Logbuch
AUFARBEITUNG.
Ein Katalog für Gartenmöbel bietet einen Tisch an in „wiederaufbereitetem“ Teakholz. Das gilt als sowas wie eine Antiquität für Reihenhausbesitzer. Kleinbürger, also. Eine wiederaufbereitete Geschichte, das ist was die AfD vertritt. So eine Art Faschismus Light. Auch Kleinbürger. All das muss auf das sorgsamste von dem unterschieden werden, was man Vergangenheitsaufarbeitung nennt.
Ich lese in der New York Review, dass Aufarbeiten der Vergangenheit so viel bedeute wie „working off the past“. Ja, das könnte den REVISIONISTEN so passen, die Vergangenheit einfach weg arbeiten. Man kann Historie nicht stornieren wie einen Tisch im Restaurant. Die ganze „CANCEL CULTURE“ ist eine Idiotie. Vulgär dumm.
Dabei ist der Jargon doch zurecht genau. Wir haben in der Kernenergie immer gewusst, dass, wenn jemand von einer Wiederaufbereitungsanlage sprach, es sich um einen Öko handelt; die Dinger heißen nämlich Wiederaufarbeitungsanlage. So auch mit der Bewältigung der Vergangenheit. Vergangenheit lässt sich nicht bewältigen, wenn man darunter versteht, dass man sie durch irgendeinen selbstkritischen Diskurs in ihrer Virulenz erledigen kann.
Und löschen („cancel“) lässt sich hier schon gar nichts. Als könne man Zeit aufheben. Wir sind immer, wer wir geworden sind. Historische Schuld ist keine persönliche Schuld, klar. Aber sie ist Schuld. Und wenn darunter nur zu verstehen ist, das wir sie nicht leugnen sollten. Aber der Vorschlag, aus dem Dom zu Magdeburg die Säule des Balthasars zu entfernen, weil erkennbar ein Moor aus den Kreuzzügen ist, das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.
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EMSCHERGENOSSENSCHAFT.
Wir von der Ruhr sind ein sentimentaler Klüngel. Die ganz Harten bilden, benannt nach einem Flüsschen zwischen Holzwickede und Dinslaken, die Emscher-Genossenschaft. Gedenken wir eines Genossen dieser Freimaurerei. Ein Ur-Grüner. Gedenken wir MICHAEL HOLZACH, der hier ertrank, als er seinen ins Wasser gefallenen Hund FELDMANN aus der Köttelbeke retten wollte.
Michael war mein Kommilitonen an der Ruhr-Uni in Bochum, Abteilung 8, Gebäude GC, die Sozialwissenschaftler. Hier lehrte damals der Edel-Linke Urs Jaeggi, der Alt-Marxist Leo Kofler, der Hegelianer Bernhard Wilms und der Faschist Ioannis Papalekas, ein Freund der Junta-Putschisten in Athen. Und Michael saß mit mir in der Cafeteria und sinnierte: „Wir sind, wen wir schützen.“ Kluger Kopf. Er wurde dann Journalist.
Später schrieb er für die ZEIT, als diese noch kein Propagandablatt von Schwarzgrün war. Ein Genie der Reportage. DEUTSCHLAND UMSONST: eine Wanderung von Norden nach Süden und zurück, ohne einen Pfennig. Es begleitete ihn FELDMANN, sein Hund. Alles ging gut, aber dann, die Dreharbeiten zum Reportagebuch sollten beginnen, rutscht der Hund in die Emscher, Michael springt in die Sürge, um ihn zu retten. Und ertrinkt. FELDMANN überlebt. „Wir sind, wen wir schützen.“ Was sage ich, die Emscher und ihre Genossen, ein sentimentaler Klüngel.
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KARIKATUREN.
Fünfzig Schauspieler@innen haben fünfzig Witze gerissen über das Anti-Seuchen-Regime. Ich fand das meiste komisch und habe einige Mal laut gelacht und durchweg gegrinst. Dafür möchte ich hiermit um Verzeihung bitten. Ich sehe jetzt ein, dass dies unreif war. Ich hatte nicht genug nachgedacht. Die Witze der fünfzig Schauspieler@innen waren unangebracht.
