Logbuch

FRÜH GEFÖRDERT.

Schon als STUDENTEN hatten wir eine große Klappe. Unsere ALMA MATER, die neue Uni in Bochum, hat das gefördert. Sie sei gelobt.

Mein erster wissenschaftlicher Aufsatz erschien 1979. Geschrieben habe ich das Ding 1976, also vor fünfundvierzig Jahren, zusammen mit einem sehr fleißigen KOMMILITONEN, der sich jetzt noch an alle Details erinnert. Beziehungsweise eine aufgeräumte Bibliothek hat, nicht so ein Chaos wie bei mir. Wir waren Studenten damals. Vorlaute Studenten.

So ging eine tolle Uni! Wir waren in einer eher banalen Frage anderer Meinung als der Assi an dem einen Lehrstuhl und kriegten einen Publikationsort bei dem Assi von dem anderen Lehrstuhl; beide waren noch nicht Profs, wurden es aber. BIG SHOTS TO BE. Wir waren die notorisch überbewerteten „greenhorns“.

Nur, dass wir die unverdiente Förderung durch Fleiß zu rechtfertigen suchten, zeichnete uns aus. Man muss auch unverdientes Glück annehmen können. Übrigens war es auch aus heutiger Sicht eine ordentliche Arbeit, deren Kärrnerteil damals mein Kumpel vollbracht hat; ich war der Vorlautere, also eher für das Geniale zuständig; mal in aller Bescheidenheit gesagt.

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DIE TALENTIERTE.

Patricia Highsmith hat zu schreiben begonnen, als ich noch nicht mal auf der Welt war; schon in meinem Geburtsjahr ein Weltstar. Dann jeden Tag mindestens acht Seiten, jeden Tag, fünfzig Jahre lang. Sie führte dazu gleichzeitig zwei verschiedene Tagebücher, gelegentlich gegenläufigen Inhalts.

Zweiundzwanzig Romane, dann die Tagebücher. Was den Verlag geritten hat, diese nicht nur inhaltlich zu zensieren, sondern auch noch ineinander zu fahren, wissen die Götter. So sind die Intentionen gegenläufiger Bücher in eine vordergründige Chronologie verschmolzen, der ihr eigentlicher Sinn zum Opfer fällt. Und das bei der multiplen Persönlichkeit einer selbstzerstörerischen Trinkerin mit großen lesbischen Abenteuern und ungebrochenem Schreibzwang. Unverzeihlich.

Aber die jüngste Biografie von Richard Bratford schlägt das alles. Dieser Einfaltspinsel glaubt sich dann auch noch in der Lage, wo das Genie der Highsmith die Quellenlage vorsätzlich verstellt und tiefe, weil bittere Ironie sachwaltet, Fehler anmerken zu dürfen. Er mag sie nicht, die gespaltene Persönlichkeit, aber zu so etwas wie Hass, da fehlt ihm die Kraft. Ein Beckmesser.

So bezweifelt dieses Hemd von einem Biografen, dass sich Highsmith 1952 in Venedig in HARRYˋS BAR einen Cocktail genehmigt habe. Natürlich hat sie, und zwar auf dem Weg nach Ischia, und zwar einen MARTINI (oder derer viele) und zwar in Begleitung von Peggy Guggenheim, mit der sie befreundet war. Sagt wer? Hat mir der Bartender in den Achtzigern erzählt, als in der Tagespresse die Rede auf eine Alterbosheit kam, die sie damals aus ihrem Schweizer Domizil abgesetzt hatte. Sagt der alte Mann zu mir: „Die haben da hinten in der Ecke gesessen. Ich weiß es wie heute.“ Was soll aus der Welt werden, wenn man nicht mal mehr Bartendern glauben kann?

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EREMIT.

Wenn wir jeder in eine Wüste gingen oder auf eine Berghütte oder in den Keller, dann wäre gut. Leprastation, mehr fällt denen nicht ein.

