Logbuch
MEIN GARTEN.
Mein Gärtner berichtet mir in die Ferne, wie es meinem Garten gehe. Trotz des sehr warmen Sommers habe er bisher nicht gießen müssen. Das satte Grün hätten ergiebige Schauer immer wieder ausreichend gewässert. Nur bei den Topfpflanzen hätte er mit der Kanne nachgeholfen. Eh klar.
Der Wuchs ist beträchtlich. Sechs Pritschen voller Grünschnitt hätten die Deponie erreicht, den langen Hecken geschuldet. Seiner Sorgfalt gehorchend ist das Kopfsteinpflaster vom Moos befreit. Die Bäume, die meisten erst drei, vier Jahrzehnte alt, legen weiter kräftig zu. Natur poor.
In meinem Garten lässt die Apokalypse der Fernsehnachrichten auf sich warten. Es dokumentiert sich in der Gehölzauswahl eine Vorliebe für Ginkgos. Holländer haben die Art zu Beginn des 18. Jahrhunderts von Japan nach Europa gebracht; er ist aber mehr als 70 Millionen Jahre älter. Ein lebendes Fossil. Das Ende der Kreidezeit hat er überlebt, sprich das Aussterben der Dinosaurier.
Der Ginkgo hat eine eigene Überlebensstrategie, die mir importiert. Er paart sich selten, ein Einzelgänger. Seine edlen Früchte sind, so reif, dann derart übelriechend ummantelt, dass falsche Freunde auf Distanz gehalten sind. Er ist der „lonesome cowboy“ unter den Bäumen. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.
Meine neun Ginkgos werden auch die Apokalypse aus den Fernsehnachrichten überleben, hoffe ich. Sollten sie übermütig werden, droht ohnehin die Schere des Gärtners. Verdorrten Rhododendron aus dem Vorjahr muss ich in besseren Mutterboden setzen; ohne den geht es nicht. Wenn ich jetzt noch den Marder fange (und auf der anderen Rheinseite wieder aussetze), ist alles in Butter in meinem Garten.
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ZUR EHRE DER LÖWIN.
Zu dem Universum unnützer Hilfsmittel, die mein Handy mir anbietet, gehört auch die Warn-App NINA. Sie meldet sich um kurz nach Fünf mit dem Hinweis, dass es in Berlin ein freilaufendes Wildtier gebe, das gefährlich sei.
Eines? Unzählige! Ich wundere mich, literarisch ambitioniert, was daran Nachrichtenwert habe. Und erinnere das große Brecht-Wort: „Der Mensch / die Krone der Schöpfung / das Schwein.“
Eigentlich wollte ich heute über die gebrochene Autorität der Berliner Bademeister schreiben und arabische Badegäste, die unter der Badehose noch die häusliche Unterhose tragen, aus Scham sagt man, und nun auf die FKK-Kultur Ostberlins treffen. Und dann wird der Fünfer gesperrt wegen Überfüllung. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.
Also rezitieren wir zur Ehre der ausgebrochenen Löwin, von der die Feuerwehr spricht und die heute wohl erschossen werden wird, Rilkes Panther, eines der schönsten Gedichte überhaupt, und eines, das ich noch auswendig weiß:
„Der Panther / Im Jardin des Plantes, Paris // Sein Blick ist vom Vorübergehen der Stäbe / so müd geworden, dass er nichts mehr hält. / Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe / und hinter tausend Stäben keine Welt. // Der weiche Gang geschmeidig starker Schritte, / der sich im allerkleinsten Kreise dreht, / ist wie ein Tanz von Kraft um eine Mitte, / in der betäubt ein großer Wille steht. // Nur manchmal schiebt der Vorhang der Pupille / sich lautlos auf —. Dann geht ein Bild hinein, // geht durch der Glieder angespannte Stille / und hört im Herzen auf zu sein.“
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GEMISCHTE STRUKTUR.
Die Verwaltung öffentlicher Angelegenheiten war mal der ganze Stolz meines Vaterlandes. Die großen Preußischen Reformer Vorbild für die Welt. Heute herrscht ein Chaos kafkaesken Ausmaßes.
Jetzt erlebe ich eine Behörde, die digitalisiert ist, aber nicht alle Mitarbeiterinnen wissen die Endgeräte zu bedienen. Das gilt schon im Normalbetrieb; bei Störungen ist eh die IT genannte Fachabteilung zur Hilfe zu holen.
Weil man sich „auf Komm-Puter“ nicht verlassen kann, wird alles noch mal auf Zetteln gemacht. Die Blätter werden aus der Hand gegeben, also führen die Insider noch eine Kladde. An Monatsende übertragen sie ihre Notizen aus der Kladde in eine „Ex Sale“-Tabelle im System.