Selbstkritik; ich übe Selbstkritik. Mein Fehlverhalten sehe ich jetzt wirklich ein. Die Seuche ist böse und ernst. Das Anti-Seuchen-Regime verdient ehrfürchtige Befolgung, keine blödes Witze-Reißen. Der Regierungsflieger wird am Flughafen Berlin-Tegel gerade mit jenen 48 Schauspieler@innen, die keine Reue gezeigt haben, beladen. Sie werden nach Eriwan ausgewiesen. So was kommt von so was. Wir müssen dann zwar den nächsten Tatort mit HEINZ RÜHMANN als Kommissar@in drehen, aber das wird schon gehen. Die weibliche Kommissar@in spielt INGE MEISEL. Machen wir über Avatare. Gedreht wird bei der DEFA in Babelsberg. Regie führt der Genosse SERGEJ EISENSTEIN.
Frage an Radio Eriwan: „Haben wir Meinungsfreiheit?“ Antwort von Radio Eriwan: „Im Prinzip ja.“ „Schließt das das Recht auf Blödeleien ein?“ „Im Prinzip ja.“ „Und im vorliegenden Fall, hat der Genosse Stalin mitgelacht?“ „Leider nein.“ Tja. Das erinnert mich an den Witz, dass das höchste Haus in Moskau der Keller der Geheimpolizei sei; von dort könne man bis Sibirien sehen.
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QUAX DER BRUCHPILOT.
Unter den Schlapphüten (Nachrichtendienstler, Geheimagenten, Verfassungsschützer) da heißen die besonders wichtigen „Einflussagenten“, weil sie einen ebensolchen haben. Natürlich zählt dabei nicht der Bäcker von der Ecke oder der Kegelbruder, sondern nur eine hochgestellte Persönlichkeit. Sagen wir: der nächste Papst. Wer den näher kennt, der gilt was; weil er möglicherweise höheren Orts einen Einfluss hat. Oder, noch besser, schmuddelige Sachen aus der Sakristei weiß, die man noch mal zur Erpressung nutzen könnte.
Unter Journalisten gibt es dazu einen besonderen Wettbewerb. Sie sind nämlich alle berufsbedingt schizophren; sie wollen einerseits die Kritiker der Mächtigen sein, noch lieber aber geliebt werden und von deren Tisch essen. Viele geborene Speichellecker. Ich selbst habe nie einen Einfluss gehabt, aber einige Journalisten dieses Kalibers gekannt. Das geht mir durch den Kopf, da ein neuer Kanzler ins Amt kommt. Wer mag sich jetzt als Confident von Friedrich Merz in Pose werfen? Wer weiß wirklich kompromittierendes Zeug?
So hat mir mal ein Journalist, deutlich angeheitert in einem einschlägigen Strandrestaurant auf Sylt, erzählt, dass er mit der Konkubine des Kanzlers gut sei. Wohlgemerkt, nicht die Gattin war gemeint, sondern die Geliebte. Das ist lange her, der Kanzler schon unter der Erde, aber ich habe ihn, den Mann von Einfluss noch letzte Woche im Borchardt gesehen. Anderer Journalist, späterer Kanzler; man sei, behauptet er kühn, zusammen in México im Puff gewesen. Dolles Ding. Dönekes? Von Whisky-Willy will ich erst gar nicht anfangen, weil ich das nur dem Hörensagen nach kenne.
Von dem kommenden Kanzler kann man sich so was gar nicht vorstellen. Juristen stehen ohnehin im Verdacht, sich durch Zellteilung zu vermehren, allemal bei den Eingeborenen aus dem Sauerland. Dröge Dörfler. Womit wir bei der Frage wären, ob die kinderlose Merkel, Mutti nur dem Namen nach, Freunde unter den Journalisten hatte. Jedenfalls keine, die ihren vermeintlichen Lover kannten oder angeblich mit ihr im Puff waren; das halte ich für sicher. Bei näherem Hinsehen entdeckt man, dass gar keine Freunde von ihr bekannt sind, jedenfalls nicht unter Journalisten. Ein beachtlicher Befund.
Ich habe ihre Autobiografie nicht gelesen, aber mit einem Historiker geredet, der sich das angetan hat. Er berichtet von einer frugalen Ödnis, einer protestantischen Freudlosigkeit, die ihres gleichen suche. Fritze ist aber katholisch. Das wird also beim incoming boss anders sein. Quax in fidel. Die Hoffnung stirbt zuletzt.