Tagträume. Am Anfang habe ich mich noch gewundert, dass der Chef der höchsten Bundesbehörde, des Robert Koch Instituts, ein Tierarzt ist. Dann kam das mit der Herdenimmunität. Da wusste ich, ich bin deren Schaf. Grasfressen. Der Lauterbach ernährt sich schon salzfrei und von Tofu.

Fieberfantasien. Jetzt sagt der mit den schwarz gefärbten Haaren, der dünne Drosten, dass das mit den Schweinen auf Dauer auch nicht gut gehen könne, deren Herden seien zu groß. Überbevölkerung. Und der dicke Narkosearzt von Mutti hadert mit dem zögerlichen Schlumpf. Woher hat der seine Adipositas?

Alpträume. Was macht eigentlich der Freund von Pferde-Micky in Bonn? Dieser HIV-Forscher? Und dass die im vorderen Orient Kamele verspeisen, warnt der mit den gefärbten Haaren. Mit Fledermäusen fing es ja an.

Ich plane ein Eremitendasein auf veganer Basis. Ich ziehe zu meinen Kaninchen.

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WES BROT ICH ESS.

Ist es wieder süß und ehrenhaft, für das Vaterland zu sterben? Die Frage zieht ihre Berechtigung daraus, dass der grüne Diskurs des Zeitgeistes sich vom Naturpflegerischen zum Kriegerischen gewandelt hat. Dabei rufen auch jene an die Waffen, die ihre Biografie durch eine Kriegsdienstverweigerung geziert haben. Viele davon haben sich schlicht gedrückt. Das galt damals durchaus als ehrenhaft. Was ist passiert?

Überraschend auch, dass sich Experten in Waffenröcken, regelrechte Militärs, in Talkshows zurückhaltender äußern als grüne Greise, die einem anarchistisch geprägten Milieu entstammen, Putztruppe Frankfurt, oder dem Kommunistischen Bund Westdeutschland, Ortsgruppe Göttingen. Ich höre selbst aus dem Akademischen ganz und gar einfache Formeln von Freiheitsverteidigung einerseits und Kriegshetze andererseits. Das nennt der Akademiker „binären Reduktionismus“; meint banale Propagandaparolen von Gut und Böse. Kinder.

Die LINKS-Partei greift dabei auf zuverlässige Quellen zurück, unter anderem das „Kommunistische Manifest“ des Bärtigen aus Trier. Ich habe gerade noch mal reingeschaut. Darin der Satz, dass der Arbeiter kein Vaterland habe. Man könne dem Proletarier nicht nehmen, was er gar nicht besitze. Da kommen zwei Dinge zusammen, die Klassenkampflehre gegen die Bourgeoise und das anti-nationalistische Moment, weil die einfachen Leute unter Vortäuschung vermeintlicher Feinde zu den Waffen gerufen würden. Das könnte sein.

Es fällt mir schwer, dem Argument zu folgen, dass Russland nur eine Defensivmacht, der die NATO auf den Pelz gerückt sei; so wie es mir schwerfällt, die amerikanische Außenpolitik der letzten achtzig Jahre als nicht-hegemonial zu lesen. Überhaupt ist mir das alles zu allgemein, sprich zu hoch. Mich interessiert das Schicksal einfacher Leute, die in Frieden leben wollen, ein Dach über dem Kopf und das tägliche Brot auf dem Tisch. Keinen Herrn über sich und keinen Sklaven darunter.

Da gibt es für einige den Satz: „Ubi bene, ibi patria.“ Auf Deutsch: Wo es mir gut geht, da ist mein Vaterland. Das trifft all jene, die die ihre Heimat verlassen mussten, weil sie weder Dach noch Brot bot. Für den Süden Italiens hat das lange gegolten. Es lebten mehr Italiener im Ausland als daheim. Die Iren erzählen so etwas von ihrem Schicksal. Und es gab eben auch Armutsmigration aus Deutschland nach Amerika. Ubi bene, ibi patria. Eine Aufforderung, die Geschichte auch von unten nach oben zu erzählen.