Logbuch

MENTALITÄT.

Der politische Aschermittwoch zielt auf das Bauchgefühl der Menschen. Also deren Vorurteile über sich selbst. Das ist raffiniert, wenn es gelingt.

Der Franke Markus Söder versucht am Aschermittwoch in seiner Bierzeltrede krampfhaft authentisch zu klingen. Und das heißt in der Tradition der CSU wie der historische Franz Josef Strauß. Ein urbayrisches Viech mit Haxen will er sein und ist doch nur ein evangelischer Grobian, der eine schlecht geschriebene Rede schlecht vorträgt. Der Text ist aus sperrigen Schlagworten gedrechselt und gewinnt an keiner Stelle die Kraft einer Parole. Der Redner wirkt nüchtern und unsicher. Das ist unbayrisch.

Natürlich ist das Bundesland Bayern ein Konglomerat unterschiedlicher Stammeskulturen, die in sich schon divers sind. Söder versucht ein konservatives Selbstverständnis gegen den grünen Zeitgeist zu stellen, ohne dass ihm das Schwarze der CSU in das Braune der AfD abgleitet. In sich schon nicht leicht. Der Aufstieg der CSU zur Volkspartei war historisch ein steiniger Weg in einem eher separatistischen Milieu. Und dann ist da immer noch die „libertas bavariae“, eine freiheitliche Tradition, die nicht unter die preußische Pickelhaube passt.

Mentalitäten sind Vorurteile, die viele teilen. Wie alle Vorurteile stimmen sie und sie stimmen nicht. Diese Zwitterwesen aus Dichtung und Wahrheit nehmen daher ihre Langlebigkeit; daraus, dass sie erfahrungsnahe Konstruktionen sind. Die Mentalität ist vorsätzlich typisch, auch wenn es öfter Ausnahmen gibt als die Regel. Das Typische freut uns, wenn wir es entdecken.

Ich hatte mal einen Chef, der sah einem Auto an, ob es ein portugiesischer Fischer gefertigt hatte oder ein tschechischer Schraubenschlüssel. Der wusste sogar innerhalb einer Marke zu sagen, ob das Gerät aus Baden-Württemberg oder Bayern kam. Dabei stammte der ganze Laden ursprünglich aus Sachsen. Aber darüber wurde nicht gesprochen. Auch weil in der Hierarchie der wünschenswerten Mentalitäten das Sächsische nicht besonders weit oben steht. Ein Vorurteil über Vorurteile.

Ich kannte mal einen Redenschreiber von Helmut Schmidt, der es im damaligen Kanzleramt zu Ruhm gebracht hatte, weil er für ihn eine Rede vor der englischen Labour Party verfasst hatte, die den Saal toben ließ. Er war ein liberaler Diplomat, der rote Rhetorik simulieren konnte. Er trug übrigens immer zwei Füllfederhalter der Marke Montblanc Meisterstück sichtbar im Anzug, was ich damals eher affig fand.

Der Erfolg von Mentalitäts-Rhetorik liegt darin, dass alle Menschen es lieben, wenn ihre Vorurteile bestätigt werden. Gibst Du meinem Bauch Recht, gebe ich Dir meine Stimme.

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NACHTLEBEN.

Die Nacht ist uns zur Einkehr gegeben, zum Schlaf. Wenn da nicht die Lichter der großen Stadt wären und die Versuchungen der halbdunklen Gassen. Metropoles Zwielicht.

Die osmanische Metropole wandelt sich mit dem Sonnenuntergang völlig. Wo gerade noch ein Universum an Gütern aus den Ladenlokalen prahlerisch in die Gassen des Bazars platzte, kehrt nicht nur Ruhe ein. Die bunte Vielfalt verschwindet völlig hinter grauen Toren. In wenigen Augenblicken herrscht nach außen die Leere von Trutzburgen, die ihr Innerstes nächtens trotzig verbergen.

Die Nacht wird als allgemeines Unheil angenommen, gegen das man sich mit Tür und Tor, Schloss und Riegel zu schützen hat. Das Leben verlagert sich in die Privatsphäre der geschützten Häuser. Hier nimmt Kerzenschein der Dunkelheit ihren Schrecken. Alle Höfe haben zur Straße riesige Tore. Die metropole Architektur etwa Konstantinopels spiegelt jenen Wechsel von einem Extrem ins andere bis heute. Das Nachtleben ist vor allem eins: verborgen.

Mit dem ausgehenden 17. Jahrhundert nehmen die Großstädte des Westens eine andere Wende. In ihnen entsteht nach Sonnenuntergang eine ganz und gar nicht private Vergnügungskultur. Ab 1660 setzt in Paris die Straßenbeleuchtung ein; die Nacht wird zum Tage. Alle Großstädte folgen. Ein Kulturbruch. Das Nachtleben entfaltet ein ganzes Gewerbe. Um höhere Kultur rangt sich Gastronomie vom Restaurant über den Tanzsaal bis zur Eckkneipe. In Deutschland ist dies bis vor 100 Jahren das schrille Berlin, dessen Straßen von Gaslaternen erhellt werden.