Zu den A4-Blättern gibt es noch A5-Zettel, auf denen ein vorgedruckter Text handschriftlich ergänzt wird und wild mit Leuchtmarker verziert. Da diese Kurznotizen auch aus der Hand gegeben werden, ist eigentlich nur auf die gelben Klebezettel Verlass, die man am unteren Rand des PC-Bildschirms anbringt. Da, wo der Menüplan der Kantine hängt.
Oder man ruft den Kollegen an; da das Diensttelefon keine Namensregister hat, am besten auf dessen Handy, wenn er Netz hat; weil die private Nutzung des WLAN ist untersagt. Und Netz hat er nur nach Feierabend, wo er nicht mehr drangeht, weil der Personalrat das nicht will.
Und was sagt die IT, wenn man hängt? Sie sagt: „Ziehen Sie mal den Netzstecker und zählen bis zehn.“ Kein Witz, keine Pointe.
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DIE AUFTEILUNG DER WELT.
Man wundert sich über die Töne aus dem Reich der Neuen Rechten in den USA zur Rollenverteilung in der Welt. Die Fans der Tea Party klingen wie Wiedergänger längst vergangener Zeiten; sie klingen wie ihre eigenen Kolonialherren, von denen sie sich 1773 freimachen wollten. Das war ja wohl die Bostoner Tea Party. Aber Geschichte wiederholt sich; leider keine bloße Farce. Deshalb der Reihe nach.
In der kolonialen Weltsicht gibt es kein vielseitiges Miteinander der Völker dieser Erde. Es gibt den Rest der Welt nur als einen bunten Zoo, in dem man sich nach Herzenslust bedienen kann. Das Recht auf Ausbeutung beschränkt sich nicht auf exotische Früchte; es schließt die Bodenschätze ein und am Ende die Menschen als Sklaven. Gleichzeitig hat man immer schon seine Rolle als Kolonialherr verklärt. Am erfolgreichsten wohl die Engländer im Konzept des edlen und daher sanften Mannes, dem „gentleman“.
Dabei hat man nicht alles spätere Übel erfinden müssen; oft wurden nur örtliche Unarten zum System erhoben und zur Weltherrschaft gebracht. Das gilt für das Opium wie den Sklavenhandel. Man langte zu, weil man die fremde Welt so angelegt sah, als Gelegenheit zur Bereicherung. Was der Portugiese einmal in Händen hat, sagte ein Sprichwort, das gibt er niemals wieder her. Und der Moff!
Mynheer Peeperkorn ist eine literarische Figur bei Thomas Mann, übernommen aus einem gängigen Vorurteil seiner Zeit, dass die reichen Holländer ihren Wohlstand dem Gewürzhandel mit den Molukken verdankten. Das mag heute amüsant finden, wer am Sonntag vom Niederrhein oder aus dem Revier ins Nachbarland rüberfährt, um zu shoppen. Denn natürlich haben die Supermärkte dort am Sonntag auf. Die Moffen sind eine Nation der Händler und für ihre Geschäftstüchtigkeit bekannt.
Das begann schon zu Beginn des 17. Jahrhunderts, wenn nicht früher. Damals beherrschten die Welt zwei kleine Nationen, die Flamen und die Portugiesen. Sie brachten das Opium in die Welt, diese Drecksäcke. Ich lese SMOKE AND ASHES, eine Geschichte des Opiums, von einem kundigen Bengali verfasst, den ein Zorn auf die „Vereenigde Oostindische Compagnie“ treibt; der ostindische Gewürzhandel als Motor des Kolonialwarenhandels. Später steigen hier in großem Stil die Briten ein; die „confessions of the English opium eater“ werden Weltliteratur. Wir haben Zeugnisse von George Orwell und Rudyard Kipling, die beide vor Ort waren.
Opium diente eingangs zur Unterwerfung der dazu verführten Völker und dann als Handelsgut. Natürlich war es angenehmer, sein Schiff mit dem weißen Poppy-Gold zu beladen als mit Bergen von lebenden Leibern. Leider vergleicht mein Autor die Opiumkriege, die bis ins 18. und 19. Jahrhundert gingen, mit dem heutigen Vorgehen von Big Pharma. Das halte ich für überzogen. Aber so ganz sicher sein kann man nicht. Denn das Koloniale hatte immer eine doppelte Tugend: Die fürchterlichen Dinge draußen in der Welt zu tun und dabei zuhause gut auszusehen. Der Tee in der Tasse des Gentleman hat nie berichtet, wie er da wohl hinkam.