent „pumpt“; man gehe in das gleiche Fitness-Studio. Er sagt etwas zur Oberarmmuskulatur. Rucksackträger durchstreifen die Lobby. Nach dem Konzert findet sich die einschlägige Restaurantszene voll. Der Kellner sagt, es sei halt Berlinale und Valentinstag. Ich gähne. Bonjour tristesse.

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BÜTTENREDE.

Der offizielle Karneval mit all seinem PRUNK wie der bodenständigere, der sich selbst STUNK nachsagt, sie leiden beide daran, dass vorsätzliche Witzeerzähler auftreten, die sich selbst für komisch halten und es deshalb nicht sind. Diese Pappnasen sind autoreferentiell. Selbstbezüglichkeit, das geht gar nicht.

Ich höre gar Kommentare dazu, dass verzögert gelacht werde („Der war schwer!“) oder beiseite gesprochene Einforderungen des TUSCH, des notorischen Pointensignals durch die Saalkapelle. Satire kennzeichnet sich aber nicht als solche, darin liegt ihre Schärfe. Humor lacht nicht mit und über Humoristen. Karneval ist nicht komisch, wenn er es partout sein will.

Die BÜTT, das Rednerpult der Narretei, mag historisch ein Weinfass oder Waschkübel gewesen sein, ihre Bedeutung bekam sie durch die Analogie zur KANZEL, dem Ort der kirchlichen Autorität oder der Richterbank, dem Palastbalkon. Der Büttenredner nutzte eine kühne Amtsanmaßung, die die Jahreszeit ihm ausnahmsweise gewährte. Die BÜTT ist der Ort des Spottes der Beherrschten über ihre Herrschaften. Darin liegt eine intellektuelle Verantwortung.

Und die BÜTT ist der Ort der Kleinkunst des vorsätzlichen Blödsinns. „Wider den tierischen Ernst“, das ist ein gutes Motto. Davon ist, wenn man dem TV glauben darf, wenig geblieben. Als Freund des Kabaretts bedaure ich das. Die Clowns sind an der Macht und sie meinen es bitter ernst.

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KATZENSCHWANZ.

Als was gehe ich denn dieses Jahr? Eine Frage großer Bedeutung, wenn man in Regionen unterwegs ist, die den KAPPENZWANG noch eingehalten sehen wollen. Früher war das leichter: Pirat oder Cowboy?

Ein Kölner Volksschauspieler, der eine gewisse äußere Ähnlichkeit mit mir gehabt haben soll, hat sich programmatisch zu dem geäußert, was da im Rheinland abgeht. Ich darf zitieren:

„Du darfst mich lieben für drei tolle Tage/
Du musst mich küssen, das ist deine Pflicht/
Du kannst mir alles, alles Schöne sagen/
Nur nach dem Namen frag mich bitte, bitte nicht:
Nur nach dem Namen frag mich bitte, bitte nicht.“ (Willy Millowitsch)

Der Kreißsaal kennt dann neun Monate später das sogenannte Karnevalskind, das im Kuckucksverfahren aufwächst, was Eltern noch nie daran gehindert hat, später bei dem Kinde Ähnlichkeiten mit dem Gatten der Mutter zu entdecken, der nicht der Vater war, zumindest nicht dieses Kindes. Auch gut.

Überhaupt bringt die Kombination von Alkohol und Infantilität eine gewisse Nonchalance mit sich. Sagen wir, eine geradezu historische Distanz zur aktuellen Seelennot. Beweis:

„Heile, heile Gänsje
Es is bald widder gut,
Es Kätzje hat e Schwänzje
Es is bald widder gut,
Heile heile Mausespeck
In hunnerd Jahr is alles weg.“
(Ernst Neger)

Als dieses Lied 1952 von einem heute Namenlosen zum ersten Mal vorgetragen wurde, weinte der Saal vor Rührung. Man war sich so kurz nach dem Krieg noch sicher: „Das Leben ist kein Tanzlokal.“ Darum Karneval.

Der vornehmste Mummenschanz ist mir der venezianische, in den kunstvolle Masken getragen werden. Man muss erahnen, welche Person sich hinter der kunstvollen Maske verbirgt, ein raffiniertes Spiel besonderer Art. Dem preußischen Protestanten ist das alles fremd. Man kann sich nicht ernsthaft fragen, als was Olaf Scholz (Hanseat) oder Friedrich Merz (Sauerländer, wenn nicht Siegerland) dieses Jahr gehen. Und bei den Grünen, da stellt sich die Frage der Camouflage ganzjährig. Ach, wie humorlos von mir. Wär nur schon Mittwoch.

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HAUS ODER HÜTTE?

Gerne sehe ich Menschen zu, die sich ihr Haus als künftiges Heim bauen. In aller Regel wird das die größte Investition ihres Lebens sein; sie werden es erst abbezahlt haben, wenn sie es nicht mehr brauchen und sich danach irgendwann die Kinder, längst aus dem Elternhaus und im gleichen Fehler verfangen, fragen, wie sie das alte Gelump wieder los werden.

Aber so geht der Generationenvertrag, wenn bessergestellt. Es geht mir aber nicht um‘s Erbe, sondern die Architektur. Als Laie. Was meine Meinung über Häuser gebildet hat, sind zwei, drei Fachwerkbauten, die ich naiv und staunend sanieren durfte. Man sieht, dass vor dreihundert Jahren die Eichenbalken des Fachwerks mit römischen Ziffern nummeriert wurden, um sie bei einem Wiederaufbau leichter in die richtige Ordnung zu bringen. Fachwerk war auf Wiederverwendbarkeit ausgelegt. Kreislaufwirtschaft.

Und die Bauten hatten Keller wie sie Dächer hatten. Das mag jetzt nicht verwundern, wer naiv dachte, dass Spitzdach mit Speicher und Tiefkeller mit Drainage Selbstverständlichkeiten sind. Nun, ich sehe bei frischen Neubauten in meinem Dorf Flachdächer; was man wohl mal Bungalow nannte. Und ich höre eine sonore Stimme sagen: „Es gibt keine dichten Flachdächer. Das ist ein Leben unter einer riesigen Badewanne.“ Der Mann ist Dachdecker.

Spitzdächer sind nicht dicht, weil sie nicht dicht sein müssen; hier legt die Schwerkraft trocken. Jetzt zu den Holzbauten, die auf eine Bodenplatte gestellt werden. Das heißt bei mir auf dem Dorf abwertend: „direkt in den Dreck gebaut“. Ich sehe zudem bei diesen Kellerlosen eine Dämmverschalung bis zum Boden und weiß um den Kapillareffekt, mit dem nun die Feuchtigkeit zwischen Außenhaut und Innenwand kriecht. Das fault, von oben wie von unten. Aber wie gesagt, ich bin nicht vom Fach.

Tief in meiner Seele ruht allerdings der Glaube an die Klugheit der Vorfahren. Niemand hat gebaut ohne Keller und Dach. Seit tausend Jahren. Das waren Häuser; das andere Hütten. Man schaue im TV die Folgen von „Homes&Garden“ und lerne, dass die Amis immer nur Hütten bauen. Getackerte Pressspanbuden. Modell Onkel Tom. Wer so baut, wechselt sein Haus so oft wie die Kleidung. Wohnmode, nicht mehr.