Ich lese aus dem 18. Jahrhundert die Briefe einer englischen Botschaftersgattin, die die Ambiguität des stillen Istanbul gegenüber dem wilden London preist. Das Osmanische war eine eigene Hochkultur des Heimlichen, die dem Fremden zu einem Teil verschlossen bleibt. Das grelle Nachtleben der christlichen Pendants beruhte auf etwas tief Trivialem: „street lighting“. Stadtgas.

Heute irritiert „gas lighting“ in viel weiterem Sinne; aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.

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ASCHERMITTWOCH.

Ab jetzt werden alle Buße tun, auf Fleischliches verzichten, abstinent leben und zwecks Läuterung in Sack und Asche gehen. Weil für den Christenmenschen auf die Sünde die Reue folgt. Wenn er doch noch in den Himmel will.

Ich habe da meine Zweifel, ob dieser Vorsatz unter dem Aschekreuz vierzig Tage, sprich bis Ostern, hält. Mein Blick auf Politik und deren Spiegelung in den Medien ist zwar des Possenspiels müde. Mich amüsiert Karneval nicht. Büttenreden ermüden mich. Albernheit ist mir peinlich. Aber der Karneval wird als Jahrmarkt der Eitelkeit weitergehen.

Im nationalen Staatstheater wird längst Komödie gegeben, während ich auf internationaler Bühne Tragödien aufziehen sehe. Manchmal denke ich, ich sollte meine Anstellung als Souffleur aufgeben, nicht mehr Strippen ziehen und, beispielsweise, die Garderobe übernehmen. Oder Hausmeister? Das wäre was.

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DIE AUFTEILUNG DER WELT.

Man wundert sich über die Töne aus dem Reich der Neuen Rechten in den USA zur Rollenverteilung in der Welt. Die Fans der Tea Party klingen wie Wiedergänger längst vergangener Zeiten; sie klingen wie ihre eigenen Kolonialherren, von denen sie sich 1773 freimachen wollten. Das war ja wohl die Bostoner Tea Party. Aber Geschichte wiederholt sich; leider keine bloße Farce. Deshalb der Reihe nach.

In der kolonialen Weltsicht gibt es kein vielseitiges Miteinander der Völker dieser Erde. Es gibt den Rest der Welt nur als einen bunten Zoo, in dem man sich nach Herzenslust bedienen kann. Das Recht auf Ausbeutung beschränkt sich nicht auf exotische Früchte; es schließt die Bodenschätze ein und am Ende die Menschen als Sklaven. Gleichzeitig hat man immer schon seine Rolle als Kolonialherr verklärt. Am erfolgreichsten wohl die Engländer im Konzept des edlen und daher sanften Mannes, dem „gentleman“.

Dabei hat man nicht alles spätere Übel erfinden müssen; oft wurden nur örtliche Unarten zum System erhoben und zur Weltherrschaft gebracht. Das gilt für das Opium wie den Sklavenhandel. Man langte zu, weil man die fremde Welt so angelegt sah, als Gelegenheit zur Bereicherung. Was der Portugiese einmal in Händen hat, sagte ein Sprichwort, das gibt er niemals wieder her. Und der Moff!

Mynheer Peeperkorn ist eine literarische Figur bei Thomas Mann, übernommen aus einem gängigen Vorurteil seiner Zeit, dass die reichen Holländer ihren Wohlstand dem Gewürzhandel mit den Molukken verdankten. Das mag heute amüsant finden, wer am Sonntag vom Niederrhein oder aus dem Revier ins Nachbarland rüberfährt, um zu shoppen. Denn natürlich haben die Supermärkte dort am Sonntag auf. Die Moffen sind eine Nation der Händler und für ihre Geschäftstüchtigkeit bekannt.

Das begann schon zu Beginn des 17. Jahrhunderts, wenn nicht früher. Damals beherrschten die Welt zwei kleine Nationen, die Flamen und die Portugiesen. Sie brachten das Opium in die Welt, diese Drecksäcke. Ich lese SMOKE AND ASHES, eine Geschichte des Opiums, von einem kundigen Bengali verfasst, den ein Zorn auf die „Vereenigde Oostindische Compagnie“ treibt; der ostindische Gewürzhandel als Motor des Kolonialwarenhandels. Später steigen hier in großem Stil die Briten ein; die „confessions of the English opium eater“ werden Weltliteratur. Wir haben Zeugnisse von George Orwell und Rudyard Kipling, die beide vor Ort waren.

Opium diente eingangs zur Unterwerfung der dazu verführten Völker und dann als Handelsgut. Natürlich war es angenehmer, sein Schiff mit dem weißen Poppy-Gold zu beladen als mit Bergen von lebenden Leibern. Leider vergleicht mein Autor die Opiumkriege, die bis ins 18. und 19. Jahrhundert gingen, mit dem heutigen Vorgehen von Big Pharma. Das halte ich für überzogen. Aber so ganz sicher sein kann man nicht. Denn das Koloniale hatte immer eine doppelte Tugend: Die fürchterlichen Dinge draußen in der Welt zu tun und dabei zuhause gut auszusehen. Der Tee in der Tasse des Gentleman hat nie berichtet, wie er da wohl hinkam.